Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Macht und Regeln

Von Dietmar Dath
 - 14:30
zur Bildergalerie

Wenn du was machen oder lassen kannst, musst du dich entscheiden. Wenn du zu einer Gruppe gehörst, die was machen oder lassen kann, muss die Gruppe sich entscheiden. Weil eine Gruppe aus verschiedenen Leuten besteht, die nicht alle dasselbe wollen, braucht so eine Gruppe für Entscheidungen länger als eine Einzelperson. Wenn einige in der Gruppe anderen nicht trauen, können sie zusammen eine Einzelperson wählen, die entscheidet, wenn die Gruppe als Ganze unentschieden ist. Auch auf diese Person muss sich die Gruppe aber erst mal einigen.

Die allerersten Menschengruppen, die es gab, hatten für Entscheidungen wenig Zeit. Wenn man in Not ist, muss man sich beeilen. Die allerersten Menschengruppen waren ständig in Not. Denn Menschen haben kein Fell und halten schlimmes Wetter schlecht aus, Menschen sind langsamer und schwächer als viele Tiere, die uns fressen können und wollen, außerdem sind Menschen auch langsamer und schwächer als viele Tiere, die wir essen können und wollen, und wenn Menschen lieber keine Tiere essen sondern irgendwas, das wächst, fressen das die stärkeren und schnelleren Tiere den Menschen leicht weg.

Die Gefahr der Gewohnheit

Die ersten Menschengruppen hatten nur einen Vorteil: sie konnten, weil sie mehr Verstand hatten als die meisten Tiere und genauere Sprachen, zusammen denken, planen, sich verabreden. Also haben sie zusammen gejagt, anderes Essen gesammelt, bald sogar das selber zusammen gepflanzt, was sie essen wollten. Sie haben sich sichere Unterkünfte gegen das Wetter gesucht und auch sonst zusammen viel gegen die Not unternommen. Dabei wurde, weil ja noch viel Not war, oft nicht abgestimmt, sondern irgendwelche Leute, die schneller und stärker als andere waren, besser reden konnten oder sonst etwas in die Gruppe mitgebracht hatten, was alle brauchten, setzten sich durch.

Diese Leute hatten dann Macht, und die anderen gewöhnten sich daran, zu tun, was diese Mächtigen sagten, weil das am Anfang schneller ging und praktischer war, nach einer Weile aber auch einfach das, was sie immer gemacht hatten. Oft gaben die Mächtigen ihre Macht an ihre Kinder weiter, und auch das fanden die meisten normal, weil es praktisch war und schneller ging und nicht immer die neuen Mächtigen lange ausgesucht werden mussten. Immer gab es ein paar, die sahen, dass bei diesen Gewohnheiten die Gefahr besteht, dass die Mächtigen manchmal so entscheiden, dass sie mehr davon haben als alle anderen in der Gruppe, aber wenn sich alle an was gewöhnt haben, ändert man das nicht leicht, man müsste sich zum Beispiel verabreden, und die Mächtigen passen gern auf, dass das nicht passiert.

Es ist immer komplizierter, gerecht zu sein

Nach einer Weile aber war sehr viel von der alten Not weg. Denn die Mächtigen mussten ja zeigen, dass ihre Macht für alle gut war, und deshalb erlaubten sie, dass einige Leute mit neuen Ideen, die für die Gruppen gut waren, von den Ergebnissen dieser Ideen einiges behalten durften. Diese neuen Ideen waren zum Beispiel Maschinen, mit denen man viel Not abschaffen kann. Wer spät auf die Welt kommt, findet viel von der alten Not nicht mehr; es gibt schon sichere Unterkünfte gegen das Wetter, es gibt schon viel zu essen, das Menschen selber machen, und in manchen Gegenden eher Reichtum als Not. Von denen, die diesen Reichtum mit ihren Ideen möglich machten, waren nicht alle mächtig, aber sie kamen auf die Idee, dass man, wo weniger Not ist, mehr Zeit hat, darüber zu reden, was für die Gruppe gut ist. Sie wollten die alten Gewohnheiten ändern und die Mächtigen zwingen, nicht mehr schnell, stark und aus dem eigenen Kopf zu entscheiden, sondern sich an Regeln zu halten, die dafür sorgen, dass die Mächtigen nicht zu sehr an sich selber denken.

Sogar die Allermächtigsten, die Könige, mussten sich nach einer Weile an diese Regeln, die Verfassungen, halten, und durften immer weniger entscheiden. Bald stand in den Regeln sogar, dass niemand für immer bestimmen darf, sondern dass diejenigen, die entscheiden, nur für eine Weile entscheiden dürfen und dass sie einander gegenseitig kontrollieren, und dass diejenigen, die dafür sorgen, dass das, was in den Regeln steht, auch gemacht wird, selber auch wieder kontrolliert werden. Es wurde sehr kompliziert, aber man hatte ja jetzt Zeit dafür, und es ist immer komplizierter, gerecht zu sein, als einfach irgendwas zu bestimmen.

Angstmacher Erdogan

Vor zweihundert Jahren waren viele kluge Leute überzeugt, dass es irgendwann überhaupt keine Mächtigen mehr geben würde und alle immer alles zusammen entscheiden würden, dass also die ganze Macht irgendwann bei den Regeln liegt und nicht mehr bei einzelnen Leuten. Auf diese Idee kamen sie, weil sie erlebt hatten, wie die Mächtigen immer mehr Regeln gehorchen mussten und die Not, die verhindert hatte, dass man in Ruhe gemeinsam entscheidet, immer kleiner wurde. Weil viele gute Sachen zum ersten mal passierten, da ja alles irgendwann zum ersten mal passiert, dachten diese Leute, es würden immer mehr gute Sachen passieren. Sie hatten übersehen, dass diese Veränderungen nicht überall gleichzeitig passierten, dass in manchen Gegenden die Not schneller schrumpfte als in anderen, dass in manchen Gegenden die Mächtigen schneller von Regeln eingeschränkt wurden als anderswo. Sie hatten auch übersehen, dass die mit den guten Ideen, die dafür sorgen wollten, dass die Mächtigen nicht mehr so viel alleine bestimmen, selber dadurch manchmal auch Mächtige wurden und diese Macht an ihre Kinder weitergeben konnten. Sie dachten auch nicht daran, dass man gute neue Sachen auch wieder rückgängig machen kann.

Der Präsident der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, will in seinem Land die Regeln ändern, die verhindern, dass er als Mächtiger machen kann, was er will. Die Regeln sorgen dafür, dass man ihn kritisieren und ihm die Macht wegnehmen kann, er will sie so ändern lassen, dass das schwieriger wird. Die Leute in der Türkei sollen darüber abstimmen, aber er benutzt seine Macht dazu, ihnen Angst vor Not zu machen: vor Leuten in ihrem Land, die jetzt keine Macht haben und mehr Macht wollen, vor Leuten außerhalb des Landes, die nicht dasselbe denken und machen wollen wie die Leute im Land. Er sagt den Leuten in der Türkei, dass die Not für alle größer wird, wenn ihn andere dabei stören, alles alleine zu entscheiden. Wenn sie das glauben, werden sie dafür abstimmen. Das können sie jetzt entscheiden, aber wenn sie die falsche Entscheidung treffen, können sie in Zukunft viel weniger entscheiden. Schlechte Entscheidungen, die selber die Not vergrößern, können nämlich wieder dazu führen, dass man keine Zeit und keine Macht mehr hat, die Ergebnisse der schlechten Entscheidung zu ändern. Das ist das Schlimmste an ihnen.

Mehr Macht für Erdogan?
Türkei vor Referendum gespalten
© AFP, afp
Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
Twitter
  Zur Startseite