Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Warum es Tierversuche gibt

Von Joachim Müller-Jung
 - 15:10

Müssen Tiere für Menschen leiden? Ja, und das nicht nur im Labor. Jeden Tag. Haustiere, Schlachttiere, Wildtiere. Dürfen Menschen Tiere quälen? Nein, das ist verboten. Zu Hause, auf dem Schlachthof, im Zirkus, im Labor und auch draußen in der Natur. Seit 15 Jahren sind Tiere vom Staat prinzipiell genauso durch das Grundgesetz geschützt wie jeder Mensch. Trotzdem behandeln wir unsere Mitgeschöpfe nicht immer so, wie Tierschützer diesen Grundgesetz-Paragrafen gerne lesen. Tiere sind also nicht tabu, sie sind nicht absolut gleichberechtigt. Der Mensch darf Tiere zu bestimmten Zwecken nutzen – er darf sie dabei eben nur nicht quälen. Und das gilt auch für Tierexperimente in Versuchslabors.

Wurde aber nicht genau das gemacht mit den zehn Javaneraffen, die für die von der deutschen Autoindustrie finanzierten Dieselabgasttests in Amerika stundenlang in Versuchskammern mit steigenden Abgas-Mengen geschlossen wurden? Man nennt das Expositionsversuche. Die Tiere werden potentiell schädlichen Gasen ausgesetzt. Zugegeben: Um es den Affen so angenehm wie möglich zu machen in den Smogkammern, durften sie sich darin frei bewegen und spielen, am liebsten aber sahen die Affen Comic-Videos, wie das oft bei wissenschaftlichen Experimenten mit Affen gemacht wird. Affen sind Primaten, die nächsten der Verwandten der Menschen. Der Darmstädter Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg hat diesen wichtigen Umstand im 18. Jahrhundert (übrigens bevor Charles Darwin geboren war, der größten Biologe aller Zeiten) besonders gut und pointiert getroffen: „Der Mensch kommt unter allen Tieren in der Welt dem Affen am nächsten.“

Ob die Affen unter den Autoabgasen gelitten haben, wissen wir nicht, aber dass sie nicht absichtlich gequält wurden, dürfen wir schon annehmen, egal wie die Motive der Auftraggeber waren. Expositionstests sind üblich, auch solche, an denen die Industrie beteiligt ist. Die Toxikologie ist das damit betraute Fachgebiet. Toxikologen wollen herauszufinden, ob Wirkstoffe, Gase oder Chemikalien – , von denen es Zehntausende gibt und jedes Jahr neue – wirklich schädlich sind. Deshalb sind sie seit jeher üblich, auch an Affen. Nicht an Menschenaffen allerdings: Schimpansen, Gorillas oder Orang Utans. Sie stehen uns besonders nahe – biologisch genauso wie emotional. Mit ihnen können sich Menschen besonders gut identifizieren. Menschenaffenversuche sind in Deutschland schon lange verboten. Auch dann, wenn es um Gesundheitstests geht, wenn also geprüft werden soll, wie sicher oder eben auch schädlich Wirkstoffe sind, aus denen einmal Arzneien werden sollen. Auch weltweit werden solche Versuche immer weniger zugelassen. Ausnahme: China. Dort werden gerade riesige Tierversuchsfabriken aufgebaut, in denen auch verstärkt Affen gezüchtet, genutzt und künftig wohl auch geklont werden.

Bei den Tierversuchen mit Schadstoffen werden hauptsächlich Mäuse und Ratten eingesetzt. In Deutschland sind vier von fünf Versuchstieren solche Nager. Die Experimente sollen helfen, Schadstoff-Grenzwerte zu ermitteln, beziehungsweise genau das Entgegengesetzte: herauszufinden, in welchen Konzentrationen die Substanzen für den Menschen (und auch für Tiere) zum Beispiel bei der Arbeit, beim Essen, im Stall oder in Gebäuden sicher noch verträglich sind.

Solche Tierversuche gelten, wenn sie so durchgeführt werden, dass möglichst wenige Tiere benötigt werden und keine Qualen erzeugen, als sinnvoll – und ethisch vertretbar nach Auffassung der großen Mehrheit der Menschen. Die Wissenschaftler und der Gesetzgeber, der die Tierversuche seit Jahren immer strenger reguliert, spricht von der „Hochrangigkeit“ der Versuche. Trifft das auch für die Abgastests der Autofirmen zu? Eher nicht. Denn in dem Fall steht der begründete Verdacht im Raum, dass die Firmen gezielt Daten sammeln wollten, die von den Lobbyisten als Beweis für die Unschädlichkeit der Abgase gegenüber der Politik verwendet werden wollten. Und als wissenschaftliches Material, um die längst schon in vielen Experimenten ermittelten Schadstoff-Grenzwerte zu untergraben. Wissenschaftlich waren die Tests auch nicht so angelegt, dass sie aussagekräftige neue Erkenntnisse zu den Gesundheitsgefahren der Gase oder zu ihrer Wirkungsweise in den Lungen oder im Blut liefern konnten. Man könnte sagen, diese Tierversuche waren unnötig und unangemessen. Und genau das will der Gesetzgeber mit den Tierschutzvorschriften verhindern: unnötige und inakzeptable Tierversuche.

Von vornherein verboten sind deshalb seit einigen Jahren schon in Europa Tierversuche zur Entwicklung von Waffen, Kosmetika, Waschmitteln und Tabakwaren. Es gibt auch immer neue Ideen, wie man auf Tierversuche bei der Prüfung von Substanzen verzichten kann. Zum Beispiel mit menschlichen Zellen aus der Haut, der Leber oder aus dem Blut, die man in Petrischalen züchtet und einer Art Mini-„Bioreaktor“ kultiviert, der mit vielen Sensoren ausgestattet ist und fleißig Daten aus dem Stoffwechsel liefert. „Alternativmethoden“ für Tierversuche sind gefragt. Aber Chemikalien wirken oft gleichzeitig auf das Immunsystem, das Gehirn, die Nerven oder innere Organe. Diese Netzwerkeffekte muss man auch kennen, um herauszufinden, wie die fremden Stoffe im Körper wirken, wie sie abgebaut werden oder wie sie unser Immunsystem belasten. Deshalb gibt es immer noch viele Tierversuche. Vergangenes Jahr waren es fast drei Millionen in Deutschland. Weniger werden es nicht, vor allem bei den Nagern nicht, weil es auch immer mehr genetisch verändert, quasi biologisch programmierte und „maßgeschneiderte“ Zuchtmäuse gibt. Sie setzt man ein, um im Versuchstier ganz gezielt krankmachende Defekte quasi nachzubauen. Mäuse, die zum Beispiel die defekten Proteine im Gehirn anhäufen, welche Hirnkrankheiten wie vielleicht Alzheimer oder Parkinson auslösen sollen. Solche „Tiermodelle“ sollen mehr medizinischen Fortschritt bringen. Aber das hat seinen Preis, und den zahlen die Versuchstiere mit ihrem Leben.

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Um sicher zu stellen, dass der Preis auch für die Tiere so gering wie möglich ist, muss jedem Tierversuch eine Behörde des jeweiligen Landes und eine Tierschutzkommission zustimmen, in der auch Tierschützer sitzen. Sie dürfen Einwände vorbringen und Auskünfte verlangen von den Forschern. So kommt es auch, dass die Genehmigung von Tierversuchen lange dauert. Oft viele Monate. Jedes Projekt wird genau dokumentiert und begründet, Tausende Seiten Papier stapeln sich häufig, ehe ein Forschungsprojekt beginnen kann. Die Forscher müssen auch genau aufschreiben, wie viel Leid die Tiere zu erwarten haben, es gibt einen Belastungskatalog. Bei etwa fünf Prozent, also jedem zwanzigsten Tier, werden nach der offiziellen Statistik „schwere Belastungen“ erwartet. Das sind zum Beispiel Belastungen für das Tier, die Schmerzen verursachen können. Die Forscher prüfen das nach Verhaltenskriterien, oft auch mit Bildern, die über den Käfigen hängen. Versuche mit länger anhaltenden Schmerzen werden aber nicht genehmigt. Alles muss genau dokumentiert werden von den Forschern, die auch einen Tierschutzbeauftragten als „Aufsicht“ haben. Mit diesen für die Forschung extrem hohen Hürden soll auch sicher gestellt werden, dass nicht jeder im Labor einfach Tierversuche machen kann.

Diese Hürden des Tierschutzes sind in den letzten Jahren immer höher geworden. Nach dem Bekanntwerden der ethisch fragwürdigen Abgastests kann es gut sein, dass die Hürden noch höher gesetzt werden. Das gilt vor allem für Versuche mit Affen, die in unserem Land inzwischen nur noch 0,06 Prozent aller Tierversuche ausmachen.

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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