Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Was in unserem Kopf passiert, wenn wir lesen

Von Fridtjof Küchemann
 - 19:45

Jeder, der sich gern in Bücher vertieft, kennt dieses Phänomen, und meistens finden wir gar nichts dabei: Wir haben eine ganz genaue Vorstellung vom Aussehen einer Figur, von der Ausstattung eines Raumes, von einer Szene oder Landschaft, ohne je ein Bild davon gesehen zu haben – und sogar, ohne dass uns eine detaillierte Beschreibung in der Geschichte auf die Sprünge geholfen hätte. Meistens fällt uns das erst auf, wenn wir mitbekommen, wie sich jemand anderes das vorstellt: wenn jemand ein Bild davon gemalt hat oder genau davon erzählt – oder wenn wir einen Film sehen, der aus dem Buch entstanden ist.

Die armen Filmregisseure müssen sich auf einmal alles ganz genau ausdenken: Worin unterscheiden sich all die Zauberstäbe bei „Harry Potter“? Wie ist Bilbo Beutlin eingerichtet? Und wie sieht Mr. Curry aus, der griesgrämige Nachbar der Familie Brown aus den „Paddington“-Geschichten? Wie hört sich seine Stimme an? Sie beschäftigen einen Haufen Kostümbildner, Requisiteure und Ausstatter, suchen sich ihre Schauspieler ganz genau aus – und bekommen trotzdem immer wieder zu hören: „Das ist aber ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte!“

Beim Lesen braucht man nämlich gar nicht viel, um zu glauben, dass man alles kennt und weiß und gesehen hat. Das liegt daran, dass beim Lesen die Vorstellungskraft ja sowieso auf Hochtouren läuft: Wir sehen ein paar der nicht einmal dreißig Buchstaben unseres Alphabets hintereinander und nach einem kleinen Zwischenraum wieder ein paar in einer anderen Reihenfolge. Und wer lesen kann, für den ergeben diese eigentlich doch recht seltsamen Zeichen Sinn!

Wir können das ja mal ausprobieren:
„Sie rannte los, so schnell sie ihre Füße trugen.“

Dieser einfache Satz verrät so gut wie nichts darüber, wer hier rennt: Ist es ein junges Mädchen, eine erwachsene Frau oder vielleicht sogar ein Tier, eine Stute? Läuft sie zur Tür, weil es geklingelt hat, davon, weil jemand hinter ihr her ist, oder einfach so? Drinnen oder draußen, bei Tag oder Nacht, guter Laune oder verängstigt? Woher sollen wir das wissen? Und doch haben wir schon nach einem einzigen kurzen Satz ein Gefühl dafür, wer hier rennt und wo und warum – aber diese Vorstellung ist nicht bei jedem die Gleiche.

Für Leseforscher ist das ein spannendes und ergiebiges Thema: Die untersuchen, ob wir langsamer beim Lesen werden, wenn die Vorstellungskraft angesprochen wird, ob es Unterschiede gibt, wenn wir uns beim Lesen etwas zum Sehen, Hören, Riechen oder Fühlen vorstellen – oder ob wir uns beim Lesen derselben Passage etwas Ähnliches oder gänzlich Unterschiedliches vorstellen. Aber dass wir das, was wir lesen, mit etwas ergänzen, was unseres Wissens und unserer Erfahrung nach gut dazu passt, ist Grundlage all ihrer Arbeit. Und es war Grundlage des Überlebens unserer Vorfahren, schon bevor sie überhaupt so etwas wie Schrift entwickelt hatten: Sie lasen zum Beispiel Tierspuren und stellten sich vor, dass sie von einem Tier zum Weglaufen oder zum Hinterherjagen stammten.

Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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Lange Zeit gab es offenbar nur eine gebräuchliche Art zu lesen, nämlich laut – allein oder mit Zuhörern. Und dass Geschichtenerzähler es schaffen, mit ihrem Vortrag andere in den Bann zu schlagen, ist fast so alt wie das Fährtenlesen. Vor über 1600 Jahren hielt einer der großen Weisen des frühen Christentums, Augustinus, eine eigentümliche Beobachtung fest: Er hatte Ambrosius, den Bischof von Mailand, beim Leiselesen gesehen. „Wenn er las, überspannten seine Augen die Seiten, und mit dem Herzen nahm er die Bedeutung auf“, schreibt Augustinus. Und schöner kann man das, was beim Leiselesen passiert, auch heute noch nicht ausdrücken.

Quelle: FAZ.NET
Fridtjof Küchemann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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