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Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Warum das Wählen nicht so wichtig aussieht, wie es ist

Von Fridtjof Küchemann
 - 19:43
Aber nicht gucken! Bei der sächsischen Landtagswahl am 30. August 2009 hat eine Mutter in Leipzig ihr kleines Kind einfach mit in die Wahlkabine genommen. Bild: Picture-Alliance, FAZ.NET

Echt jetzt? Da kann man wochenlang nicht mehr einkaufen gehen, ohne dass den Großen bunte Zettel und den Kleinen bunte Luftballons in die Hand gedrückt werden, das Fernsehen und die Straßen sind voller Werbung, alle sind gespannt, endlich ist der große Tag da, und dann das? In irgendeinem Klassenraum sitzen irgendein paar ganz normale Leute, machen für jeden, der kommt, ein Kreuz in einer Liste, dann dürfen die Erwachsenen nacheinander hinter einer Pappwand verschwinden und auch noch mal zwei Kreuze auf einen Zettel machen, ihn durch einen Schlitz in eine Kiste stecken, und das war’s?

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Man muss sich doch nur vorstellen, wie wichtig die Bundestagswahl ist, was für eine Entscheidung am Sonntag über 61 Millionen Menschen in Deutschland treffen können. Was die Parteien alles veranstaltet und ausgegeben haben, damit sich die Wähler für sie entscheiden. Und was die Medien nicht alles unternommen haben, damit die Wähler sich nicht nur auf die Werbung der Parteien verlassen müssen. Wenn man sich das alles vorstellt, dann ist es schon ganz schön seltsam, wie hemdsärmelig die Wahl selbst abläuft.

Schule oder Feuerwehr: Hauptsache, es ist Platz zum Wählen

Aber wenn man sich fragt, wie es denn anders sein könnte, dann ist es auch schon wieder ganz gut so: Politische Wahlen gibt es ja nicht so oft – die für den Bundestag im Normalfall nur alle vier Jahre, dazu die Landtags- und Kommunalwahlen, dann noch die zum Europäischen Parlament – das ist vielleicht im Durchschnitt eine Wahl pro Jahr, immer nur einen Tag lang, von 8 bis 18 Uhr, dafür aber in 88.000 Wahlbezirken in ganz Deutschland. Dass man dafür keine eigenen Gebäude baut, leuchtet schon irgendwie ein. Und dass die Rathäuser dafür nicht reichen, auch.

Deshalb wird in Schulen gewählt und in Kindergärten, in Kirchengemeindehäusern und Ämtern, auch mal in Gasthäusern, bei der Feuerwehr oder sogar in einem Besucherraum auf dem Friedhof. Hauptsache, ein solches Wahllokal (so heißen alle, nicht nur die Gasthäuser) ist gut erreichbar, und es gibt Platz dafür, dass jeder in Ruhe und für sich allein wählen kann, ohne dass ihm jemand über die Schulter schaut.

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Nur wer zur Wahl steht, kann nicht im Wahllokal arbeiten

Die Wahlen sind nämlich geheim. Niemand muss verraten, wen er gewählt hat. Deshalb gehen die Wähler auch einzeln und allein hinter diese Pappwand und kommen mit einem zusammengefalteten Zettel wieder raus. Niemand darf die Wähler dann noch beeinflussen, deshalb darf auch keine Wahlwerbung bei den Wahllokalen gemacht werden. Und gemogelt werden darf auch nicht. Deshalb gibt es Leute, die darauf achten, dass jeder nur einmal wählt und dass jeder nur einen einzigen Wahlzettel in den Schlitz steckt. Diese Leute heißen Wahlvorstände, es gibt mindestens fünf und höchstens neun in jedem einzelnen Wahllokal, und sie machen ihre Arbeit ehrenamtlich, das heißt sie verdienen damit nichts, sondern bekommen nur eine kleine Aufwandsentschädigung, die Erfrischungsgeld heißt. Das ist so lange lustig, bis einem einfällt, dass bei zehn Stunden im Wahllokal eine Erfrischung vielleicht gar keine schlechte Idee ist.

Jeder, der wählen darf, kann bei einem solchen Wahlvorstand mitmachen, es sei denn, er steht selbst zur Wahl. Dann könnte er vielleicht die Wähler doch noch beeinflussen, indem er sie besonders anstrahlt – oder so viel unsympathischer aussieht als auf den Wahlplakaten in den Wochen zuvor. Und noch mehr: Jeder Wahlberechtigte kann zu diesem Amt von der Gemeinde verpflichtet werden.

Beeinflussung und Betrug gibt es auch heute noch

Zum Wählen ist allerdings niemand verpflichtet. Vor vier Jahren, bei der letzten Bundestagswahl, haben 71,5 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben, vier Jahre vorher waren es noch weniger. Wer die freie Wahl hat, hat eben auch die Wahl, nicht zu wählen, ohne dass er etwas zu befürchten hat. Anders als in der DDR bis 1989, anders als in Hitler-Deutschland 1936 und 1938. Da lagen die Wahlbeteiligungen bei 99 Prozent oder darüber, aber da wurde nicht nur von den Leuten erwartet zu wählen, sondern auch, die Herrscher zu wählen.

Man muss aber in der Geschichte gar nicht weit zurückgehen und in der Gegenwart gar nicht weit weg, um zu sehen, wie gut es uns damit geht, dass so unaufgeregte Wahlen etwas Selbstverständliches sind. Erst im April sind in der Türkei bei einer ganz wichtigen Abstimmung auf Druck des Präsidenten 2,5 Millionen Stimmen, die eigentlich gar nicht hätten gezählt werden dürfen, doch so gezählt worden, dass sie den Präsidenten unterstützen. Damit er noch mehr Macht bekommt und das Parlament weniger vom Volk, sondern mehr von ihm abhängig ist. Auch wenn etwas Selbstverständliches nicht unbedingt etwas Alltägliches sein muss, ist es gar nicht schlecht, dass es sich ein bisschen nach Alltag anfühlt – in einer alltäglichen Umgebung, mit alltäglichen Menschen.

Quelle: FAZ.NET
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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