Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Warum die Türkei uns nicht egal ist

Von Oliver Georgi
 - 11:59

Was in der Türkei passiert, ist vielen Deutschen nicht egal – weil sie selbst Türken sind. Rund 1,4 Millionen der 80 Millionen Menschen in unserem Land haben einen türkischen Pass, und sie verfolgen sehr genau, was in ihrer alten Heimat vor sich geht. Viele von ihnen kamen mit der Gastarbeiterwelle in den sechziger Jahren zu uns, als Deutschland dringend Arbeitskräfte brauchte. Sie haben sich über die Jahrzehnte bestens in Deutschland integriert; sie fühlen sich als Deutsche und beziehen mittlerweile hierzulande Rente – aber ihre alte Heimat haben sie über all die Jahre trotzdem nie vergessen. In ihre Brust schlagen, wie man so sagt, zwei Herzen, ein türkisches und ein deutsches, und vielleicht wissen sie manchmal selber nicht, welches von beiden gerade das stärkere ist.

Das gilt auch für ihre Kinder und Enkel, die in Deutschland geboren wurden und von denen die allermeisten wahrscheinlich niemals in das Land ihrer Eltern umsiedeln würden, auch wenn die ihnen manchmal mit leuchtenden Augen von ihrer alten Heimat erzählen. Trotzdem sind die türkischen Traditionen in vielen dieser einstigen Gastarbeiterfamilien bis heute sehr wichtig und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Dabei spielt die Religion eine entscheidende Rolle. Denn viele der Gastarbeiter, die in den sechziger Jahren nach Deutschland kamen, stammten aus ländlichen türkischen Regionen wie Anatolien, die sehr konservativ geprägt waren. Im Glauben hat sich dieser konservative Geist bis in die jüngste Generation vieler Deutschtürken gehalten.

Das ist auch der Grund dafür, warum viele Türken in Deutschland den türkischen Präsidenten Erdogan so stark unterstützen. 60 Prozent der Deutschtürken hierzulande sind einverstanden mit dem Kurs von Erdogan und seiner Regierungspartei AKP, der bei den meisten Deutschen auf heftige Kritik stößt. Erdogan baut die Türkei gerade zu einem autoritären Staat um; er lässt Journalisten wie den deutschen „Welt“-Reporter Deniz Yücel einsperren, nur weil sie kritisch über ihn geschrieben haben. Auch sonst geht Erdogan erbarmungslos gegen alle vor, die er als Feinde auf seinem Weg zur absoluten Macht betrachtet: Richter, die in seinen Augen falsche Urteile sprechen, missliebige Beamte, kritische Wissenschaftler an Universitäten.

Ein vielversprechender Politiker

Für viele Deutsche ist es unverständlich, wie man diesen Kurs unterstützen kann – doch das können wiederum viele Deutschtürken nicht nachvollziehen. Das liegt vielleicht auch daran, dass manche von ihnen, obwohl sie in Deutschland aufgewachsen sind, den Eindruck haben, nicht wirklich zur deutschen Gesellschaft dazuzugehören. Und je stärker dieses Gefühl wird, desto stärker wird auch das türkische Herz in ihrer Brust. Deshalb finden sie es gut, dass Erdogan die Türkei und die türkische Seele wieder stark und mächtig machen will und jubeln ihm zu, wenn er oder seine Minister nach Deutschland kommen.

Hinzu kommt, dass Erdogan die Türkei in den ersten Jahren seiner Regierung wirtschaftlich modernisiert hat: Die Türken haben ihn immer wieder gewählt, weil es ihnen unter ihm besser ging; weil die marode Infrastruktur saniert wurde und auf einmal mehr Menschen Arbeit hatten. Das haben natürlich auch die Deutschtürken bei uns bemerkt, von denen viele noch Verwandte und Freunde in der Türkei haben. Auch wenn dieser wirtschaftliche Erfolg zuletzt deutlich nachgelassen hat und die türkische Wirtschaft trotz Erdogans Versprechungen eingebrochen ist, glauben viele am Bosporus und bei uns noch immer daran, dass die Türkei unter Erdogan auf einem guten Weg ist.

Sie dürfen entscheiden, was sie nicht betrifft

Deshalb unterstützen sie Erdogan auch bei seiner geplanten Verfassungsreform, über die die Türken am 16. April abstimmen und die die Macht von Erdogan noch vervielfachen würde. Sollten die Türken dieser Reform zustimmen, wäre Erdogan nicht mehr nur Staats-, sondern auch Regierungschef, der mit Dekreten ohne Zustimmung des Parlaments regieren und das Parlament nach Belieben auflösen könnte. Erdogan würde über die Türkei herrschen wie früher ein Sultan.

Im Moment sieht es bei dem Referendum knapp aus, in den Umfragen liegen Befürworter und Gegner bei rund 50 Prozent. Es kommt also auf jede Stimme an – gerade auf die der vielen Türken in Deutschland, die bei dem Referendum ebenfalls abstimmen dürfen. Wenn sie am 16. April für Erdogans Reform stimmen, könnten sie ihm damit den Weg in eine autoritäre Alleinherrschaft ebnen, unter der sie in Deutschland danach selbst nicht leiden müssen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Georgi, Oliver (oge.)
Oliver Georgi
Redakteur in der Politik.
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