Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Warum Politiker wie Politiker reden

Von Friederike Haupt
 - 14:04

Wenn ein Politiker öffentlich etwas sagt, hören sehr viele Leute zu. Manchmal sind dann Leute nicht zufrieden. Sie finden, der Politiker mache nicht deutlich genug, was er meine. Er rede zwar viel, sage aber wenig. Der Humorist Loriot hat sich mal lustig gemacht über diese Art zu sprechen. Er schrieb eine „Bundestagsrede“, die so anfing: „Meine Damen und Herren! Was kann als Grundsatz parlamentarischer Arbeit betrachtet werden? Politik im Sinne sozialer Verantwortung bedeutet, und davon sollte man ausgehen, das ist doch, ohne darum herum zu reden, in Anbetracht der Situation, in der wir uns befinden.“

So schlimm ist es bei echten Politikern zum Glück nie. Aber manchmal denkt man schon: „Sagen Sie das doch mal genauer.“ Oder, das denken Journalisten oft, wenn sie mit Politikern reden: „Antworten Sie doch mal auf meine Frage, anstatt einfach drum herum zu reden.“ Aber warum reden Politiker manchmal drum herum?

Es liegt nicht daran, dass Politiker nicht deutlich reden könnten. Wenn Politiker zum Beispiel mit ihren Kindern reden, können sie ziemlich deutlich sein. So wie andere Eltern. Auch wenn Politiker öffentlich über etwas reden, über das niemand streiten will, reden sie deutlich. Wenn man sie zum Beispiel fragt, wie sie Freiheit finden oder ob sie Menschen mögen, geben sie klare Antworten. Weil man mit „Ich finde Freiheit wichtig“ oder „Ja, ich finde Menschen super“ niemanden vor den Kopf stoßen kann. Bei fast allen Themen, über die Politiker öffentlich reden müssen, ist das aber anders.

Um das zu verstehen, kann man sich folgende Situation vorstellen: Ein Mädchen ist 15 und geht auf Klassenfahrt. Sie ärgert sich über die bescheuerte Lehrerin; sie hat Heimweh; sie knutscht zum ersten Mal mit einem Jungen; sie findet ein Mädchen plötzlich viel netter als das Mädchen, das eigentlich ihre beste Freundin ist; sie heult, weil der Junge auf einmal mit einer anderen knutscht; dann schreibt der Junge ihr aber wahnsinnig süße Whatsapps. Soweit normal. Aber am Ende dieser Klassenfahrt treffen sich alle Schüler und die Lehrerin in einem großen Saal, und plötzlich sind auch die Eltern des Mädchens da. Das Mädchen muss vorn auf die Bühne, und alle wollen wissen: Wie war die Klassenfahrt für dich?

Tja, und nun? Das Mädchen will vor der bescheuerten Lehrerin nicht sagen, dass die bescheuert ist, vor den Coolen nicht, dass sie Heimweh hatte, vor dem Jungen nicht, dass sie wegen ihm geheult hat, vor den Eltern nicht, dass sie geknutscht hat, vor der besten Freundin nicht, dass ein anderes Mädchen netter ist, vor dem anderen Mädchen nicht, dass es netter ist (sonst schnappt es vielleicht direkt über). Was soll sie also sagen, wenn alles Interessante nicht geht? „War ganz okay“? Damit ist kein Zuhörer zufrieden. Die Lage ist erkennbar schwierig.

Für Politiker, die öffentlich reden, ist sie noch viel schwieriger. Manche haben Verantwortung für Millionen Menschen. Von dem, was sie sagen, kann abhängen, ob es Krieg oder Frieden gibt. Viele Politiker sind allerdings auch sehr klug und erfahren, was das Reden in schwierigen Situationen betrifft. Sie schaffen es, ihre Meinung so zu sagen, dass sie niemanden beleidigt, den Politiker selbst nicht beschädigt und trotzdem ehrlich ist.

Ein Beispiel dafür ist, was Bundeskanzlerin Merkel öffentlich sagte, als Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt worden war. Merkel freute sich nicht über das Wahlergebnis. Trump verfolgt ganz andere politische Ziele als sie. Viele Deutsche waren sogar richtig entsetzt. Aber Trump und viele Amerikaner freuten sich. Merkel musste also was sagen, was zugleich ihre eigene Sicht ausdrückte, die Deutschen beruhigte und die Amerikaner, vor allem Trump, nicht in die Enge trieb. Schwer! Die Bundeskanzlerin sagte: „Deutschland und Amerika sind durch Werte verbunden: Demokratie, Freiheit, Respekt vor dem Recht und der Würde des Menschen, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung. Auf der Basis dieser Werte biete ich dem künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump, eine enge Zusammenarbeit an.“

Das klingt erst mal freundlich. Merkel betont die Gemeinsamkeiten und will eng zusammenarbeiten. Aber sie sagt auch, dass es dafür Bedingungen gibt, nämlich die Achtung bestimmter Werte. Das klingt ernst. Allein schon, weil Merkel es überhaupt sagt; denn wenn es selbstverständlich wäre, müsste sie es eben nicht sagen.

So zu reden ist viel schwieriger als bloß zu sagen, was einem als erstes einfällt oder was jemanden beleidigen soll. Es kostet Mühe und Verstand.

Der türkische Präsident Erdogan zum Beispiel gibt sich im Moment keine Mühe, so zu reden. Er überzieht die Deutschen mit den schlimmsten Vorwürfen, weil er sich darüber ärgert, dass die nicht tun, was er will. In einer Rede beschuldigte er Merkel: „Du benutzt gerade Nazi-Methoden.“ Ein paar Tage vorher hatte er schon den deutschen Behörden „Nazi-Methoden“ vorgeworfen. So kann jeder andere beschimpfen; aber kein einziger deutscher Politiker antwortete Erdogan: „Nein, du benutzt Nazi-Methoden“ oder „Deine Schaukel hat als Kind wohl zu nah an der Hauswand gestanden“. Denn fast jeder Politiker weiß, was er langfristig davon hat, wenn er respektlos mit anderen redet. Deswegen tut es fast keiner.

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Die meisten Politiker geben sich beim Reden Mühe und benutzen ihren Verstand. Natürlich mit unterschiedlichem Erfolg. Politiker ohne oder mit weniger Verantwortung können deutlicher reden; oft tun sie es auch, um Werbung für sich zu machen. Solange sie wenig Verantwortung haben, können sie viel darüber erzählen, was sie tun würden, wenn sie viel Verantwortung hätten. Ein Politiker, der ein Land regiert, kann handeln und manchmal auch schweigen. Manchmal muss er aber auch etwas besonders deutlich sagen. Zum Beispiel dann, wenn andere Politiker so tun, als hätten sie ihn vorher nicht verstanden. Auch, wenn es dann Streit gibt.

Sehr gut hat über dieses Thema immer Bundespräsident Joachim Gauck gesprochen. Zum Beispiel in seiner letzten Weihnachtsansprache. Da sagte er, dass wir politische Auseinandersetzung brauchen. Also auch den Mut, sich zu streiten. Aber Gauck sagte weiter: „Wir sollten das Augenmaß bewahren und die Achtung vor dem politischen Gegner.“ Das gilt für Politiker und für normale Bürger. Wer sich daran hält, kann wenig Falsches sagen, aber viel Richtiges.

Quelle: FAZ.NET
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