Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Warum Wahlplakate oft so doof aussehen

Von Mona Jaeger
 - 12:13
© Frank Röth, Deutsche Welle

Man kann im Moment - zumindest in der Großstadt - kaum einen Schritt tun, ohne einem Wahlplakat zu begegnen. Wie viele in ganz Deutschland derzeit hängen, ist nicht bekannt, in Berlin sind es aber allein schon etwa 700.000. Bei der Masse hat man also die Gelegenheit, sie sich mal genauer anzusehen: „Die Zukunft braucht neue Ideen und jemanden, der sie durchsetzt“ – SPD (abgebildet dazu ist ein sanft lächelnder SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz). „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ – CDU (abgebildet ist Bundeskanzlerin Angela Merkel). „Respekt Renten mit Niveau“ – Die Linke (nur Schrift). „Entweder Schluss mit Kohle oder Schluss mit Klima“ – Die Grünen (mit lila Eisbär). Und die AfD: „‚Der Islam?‘ Passt nicht zu unserer Küche“ (mit Ferkel). Die Parteien haben noch andere Motive, sie sind auf handliche Plakate gedruckt, die nun Geländern oder Lichtmasten hängen. Und es gibt Großflächenplakate, die stehen zum Beispiel auf großen Kreuzungen und Grünstreifen. Ob groß oder klein: Die Sprüche der Parteien sind doch ziemlich langweilig und sie kommen einem auch bekannt vor. Hat die SPD vor vier Jahren, bei der vergangenen Bundestagswahl, nicht genau das selbe gewollt? Nicht ganz. Aber daran erinnert sich kaum jemand mehr. Aber wenn sich kaum jemand daran erinnert, warum gibt es dann überhaupt Wahlplakate, und warum müssen sie auch noch so langweilig sein?

Um das zu erklären, setzen wir uns kurz in den ICE von Frankfurt nach Köln. Der Zug fährt auf dieser Strecke sehr schnell. Es ist früher Morgen, die Fahrgäste sind noch müde und etwas schläfrig. Manche von ihnen blättern im DB-Magazin, andere lesen auf dem Handy ein paar Nachrichten. Andere Fahrgäste lassen den Blick ziellos in der Gegend herum schweifen. Dann sehen sie plötzlich vor dem Zugfenster auf der Wiese eine gelbe Kuh stehen. Sie schauen einmal hin - aha, eine Kuh - und dann schnell ein zweites Mal - aber sie ist gelb! Sofort sind sie aufmerksam. Diejenigen Fahrgäste, die auf ihr Handy schauen und nur ab und zu den Kopf heben, bleiben nun auch mit ihrem Blick bei der gelben Kuh. Der Zug ist längst an der Kuh vorbeigefahren, aber die Fahrgäste denken noch immer an sie.

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Ähnlich ist es mit den Wahlplakaten. Sie sind vor allem für Menschen, die im Auto sitzen oder auf dem Fahrrad, noch etwas schläfrig auf dem Weg zur Arbeit sind. Sie werfen meistens nur wenige Sekunden einen Blick auf die Plakate. Erster Gedanke: Ach, es hängen wieder Plakate. Zweiter Gedanke: Oh, bald ist Bundestagswahl. Die Plakate sollten die Menschen zwar nicht so irritieren wie eine gelbe Kuh, weil sie sonst vielleicht Unfälle bauten. Aber sie sollen sie eben daran erinnern, dass bald etwas Wichtiges ansteht. Das ist die wichtigste Aufgabe von Wahlplakaten: an die Wahl erinnern. Auch wenn ständig im Fernsehen, Radio und Internet über die Wahl berichtet wird, ist das nötig. Nicht jeder hat Lust, sich lange vor dem Wahltag mit den Parteien auseinanderzusetzen. Das Radio und den Fernseher können sie ausschalten, wenn ihnen die Berichte auf die Nerven gehen. Den Wahlplakaten auf ihren täglichen Wegen können sie nicht ausweichen. Deswegen investieren die Parteien zwar auch in Fernsehwerbung und Kampagnen bei sozialen Netzwerken wie Facebook, aber eben besonders viel in ihre Plakate.

Weil die Wähler eben nur kurze Zeit haben, sich ein Plakat anzusehen, müssen die einfache Botschaften vermitteln - man könnte auch sagen, langweilige Botschaften. Es darf nicht zu kompliziert und missverständlich sein. Es sollen die Botschaften transportiert werden, die einer Partei besonders wichtig sind und mit der sie in Verbindung gebracht werden soll. Und vor allem: Es sollen keine negativen Botschaften sein. Deswegen lächeln fast alle abgebildeten Personen und haben Spaß. Herzen und Blüten sind zu sehen. Nicht jedes Thema lässt sich in griffige Slogans packen. Die CDU warb bei der Bundestagswahl 1976 mit dem Spruch „Freiheit statt Sozialismus“. Das war eine sehr erfolgreiche Kampagne. Es ging um zwei Staatsordnungen, die soziale Marktwirtschaft oder die sozialistische Planwirtschaft. Ein riesiges Thema, verdichtet in drei Worten. Geht so etwas auch in Zeiten, in denen viele Themen differenzierter sind, bei der Diskussion um das Ende des Verbrennungsmotors etwa? „Kein festes Ausstiegsdatum, sondern Technologieoffenheit“, könnte die CDU plakatieren. Das käme wohl nicht so gut an.

Wahlplakate sind also auch immer ein bisschen Ausdruck ihrer Zeit. Eine Partei, die es nach den genannten Regeln total falsch macht, ist die FDP. Ihre Bilder zeigen schwarz-weiß fotografierte Kandidaten, hauptsächlich den Spitzenkandidaten Christian Lindner. Und der schaut noch nicht einmal besonders freundlich, sondern eher melancholisch und ein bisschen traurig. Dazu steht viel Text auf den Plakaten. Alles ungewöhnlich, aber genau das soll die FDP-Plakate von anderen Plakaten unterscheiden. Nachdem die FDP vier Jahren aus dem Bundestag flog, will sie jetzt alles anders machen. So denkt sich das die Partei. Ob die Wähler auch so denken, wissen wir in einer guten Woche, nach der Bundestagswahl.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Jaeger, Mona
Mona Jaeger
Redakteurin in der Politik.
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