Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Was ist eigentlich Antisemitismus?

Von Justus Bender
 - 18:57

Wenn in der Schule ein Kind anders ist als die anderen, dann wird es manchmal gehänselt. Ein Grund findet sich leicht, jemand hat eine andere Frisur, andere Klamotten – oder sagt mal was Falsches. Dann lachen die anderen und zeigen mit dem Finger auf ihn. Auch wenn Erwachsene sagen, sie wüssten vieles besser als Kinder, stimmt das nicht immer: Erwachsene hänseln Leute, die anders sind, nämlich auch. Manchmal wollen sie auch mit Leuten, die anders sind, gar nichts zu tun haben – und ihnen das Leben schwer machen. Dafür gibt es – je nach der Art des Andersseins – viele Wörter: Rassismus zum Beispiel. So nennt man es, wenn Menschen geärgert werden, weil sie eine andere Hautfarbe haben. Oder: Islamfeindlichkeit. Das ist das Wort, wenn Menschen ausgegrenzt werden, nur weil sie Muslime sind. Ein anderes Wort ist Antisemitismus oder Judenfeindlichkeit. So nennt man es, wenn Menschen beschimpft oder bedroht werden, nur weil sie eine andere Religion haben, nämlich die jüdische. Momentan gibt es in Deutschland Demonstrationen, auf denen judenfeindliche Parolen gerufen werden.

Eine Demonstration geht so: Man trommelt ganz viele Menschen zusammen, malt Plakate mit Forderungen, versammelt sich auf einem Platz oder läuft durch eine Straße – und ruft das, was einen stört. Die Menschen, die vor einer Woche vor dem Brandenburger Tor demonstriert haben, waren wütend, weil der amerikanische Präsident Donald Trump (nicht mit der Ente verwandt) die Stadt Jerusalem künftig als Hauptstadt von Israel bezeichnen will. Außerdem will Trump die Botschaft seines Landes nach Jerusalem verlegen, momentan ist sie in Tel Aviv. Das Problem: Jerusalem ist genau an der Grenze zwischen dem Westjordanland der Palästinenser und Israel. Und die Palästinenser wollen Jerusalem auch als ihre Hauptstadt haben und es nicht den Israelis überlassen. Die Menschen, die in Deutschland demonstrieren, wollen nicht, dass Amerika sich in dem Streit ganz auf die Seite der Israelis stellt.

Dieser Streit um Jerusalem, Israel und Palästina ist sehr alt – und sehr kompliziert. Viele Menschen sind dort schon gestorben, bei Anschlägen, durch Kriege und Raketen. Es geht in dem Streit auch um Religion. Viele, aber nicht alle Israelis sind Juden und manche sagen, Jerusalem müsse ihre Hauptstadt sein, weil Gott das so wolle. Das sagen viele Palästinenser, von denen die meisten, aber nicht alle Muslime sind, aber auch. Wichtige Heiligtümer befinden sich in Jerusalem. Der Tempelberg mit der Al-Aqsa-Moschee zum Beispiel, hier beten viele Muslime. Aber auch die Klagemauer, dort beten viele Juden. Es geht also nicht nur um Politik, sondern auch um religiöse Gefühle, um empfundene Ungerechtigkeit, um Rache und um Hass. Viele Menschen werden einfach in die gleiche Schublade gepackt und es wird gesagt: Alle Israelis sind blöd. Oder alle Palästinenser sind blöd. Und weil auf beiden Seiten von sehr religiösen Menschen auch mit dem angeblichen Willen Gottes argumentiert wird, wird von Antisemiten und Islamfeinden auch gesagt: Alle Muslime oder alle Juden sind böse. Das ist ungefähr genauso schlau, wie wenn man sagt: Alle braunhaarigen Kinder sind besser als alle rothaarigen Kinder. Oder: Alle, deren Vorname mit dem Buchstaben A anfängt, dürfen etwas, und alle anderen dürfen es nicht.

Bei den Demonstrationen in Deutschland wollten Palästinenser für Jerusalem als ihre Hauptstadt demonstrieren. Aber viele von ihnen sagten auf einmal Dinge, die nichts mit Politik zu tun haben, sondern mit Hass auf andere Menschen. Sie drohten allen Juden mit Krieg. Sie verbrannten Fahnen mit dem jüdischen Symbol, dem Davidstern. Sie spuckten auf den Davidstern. Das war sehr böse und dumm. Wenn ein Jude in diesem Moment bei der Demonstration dabei gewesen wäre, hätten die anderen ihn wahrscheinlich geschlagen – oder die Polizei hätte ihn beschützen müssen. Es waren auch nicht nur Palästinenser unter den Demonstranten, sondern auch Türken und Muslime aus anderen Ländern.

Es geht immer um Ungerechtigkeit. Was hat ein Jude mit der israelischen Regierung zu tun? Das Judentum ist eine Religion und kein Staat. Wer Jude ist, kann genauso in Norwegen leben, Schafe züchten und noch nie in Jerusalem gewesen sein. Nur weil die meisten Israelis Juden sind, heißt das nicht, dass alle Juden etwas mit Israel zu tun haben. Wenn die Demonstranten zum Beispiel gebrüllt hätten, dass sie alle Israelis hassen, dann wäre das aber auch falsch gewesen. Wenn man die Politik der israelischen Regierung friedlich kritisieren will, ist das erlaubt. Aber warum ist jeder Israeli für die Politik seiner Regierung verantwortlich? Es ist ja auch nicht jeder Deutsche an allem Schuld, was Angela Merkel macht. Viele Deutsche haben Merkel nicht einmal gewählt. Und selbst wenn die Demonstranten in ihren Parolen nur genau die israelischen Politiker bedroht hätten, die aus ihrer Sicht an allem schuld sind, dann gilt: Wer Menschen bedroht, begeht eine Straftat, und kommt vielleicht sogar ins Gefängnis dafür. So etwas ist verboten.

In Deutschland ist man besonders empfindlich bei diesem Thema, das liegt an der Geschichte. Vor vielen Jahren wurde Deutschland von Verbrechern beherrscht, sie nannten sich Nationalsozialisten und hassten Juden. Also töteten sie Millionen von ihnen, einfach so. Damals haben viele Deutsche nur wenig oder keinen Widerstand geleistet, und sie haben auch nicht so genau nachgefragt, als ihre jüdischen Mitbürger verhaftet und verschleppt wurden. Deshalb wollen viele Deutsche nicht, dass unsere Gesellschaft noch einmal denselben Fehler macht. Wenn das nächste Mal Verbrecher ihre Taten planen und Menschen aufgrund ihres Andersseins schaden wollen, müssen alle Widerstand leisten. Das gilt aber nicht nur, wenn Juden bedroht werden, sondern zum Beispiel auch, wenn jemand Muslime bedroht. Deshalb haben es viele Politiker – und zum Beispiel auch der Zentralrat der Juden in Deutschland – verurteilt, als bei den sogenannten Pegida-Demonstrationen von Deutschen islamfeindliche Haltungen gezeigt wurden.

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Erwachsene reden oft sehr lange und viel über dieses Thema. Sie benutzen auch viele Fremdwörter dabei. Eigentlich ist die Angelegenheit aber ganz einfach: Man darf nicht ungerecht sein – und man darf niemanden bedrohen. Das nächste Mal, wenn jemand sagt, alle Muslime oder alle Juden seien so und so, muss man deshalb antworten: „Was macht dich da so sicher? Kennst du alle Juden oder Muslime?“ Und, wenn derjenige, der das sagt, zum Beispiel rote Haare hat: „Wie würdest du dich fühlen, wenn jemand sagt: ,Alle Rothaarigen sind so und so‘?“ Das mit dem Hass, den Vorurteilen und den Kriegen hat die Menschheit nämlich in der Vergangenheit schon oft ausprobiert. Es hat nicht gut funktioniert, und es sind viele Menschen dabei gestorben. Deshalb haben alle eine Verantwortung zu verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt.

Quelle: FAZ.NET
Justus Bender
Redakteur in der Politik.
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