Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Was passiert, wenn man erfriert

Von Joachim Müller-Jung
 - 18:54

Obdachlose trifft es leider immer wieder. Mindestens fünf sollen es schon in der aktuellen Kältewelle gewesen sein. Von Überlebenden wird berichtet: Erfrieren tut anfangs furchtbar weh. Höllische Schmerzen müssen das sein. Kälte kann wirklich grausam sein, sie ist ein Gift ohne Chemie. Manche glauben ernsthaft, weil Kälte lähmt, wirkt sie wie eine Narkose. Wenn man erfriert, schläft man aber nicht einfach ein, immer tiefer, je kälter es wird. Die Kälte legt unseren Körper auch nicht nach und nach lahm, so wie ein Pudding sich im Kühlschrank abkühlt. Wenn man versäumt, sich mit Kleidung oder Heizung rechtzeitig zu schützen und das Thermometer rutscht immer tiefer in die Minusgrade, passiert etwas viel Brutaleres: Die Kälte zerstört. Sie arbeitet wie einer, der mit Vorschlaghammer und brutaler Gewalt ein Auto zerstört. Sie prügelt uns das Wichtigste aus dem Leib, das uns am Leben erhält: Wärme. Energie.

Ziemlich genau 37 Grad warm muss unser Körperinneres sein – die „Kerntemperatur“. Nach außen darf es zwar auch weniger sein, aber drinnen braucht es diese 37 Grad, weil dann unsere Organe und der Stoffwechsel am besten funktionieren. Beginnt der Körper abzukühlen, versucht er alles, um die Kerntemperatur bei 37 Grad zu halten. Gelingt das nicht, indem zum Beispiel der Stoffwechsel angeheizt und Fett verbrannt wird, verengen sich die Blutgefäße. So wird verhindert, dass unnötig Wärme abgegeben wird. Aber an vielen Stellen tut es höllisch weh, vor allem an Zehen, Ohren und der Nasenspitze brennt es wie Nadelstiche. Die trifft die Kälte zuerst. Den Zellen fehlt Blut, sie werden spröde und zerstört.

Wer jetzt Alkohol trinkt, macht alles nur schlimmer. Alkohol erweitert zwar die Blutgefäße. Das erzeugt eine wohlige Wärme unter der Haut, gleichzeitig aber verliert man noch schneller Wärme und erfriert deshalb am Ende schneller. Der Rausch betäubt nur eine Zeitlang die Schmerzen. In kaltem Wasser wird die schwindende Wärme noch schneller abgeleitet als an der Luft, die Temperatur sackt immer weiter ab. Mehr als fünfzehn Minuten ungeschützt bei Minusgraden kann die Kerntemperatur nicht aufrecht erhalten werden. Danach arbeitet sie sich vor an die lebenswichtigen Organe: Herz, Lunge, Gehirn.

Ab 35 Grad ist der Körper unterkühlt. Er mobilisiert energisch weitere Wärme, er treibt den Stoffwechsel hoch. Das Zittern am ganzen Körper beginnt, die Muskeln arbeiten heftig. Ab etwa 32 Grad hört auch das Zittern allmählich auf. Die Energiereserven sind erschöpft. Beine und Arme werden taub, die Schmerzen lassen nach, Gehirn und Nervenenden leiten nichts mehr weiter. Deshalb kann man sich auch kaum noch bewegen, sprechen wird unmöglich. Auch das Denken fällt zunehmend schwer, der Erfrierende ist hochgradig verwirrt. Der Vorschlaghammer zerstört jeden klaren Gedanken, wie Flocken im Sturm wirbeln Erinnerungen, Vorsätze und Wünsche durch den Kopf.

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Von da an schaltet der Körper komplett auf Sparflamme. Aufgeben gibt es nicht. Unsere Körperzellen und Organe sind in einer Millionen Jahre währenden Evolution darauf getrimmt worden, in solchen gefährlichen Situationen Notfallprogramme zu starten. Irgendwann aber ist der „Notstrom“ erschöpft. Ab 29,5 Grad wird das Großhirn runtergefahren, der Erfrierende wird bewusstlos. Der Körper ist steif. Er schwebt zwischen Leben und Tod. Das Herz schlägt nur noch ein oder zweimal –- statt sechzigmal – pro Minute, der Puls ist nicht mehr messbar. Das Blut fließt kaum noch. Wird der Körper jetzt nicht langsam wieder aufgewärmt, ist der Kältetod unvermeidlich. Der Mensch muss nicht innerlich zu Eis erstarren, um an Kälte zu sterben. Schon bei Temperaturen unter zehn Grad plus sind die Nerven, die unseren gesamten Körper von oben bis unten durchziehen, komplett ausgeschaltet. Ohne Nerven nehmen wir nichts wahr, ohne Nerven funktioniert überhaupt nichts mehr. Die Hilfe muss vorher kommen.

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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