Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Warum einzelne manchmal Großes bewirken – und andere nicht

Von Fridtjof Küchemann
 - 17:14

Es ist schon toll: Da hat vor fünfhundert Jahren ein Mann in Wittenberg 95 Gedanken dazu aufgeschrieben, was in der Kirche gerade falschläuft, ist zur Schlosskirche gegangen, hat das Ganze ans Hauptportal geschlagen – und damit einen Streit und eine Spaltung in der Kirche ausgelöst, die unglaubliche Folgen für die Gläubigen, die Mächtigen, für ganze Länder hat. Bis heute. Auch für Leute, die gar nicht an einen Gott glauben. Oder für Kinder: am Dienstag wird mit dem Reformationstag der Tag gefeiert, an dem Martin Luther vor 500 Jahren seine 95 Thesen angeschlagen hat, und in ganz Deutschland ist schulfrei.

Dabei sind sich die Experten überhaupt nicht einig, ob er das mit den Thesen und dem Kirchenportal wirklich gemacht hat. Aber man weiß bestimmt, dass der Theologieprofessor diese Thesen verbreitet hat und mit anderen Experten darüber diskutieren wollte, ob die Kirche tatsächlich für Geld Briefe verkaufen können sollte, mit denen einzelne Menschen angeblich davor gerettet werden konnten, wegen ihrer Sünden in die Hölle zu kommen. Davor hatten alle damals eine Riesenangst, und die Kirche hat mit diesen sogenannten Ablassbriefen richtig viel Geld verdient. Dass er später dann die Bibel ins Deutsche übersetzt hat, damit sie alle lesen können, das stimmt natürlich auch.

Nur haben das vor ihm auch schon andere Leute getan, und es hatten auch schon andere Leute etwas gegen Kirchenmänner, denen es zu sehr um Macht und Reichtum für sich selbst ging. So wie es zu Jesu Zeiten noch andere Prediger gegeben hat, die wie Jesus von sich behauptet haben, der Heiland zu sein, auf den damals alle in Israel gewartet haben. Die Jünger um sich versammelt haben und verehrt worden sind. Heute weiß man kaum noch etwas von ihnen.

Heute würden sie in den sozialen Netzwerken „viral gehen“

Wie also kommt es, dass manche Leute mit ihren Taten so große Wirkung haben, auch wenn sie diese Wirkung (wie Luther die Kirchenspaltung) selbst gar nicht beabsichtigt hatten, während andere mit ganz ähnlichen Ideen wirkungslos geblieben sind? Sie brauchen nicht nur eine gute Idee, sondern auch eine einprägsame Geschichte, eine gute Art, von ihrer Idee zu erzählen – und sie brauchen jemanden, der sie so erzählt, dass viele Leute sich dafür begeistern und sie weitererzählen.

Dass sich die Worte und Taten Jesu so verbreitet haben, wäre ohne Leute wie seine wortgewaltigen, reiselustigen Jünger und Apostel Petrus und Paulus undenkbar gewesen. Und viele der schier unglaublichen Geschichten von Jesus kennt auch heute noch jedes Kind: von seiner Geburt in einer Krippe, von Wundern, die er getan haben soll, von seinen Verheißungen und seinem grausamen Tod. Bei Martin Luther waren es Menschen wie sein Schüler und Helfer Philipp Melanchthon, die von ihm erzählt haben. Und auch er verdankt seine Wirkungs- und Ausstrahlungskraft einzelnen Geschichten und Aussprüchen – tatsächlichen und angedichteten.

Auch heute noch stärkt eine bewegende Geschichte die Verbreitung einer Botschaft. Wie bei Malala Yousafzai aus Pakistan, die sich schon als Jugendliche gegen extremistische Muslime für das Recht von Mädchen eingesetzt hatte, in die Schule zu gehen. International bekannt wurde sie, nachdem sie im Alter von fünfzehn Jahren in ihrem Schulbus angegriffen und lebensgefährlich verletzt worden war. Sie überlebte, weitete ihr Engagement unerschrocken aus und bekam vor drei Jahren den Friedensnobelpreis.

Viele Leute, die ihre Ideen verbreiten wollen, bedienen sich heute der sozialen Netzwerke und setzen darauf, dass ihre Beiträge bei Youtube, bei Facebook oder Whatsapp oder Twitter populär werden, dass sie „viral gehen“, wie die Experten das nennen. Dass es auch dabei auf gute Geschichten ankommt, kann man schon daran sehen, dass manche Sachen sich verbreiten wie der Wind, von vielen Leuten geglaubt werden und manche sogar danach handeln, auch wenn sich nachher herausstellt, dass sie erstunken und erlogen sind.

Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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Quelle: FAZ.NET
Fridtjof Küchemann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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