Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Warum die Spannung vor Weihnachten so schwer auszuhalten ist

Von Julia Bähr
 - 17:09

Als ich etwa sechs Jahre alt war, bauten mein Bruder und ich eine Burg aus Sofateilen und Decken in seinem Zimmer. Da setzten wir uns zusammen rein und erzählten uns gegenseitig, was unsere Eltern für uns zu Weihnachten gekauft hatten. Was mein Bruder damals bekam, weiß ich nicht mehr, aber mir verriet er, ich bekäme das Krankenhaus von Playmobil. Danach war ich immer noch aufgeregt wegen Weihnachten, aber nicht mehr wegen der Überraschung – stattdessen fragte ich mich, ob ich überzeugend genug vorgeben könnte, keine Ahnung gehabt zu haben. Und es kam etwas anderes hinzu: die Vorfreude auf genau dieses Geschenk.

Dieses Weihnachten habe ich in sehr schöner Erinnerung, und die Verschwörung mit meinem Bruder sowieso. Aber wiederholt haben wir diesen kleinen Geheimnisverrat nie. Nicht aus schlechtem Gewissen – es hat sich einfach nicht ergeben. Und das bedeutet auch, dass es offenbar keinem von uns so richtig wichtig war, das Geschenk vorher zu kennen. Wenn ich in den Folgejahren wirklich hätte wissen wollen, was ich von den Eltern zu Weihnachten bekomme, hätte ich meinen Bruder gefragt, und er hätte es mir einfach gesagt. Aber stattdessen habe ich meine Mutter gefragt, und sie hat gelächelt und ausweichende Dinge geantwortet wie: „Etwas ganz Schönes. Es ist blau!“ Das hat mir eigentlich viel besser gefallen, weil ich dann selbst versuchen konnte, darauf zu kommen.

So ist es ja oft mit Geheimnissen: dass der Weg zu ihrer Lösung das Ziel ist. Wenn wir einen Film angucken, darf keiner vorher verraten, wie er ausgeht. Wir wollen den ganzen Film, mit allen Gefühlen und Gedanken, die er in uns auslöst, während er aufs Ende zusteuert. Aber damit der Film mit den Weihnachtsgeschenken überhaupt läuft, brauchen wir ja Dialoge und ein bisschen Action! Deshalb gehört es dazu, die Eltern auszuquetschen und ab und zu mal unerwartet in den Raum zu kommen, wo sie vielleicht gerade die Geschenke verpacken. Sonst würde es ja bedeuten, dass man einfach nur abwartet und gar nichts tut – die Filme, in denen die Helden das so handhaben, sind wirklich selten spannend. Schon gar nicht für Kinder. Das Geheimnis lohnt sich also überhaupt nur, wenn ein bisschen Detektivarbeit erlaubt ist.

Aber ist Heiligabend nicht immer zu spät? Selbst der spannendste Film wird nach Wochen irgendwann langweilig, und dann könnte man Heiligabend doch um ein paar Tage vorziehen und sich die Geschenke schon überreichen? Im Grunde ja. Aber dann sitzt man an Heiligabend da und hat sich nichts mehr zu schenken, und das fühlt sich dann für viele Leute doch etwas komisch an und nicht sehr fröhlich.

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In meiner Familie wird darauf allerdings nicht immer Rücksicht genommen. Ich habe schon einige Geschenke lange vor Geburtstagen und Weihnachten bekommen und auch verschenkt – immer aus guten Gründen. Wenn einer von uns gerade ganz traurig oder erschöpft ist und dringend Aufheiterung braucht, sagt oft ein anderer: „Dein Geschenk liegt übrigens schon verpackt im Schrank, es sind ja noch zwei Wochen bis Weihnachten, aber jetzt wäre doch ein guter Zeitpunkt, oder?“ Ich kann das sehr empfehlen. Erstens ist es auch eine schöne Überraschung, etwas viel früher als erwartet zu bekommen, und zweitens bekommt derjenige ja an Weihnachten noch genug Geschenke von anderen. Aber er braucht nun mal jetzt sofort eine Freude. Manchmal muss man eben auch die Weihnachtsfeste feiern, wie sie fallen.

Quelle: FAZ.NET
Julia Bähr
Redakteurin im Feuilleton.
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