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Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Alarmsignal für Kinder

Von Fridtjof Küchemann
 - 12:35
Macht ein Tracker es ihnen im Straßenverkehr wirklich leichter? Schulkinder im Sommer 2013 in Frankfurt an der Oder Bild: Picture-Alliance, FAZ.NET

Privatsphäre ist ein Wort, das sich schon beim Aussprechen umständlich anfühlt. Dabei geht es um etwas Selbstverständliches: Man will für sich sein oder etwas für sich behalten. Bestes Beispiel: Kinder kommen nach Hause, die Eltern fragen, wie es war, die Kinder sagen „gut“ und verziehen sich schleunigst. Das fühlt sich für die Eltern meist seltsam an, weil sie doch nur wissen wollen, ob alles in Ordnung ist, ob es ihrem Kind gutgeht, ob sie etwas tun können. Lauter Fragen, gegen die eigentlich keiner was haben kann. Und trotzdem fühlt es sich auch für die Kinder seltsam an, die – den meisten Kindern geht das so – einfach im Moment nicht genauer erzählen wollen, wie es geht. Weil sie gerade etwas anderes im Kopf haben. Weil sie selbst entscheiden wollen, wann und wie sie was erzählen und wie viel sie erzählen – und was vielleicht eben auch nicht. Da muss es nicht immer gleich darum gehen, dass sie den Eltern was verheimlichen wollen.

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Obwohl manchmal auch Sachen passiert sind oder die Kinder Sachen erfahren haben, die sie unglaublich beschäftigen, aber die Eltern trotzdem nichts angehen — dass sich die beste Freundin verliebt hat oder dass man Ärger mit einem Lehrer hatte. Weil es die Eltern nichts angeht oder sie sich unnötig aufregen oder die falschen Schlüsse ziehen oder etwas schlicht nicht verstehen könnten. Das kommt vor. Es ist nicht einfach, eine Balance zu finden, was Eltern wissen müssen, weil sie ja die Verantwortung tragen, und was sie nicht wissen müssen, weil Kinder ja auch selbständig sind und ihre Privatsphäre brauchen. Im besten Fall führt das in Familien immer mal zu Diskussionen – und, wenn es nicht so gut läuft, zu Streit und schlechten Gefühlen.

Es kommt natürlich nicht nur in Familien vor. Gerade gibt es Streit um eine Idee, wie man die Zahl von Verkehrsunfällen mit Schulkindern verringern kann. Die Firma Coodrive hat sich ein System namens „Schutzranzen“ ausgedacht: Kinder bekommen einfach eine App, die Autofahrern Signale sendet und zeigt, dass sie da sind. Und besondere Zeichen, wenn sie in eine Gegend kommen, aus der ganz viele solcher Signale kommen – vor einer Schule zum Beispiel.

Wer kann nur etwas dagegen haben?

Für Kinder, die kein Smartphone besitzen, gibt es kleine Geräte mit dem gleichen Zweck, die man einfach in den Ranzen stecken kann. Später einmal, wenn die Technik so weit ist, kriegen direkt die Autos die Signale und nicht die Fahrer. Außerdem können die Eltern angezeigt bekommen, wo ihre Kinder gerade stecken, wenn die sich verspäten. Und wenn die Kinder nur noch wenig Akku haben, gibt es auch ein Zeichen für die Eltern, damit die sich keine Sorgen machen, wenn sich die Kinder nicht melden.

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Für die Idee haben sich ein paar Firmen begeistert, Autobauer und Schulranzenproduzenten, und auch zwei Städte – Ludwigsburg und Wolfsburg – wollten dafür sorgen, dass möglichst viele Leute diese App einsetzen, weil jeder einzelne Unfall schrecklich ist und jeder Unfall weniger eine gute Sache. So gut, dass man sich schon fragen könnte, wer dagegen überhaupt etwas haben kann. Tatsächlich haben sogar eine Menge Leute etwas dagegen, aus den verschiedensten Gründen. Natürlich will auch von denen jeder, dass es weniger Unfälle gibt. Aber die einen sagen, wenn die Autofahrer anfangen, sich auf Signale zu verlassen, statt einfach vorsichtig zu fahren, dann passen sie vielleicht weniger auf, und es wird gefährlicher. Andere sagen: Eine App, die Leuten sagt, wo Kinder sind, könnte ganz einfach von einem bösen Menschen missbraucht werden, der vielleicht gerade ein Kind entführen will. Diese Sorge nehmen die Entwickler der App so ernst, dass sie extra eingebaut haben, dass die App bei langsam fahrenden Autos nicht mehr funktioniert: Sollte einer durch die Gegend kurven und nach einem Kind zum Entführen Ausschau halten, dann kann ihm die App dabei gar nicht helfen. Außerdem wird gar nicht genau gezeigt, wo ein Kind ist, sondern nur der Bereich.

Viele Interessenten, viele Interessen

Dann gibt es Leute, die befürchten, dass die Daten in die falschen Hände kommen. Die App auf dem Smartphone des Kindes oder das kleine Gerät im Schulranzen sendet nämlich die ganze Zeit Daten, die genau festhalten, an welchem Ort zu welcher Zeit genau dieses Smartphone oder dieses Gerät ist und war – und mit ihnen wahrscheinlich auch das Kind, für das sie gedacht sind.

Klar, dass nicht einfach jeder wissen soll, wo jemand zu welcher Uhrzeit war, auch wenn das für viele Leute ziemlich interessant sein könnte: Die Leute von der Schule könnten so nicht nur erkennen, wenn ein Kind zu spät zum Unterricht kommt, selbst wenn der Lehrer noch eine Minute später den Klassenraum betritt, sondern auch, ob das zum Beispiel daran liegt, dass das Kind regelmäßig zu spät zu Hause losgeht. Oder immer auf dem Schulweg zwei Minuten vor dem Spielzeugladen an der Ecke stehenbleibt.

Das könnte übrigens auch den Spielzeugladen interessieren, und der Besitzer könnte anfangen, auszuprobieren, was er ins Schaufenster stellen muss, damit aus den zwei Minuten drei Minuten werden, aus dem einen Kind fünf oder fünfzehn oder aus dem Stehenbleiben ein Reingehen. Er könnte der Familie Werbung nach Hause schicken, damit das Kind sich dort an die tollen Sachen erinnert und die Eltern bearbeitet, sie ihm zu kaufen. Oder er könnte die Werbung auch gleich dem Kind aufs Smartphone schicken: Weißt Du eigentlich, wie unglaublich günstig diese tollen Sachen gerade sind?

Was Daten alles verraten können: alles

Natürlich wissen die Leute von Coodrive, wie schlimm manche Leute diese Möglichkeiten finden, und sie erklären, was sie alles dafür tun, damit das nicht passiert. Damit die Daten geschützt bleiben. Trotzdem gibt es Leute, die das alles immer noch zu riskant finden. Und Leute, die es grundsätzlich für ein Problem halten, dass Kinder auf diese Art überwacht werden. Und sich durch Apps wie diese — und davon gibt es eine ganze Reihe — von klein auf daran gewöhnen, überwacht zu werden. Wenn man das Gefühl hat, beobachtet zu werden, verhält man sich anders als sonst, das kennt jeder: Man passt auf, was man sagt, macht lieber doch keinen Klingelstreich oder greift nicht noch ein zweites Mal ins Bonbonglas, wo doch nur ein Bonbon ausgemacht war. Der Unterschied zur Überwachung ist gar nicht groß: Beobachtung geschieht ausnahmsweise, Überwachung ist etwas Grundsätzliches. Wer Überwachung gut findet, betont, dass dadurch vieles sicherer wird, wer sie schlecht findet, der verweist darauf, dass sie die Freiheit der Menschen beschneidet. Und an beidem ist was dran.

Mit Daten kann man tolle und wichtige Sachen machen – vorhersagen, wie das Wetter wird, wo es einen Stau gibt, wann uns eine Erkältungswelle erreicht, wie man Krankheiten so früh erkennt, dass man ganz gut was gegen sie machen kann, wo man rechtzeitig eine neue Schule bauen muss, wie man besser Fußball spielen kann und vieles mehr. Man kann auch prima Geschäfte mit ihnen machen. Und man kann mit ihnen ausrechnen, was jemand machen könnte und was man mit ihm machen könnte. Das kann ganz schön unfair sein.

Zum Beispiel gibt es teurere und günstigere Smartphone-Marken, und wenn jemand etwas mit einem teureren Smartphone im Internet bestellen will, kann der Online-Versender das erkennen und ihm einfach einen teureren Preis anzeigen, weil er glaubt, der mit dem teuren Smartphone kann sich das bestimmt leisten. Oder einer, der in einer bestimmten Gegend wohnt, bekommt von der Bank nicht so leicht Geld geliehen, weil die Bank aus den Daten der anderen Leute in der Gegend weiß, dass dort viele wohnen, die ihre Schulden nicht zurückzahlen.

Oder jemand informiert sich im Internet über eine schlimme Krankheit und will dann eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen, die ihm Geld zahlt, wenn er nicht mehr arbeiten kann: Wenn die Versicherung die Google-Daten von diesem Menschen kennte, würde sie sich gut überlegen, ob sie mit ihm einen Vertrag abschließt — auch wenn sich der Mensch nur für einen Onkel oder Freund über die Krankheit informiert hat. Oder einer bewegt sich in einer Menschenmenge, die von einer Überwachungskamera aufgenommen wird, anders als die anderen. Und auf einmal wird er verdächtigt, etwas auszuhecken. Dabei muss er vielleicht nur dringend aufs Klo.

Sie könnten mich nicht ernstnehmen

Es gibt tausend Beispiele, die zeigen, wie wichtig Datenschutz ist. Damit Menschen gleichbehandelt werden. Damit sie ihre Entscheidungsfreiheit behalten. Damit sie in Ruhe gelassen werden. Und es gibt leider viele Beispiele dafür, dass Daten nicht gut geschützt werden. Im Großen, wenn es Kriminellen gelingt, Millionen Kreditkartendaten zu klauen, mit denen sie sich Geld von den Konten der Kreditkartenbesitzer holen können. Aber auch im Kleinen, wenn jemand, der in seiner alten Klasse einen furchtbaren Spottnamen hatte, in eine neue Schule wechselt, wo keiner ihn kennt — und keiner diesen Namen. Oder vielleicht zufällig doch.

Die Philosophin Beate Rössler hat viel über Freiheit und Datenschutz nachgedacht, und sie hat es einmal in einem Vortrag so gesagt: „Wenn Sie alles über mich wüssten, könnten Sie mich nicht ernst nehmen.“ Das gilt für uns alle. Deshalb ist es so wichtig, dass wir unsere Daten schützen — wir selbst bei allem, was wir mit Smartphones und Computern machen, die Firmen, denen wir unsere Daten anvertrauen, und die Politik, die sich darum kümmern muss, dass es Gesetze und Regeln für den Datenschutz gibt, so gut und wichtig auch ist, was man mit Daten machen kann.

Quelle: FAZ.NET
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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