Gesundheitsproblem Isolation

Wie gefährlich ist Einsamkeit wirklich?

Von Leonie Feuerbach
 - 15:44

Was war der Auslöser der Debatte um Einsamkeit?

Die britische Premierministerin Theresa May hat am Mittwoch offiziell eine „Ministerin für Einsamkeit“ ins Amt berufen. Die Staatssekretärin für Sport und Ziviles, Tracey Crouch, soll die Aufgabe übernehmen, der zunehmenden Vereinsamung von wachsenden Teilen der Bevölkerung entgegenzuwirken. Sie wolle damit einem Thema den Kampf ansagen, das für „viel zu viele Menschen die traurige Realität des modernen Lebens ist“, erklärte May.

Wie kam es zur Berufung der Einsamkeits-Ministerin?

Die Abgeordnete Jo Cox, die 2016 von einem rechtsextremen Attentäter ermordet wurde, hatte eine Kommission zum Thema Einsamkeit einberufen. Diese veröffentlichte 2017 einen Untersuchungsbericht. Laut dem fühlen sich in Großbritannien mehr als neun Millionen Menschen isoliert. Etwa 200.000 Senioren führten höchstens einmal im Monat ein Gespräch mit einem Freund oder Verwandten. May will mit ihrer Reaktion auf den Bericht auch das Erbe von Cox weiterführen. Deren Einsatz im Kampf gegen die Einsamkeit hatte auch eine persönliche Komponente. Sie hatte vor ihrer Ermordung selbst unter Einsamkeit gelitten, wie ihre Schwester dem „Guardian“ berichtete. Sowohl während ihrer Zeit als Studentin in Cambridge als auch als junge Mutter alleine mit ihrem Baby zu Hause habe Cox sehr unter einem Gefühl der Isolation gelitten.

Wie viele Menschen fühlen sich in Deutschland einsam?

Eine Studie von Psychologie-Professorin Maike Luhmann von der Ruhr-Universität Bochum ergab, dass sich in Deutschland jeder Fünfte über 85 einsam fühlt. Bei den 45- bis 65-Jährigen sei es jeder Siebte. Luhmann sagte der „Bild“-Zeitung: „Es gibt keine Altersgruppe, in der sich Menschen nicht einsam fühlen.“ Besonders seien jedoch ältere, kranke Menschen betroffen, die kaum noch ihr Haus verlassen könnten.

Macht Einsamkeit wirklich krank?

Laut dem in Großbritannien erschienenen Untersuchungsbericht ist Einsamkeit genauso gesundheitsschädigend wie das Rauchen von täglich 15 Zigaretten. Wie seriös es ist, eine so genaue Zahl anzugeben, ist fraglich. Doch es gibt viele Studien, die in eine ähnliche Richtung weisen – vor allem aus dem angelsächsischen Raum, inzwischen aber auch zunehmend aus Deutschland. So fanden amerikanische Forscher in einer vierjährigen Studie mit 800 alten Menschen schon 2007 heraus, dass das Risiko an Altersdemenz zu erkranken, bei einsamen Menschen doppelt so hoch ist. Das gilt allerdings nicht für die Alzheimer-Krankheit, eine neurodegenerative Erkrankung, die mit Demenz einhergeht.

Bei einer Meta-Analyse von fast 150 verschiedenen Studien kamen amerikanische Wissenschaftler der Universitäten Brigham und North Carolina 2010 zu dem Schluss, dass soziale Beziehungen oder deren Abwesenheit die Sterblichkeit vergleichbar stark beeinflussen wie Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht oder Bewegungsmangel. Zwei Jahre später befand eine Studie der Universität von Kalifornien, dass Einsamkeit sich negativ auf Beweglichkeit und das Bewältigen alltäglicher Aufgaben sowie auf das Todesrisiko auswirkt.

Nimmt Einsamkeit tatsächlich zu und warum?

Unbestritten ist, dass die Zahl der Großfamilien ab- und die der Scheidungen und der Single-Haushalte zunimmt. In Deutschland waren 2015 von 41 Millionen Haushalten 17 Millionen Single-Haushalte. Außerdem werden die Menschen immer älter. Weil Männer im Schnitt sechs Jahre früher sterben als Frauen, gibt es viele Seniorinnen, die alleinstehend sind. Zuletzt haben zudem Studien darauf hingewiesen, dass soziale Netzwerke negative Gefühle wie Einsamkeit verstärken.

Diakonie-Präsident Ulrich Lilie sagte gegenüber FAZ.NET, zunehmende Einsamkeit sei die Kehrseite der wachsenden Mobilität. Viele Menschen würden heute oft umziehen, zur Arbeit pendeln, Fernbeziehungen führen oder Wochenendhäuser haben und dadurch weniger verwurzelt in ihren Stadtteilen sein. Wenn sie dann psychische, finanzielle oder gesundheitliche Probleme bekämen, stünden sie oft alleine da. Als Gemeindepfarrer in einer Großstadt habe er außerdem erlebt, wie die Anzahl anonymer Bestattungen immer mehr zugenommen habe, weil die Verstorbenen keinerlei soziale Kontakte gehabt hatten.

Wird hierzulande genug gegen Einsamkeit getan?

Viele finden: nein. So forderte etwa der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach in der „Bild“-Zeitung: „Es muss für das Thema Einsamkeit einen Verantwortlichen geben, bevorzugt im Gesundheitsministerium, der den Kampf gegen die Einsamkeit koordiniert.“ Diakonie-Präsident Ulrich Lilie sieht die Politik in der Pflicht, wenn es darum geht, gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen. Einsame Menschen gebe es vor allem in ärmeren Kommunen und im ländlichen Raum. „Aber ich sage nicht: Die Politik muss das richten“, sagte er FAZ.NET. Der Staat könne nur die entsprechenden Räume schaffen, ausfüllen müssten diese die Bevölkerung. Etwa mit lokalen Bündnissen um Kirchengemeinden oder Sportvereine herum. Als positives Beispiel nannte er die Diakonie-Initiative „Wir sind Nachbarn. Alle“, die nachbarschaftliche Kontakte fördere und so Einsamkeit bekämpfe.

Ist Einsamkeit bereits eine anerkannte Krankheit?

Nach dem wichtigsten internationalen Klassifikationssystem ICD (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) ist Einsamkeit bisher keine offiziell anerkannte Diagnose. Einige Ärzte und Psychologen wollen das ändern. Etwa der Psychiater Manfred Spitzer, wie er in seinem Buch „Einsamkeit – Die unerkannte Krankheit“ darlegt, das Ende März erscheint. In der Verlagsbeschreibung heißt es, Einsamkeit sei ansteckend und breite sich wie eine Epidemie aus. Sie sei „die Todesursache Nummer eins in den westlichen Ländern“.

Spitzer vertritt damit eine extreme Position. Von der Mehrheit der Ärzte und Psychologen wird Einsamkeit eher als ein Faktor betrachtet, der ursächlich für Krankheiten sein kann, wie etwa auch Armut oder Arbeitslosigkeit es sind. Wie so oft ist es jedoch auch im Fall der Einsamkeit schwer, Ursache und Wirkung zu unterscheiden. So fühlen sich etwa depressive Menschen oft einsam. In einigen Fällen mag die Einsamkeit zur Depression geführt haben, in anderen Fällen aber führt die Krankheit zu diesem Gefühl, das aber oft nicht mit tatsächlicher sozialer Isolation einhergeht. So geben auch depressive Menschen an, sich einsam zu fühlen, die mit ihrer Familie zusammenleben und viele soziale Kontakte haben.

Könnte Einsamkeit eine neue Modediagnose werden, vergleichbar mit den Diagnosen ADHS und Burnout?

Solange Einsamkeit keine anerkannte Diagnose ist, erscheint das eher unwahrscheinlich. Andererseits: Vor der Einsamkeit hat Manfred Spitzer über „digitale Demenz“ geschrieben. Damals musste er viel Kritik einstecken, es war von Panikmache die Rede. Inzwischen aber ist ständig von Handy- und Computerspielsucht die Rede. Und in gewisser Weise handelt es sich bei der Computerspielsucht sogar um eine anerkannte Diagnose – zumindest als Unterform der sogenannten substanzungebundenen Abhängigkeiten.

Quelle: FAZ.NET
Leonie Feuerbach
Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.
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