Training für Paare

So lässt es sich schöner streiten

Von Julia Schaaf
 - 14:14

Offenbar lohnt es sich, in den sprichwörtlich guten Zeiten einer Liebesbeziehung die Grundlage für schwierigere Phasen zu schaffen. Ein Kommunikations- und Verhaltenstraining für Paare in einem frühen Stadium der Beziehung jedenfalls kann maßgeblich dazu beitragen, auf lange Sicht das Trennungsrisiko zu senken und die Zufriedenheit in der Partnerschaft zu erhöhen. Das belegen die noch unveröffentlichten Ergebnisse einer Studie, für die Paare 25 Jahre nach der Teilnahme an einem verhaltenstherapeutischen Präventionsprogramm befragt wurden.

Erstmals ist damit auch international die langfristige Wirksamkeit einer vorbeugenden Intervention gegen Partnerschaftsprobleme nachgewiesen worden. Angesichts einer Scheidungsrate von 41 Prozent im Deutschland des Jahres 2015 und den mit einer Trennung verbundenen Belastungen sowohl für die Expartner als auch für betroffene Kinder fordern die Forscher deshalb einen Ausbau präventiver Angebote für Paare – und zwar im Rahmen staatlicher Gesundheitsförderung.

Liebe ist ein flüchtiges Phänomen

Liebe ist ein flüchtiges Phänomen, wie der Psychologe Kurt Hahlweg sagt, einer der Autoren der Studie. Das romantische Gefühl verblasse schnell und werde durch eine eher freundschaftliche Qualität von Liebe ergänzt, die auf tiefem Vertrauen beruhe. So weit, so normal. Dass aber nun die Zufriedenheit im Verlauf einer Partnerschaft sinkt, hat nach Erfahrung des emeritierten Professors der Universität Braunschweig vor allem drei Gründe: Erstens führten Gewöhnungseffekte dazu, dass die Attraktivität von Merkmalen wie Schönheit oder Status nachlasse und sich Langeweile einstelle. Zweitens hegten viele Menschen von vornherein übersteigerte Erwartungen an eine Liebesbeziehung, würden damit den Partner überlasten und seien deshalb schnell enttäuscht. Drittens könnten chronischer Alltagsstress und Konflikte die Liebe schleichend und unbemerkt zerstören. „Wenn wir gestresst sind, verringert sich die Güte unserer Kommunikation um vierzig Prozent“, sagt Hahlweg.

Das ist der Punkt, an dem „EPL – Ein Partnerschaftliches Lernprogramm“ ansetzt, das Hahlweg mit seinen Münchner Kollegen Joachim Engl und Franz Thurmaier entwickelt und jetzt nach 25 Jahren ein weiteres Mal evaluiert hat. Ziel des aus sechs Blöcken bestehenden Trainings ist es, den Paaren Gesprächsstrategien zu vermitteln, um Wünsche und Erwartungen zu kommunizieren und Konflikte auszutragen. Hahlweg erklärt: „Wenn der andere Partner mich kritisiert, brauche ich eine Regel, die sagt: Hau nicht sofort zurück.“ Auch wenn man in solchen Momenten verletzt und aufgewühlt sei, gelte es, sich zurückzunehmen und zunächst den anderen verstehen zu wollen. „Das ist das Schwerste“, sagt der Professor. „Und das muss man üben.“

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Wie die Untersuchung ergab, wenden 25 Jahre nach dem Training noch drei von fünf Paaren die gelernten Kommunikationsregeln regelmäßig im Alltag an. 83 Prozent der noch zusammenlebenden Paare waren mit ihrer Beziehung zufrieden. In einer Kontrollgruppe von Paaren, die nicht an dem Programm teilgenommen hatte, lag dieser Wert bei 72 Prozent. Deutlich drastischer unterscheidet sich die Trennungs- und Scheidungsrate: Während nach 25 Jahren nur fünf Prozent der geschulten Paare geschieden waren, war es innerhalb der Kontrollgruppe immerhin jede vierte Partnerschaft. Wie die Forscher klarstellen, zielt das Programm nicht darauf, Paarkonflikte zu verhindern; diese seien vielmehr ein wichtiger Bestandteil des Zusammenseins. Nötig sei jedoch, die Kompetenz der Paare im Umgang damit zu erhöhen. Auch das Scheitern von Beziehungen solle nicht „um jeden Preis“ verhindert werden: Selbstverständlich könnten Trennungen auch eine Befreiung aus unglücklichen Partnerschaften sein.

„Präventive Interventionen gehören zu den effektivsten und kostengünstigsten Maßnahmen, um Scheidungen und Trennungen mit allen Folgeproblemen zu verhindern“, sagt Hahlweg. „Deshalb sollten Paarinterventionen im Mittelpunkt von staatlich geförderten Public-Health-Maßnahmen stehen.“ Weil Kursangebote wie das EPL aber vergleichsweise viel Personal erforderten und bisher eher selten in Anspruch genommen würden, spricht sich der Professor für ein ganzes Spektrum niedrigschwelliger Angebote aus. Er empfiehlt beispielsweise die DVD-Reihe „Gelungene Kommunikation . . . damit die Liebe bleibt“, die im EPL-Training zum Einsatz kommt und in Bayern bei der standesamtlichen Trauung an alle Hochzeitspaare verschenkt wird, sowie das kostenpflichtige interaktive Online-Programm „PaarBalance“. Seine Münchner Kollegen entwickelten zudem eine App, die vom kommenden Frühjahr an Tipps und Wissen zur Verbesserung des partnerschaftlichen Miteinanders zur Verfügung stellen soll. Anders als das mehrfach evaluierte kognitiv-verhaltenstherapeutische Präventionstraining EPL sind die meisten Ratgeber und Angebote zum Thema Paarkommunikation nie wissenschaftlich auf ihre Wirksamkeit hin untersucht worden.

Quelle: F.A.S.
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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