„Wozu hat man eine Freundin?“

Will denn keiner wissen, was ich möchte?

Von Fridtjof Küchemann
 - 14:48

Neben dem, was man sich nur wünschen kann, einer liebevollen Mutter, einer ganz sicher magischen Mundharmonika und bald schon einer besten Freundin, hat Cäcilie, was man niemandem wünscht. Ihre gnadenlose große Schwester erklärt es der Klavierlehrerin einmal so: „Sie ist mit einer schiefen Hüfte auf die Welt gekommen. Und wenn sie endlich eine Freundin findet, ist es ausgerechnet eine, die fußballverrückt ist.“ Ob man das nicht operieren könne? Versucht wurde es schon viele Male. „Beim letzten Mal ist etwas schiefgegangen und sie ist fast gestorben.“

Eigentlich ist es Cäcilie selbst, die in „Wozu hat man eine Freundin?“, dem neuen Buch von Rose Lagercrantz, ihre Geschichte erzählt. Die schwedische Kinderbuchautorin, die sich mit ihrer so liebevollen wie lebensklugen Erstleserreihe um die besten Freundinnen Dunne und Ella Frieda als Kennerin kindlicher Zuneigung in den Fährnissen des Lebens zeigt, hat einen feinen Ton für ihre Heldin gefunden, der Cäcilies große Fragen, Gedanken und Gefühle unter dem klaren kindlichen Blick und den einfachen Sätzen, in denen sie erzählt, immer spürbar macht. Und doch ist es die Schwester Rikka, die Cäcilies Situation auf den Punkt bringt. Es ist ihre neue Freundin Melody, die mit ihrer mitreißenden Leidenschaft Cäcilies Leben eine neue Richtung gibt. Und es ist ihre Mutter, die mit einer großen Nachricht ihre schlimmsten Ängste wieder weckt.

Cäcilie soll überraschend doch noch einmal operiert werden. Ob denn keiner wissen wolle, was sie selbst möchte, stammelt das Mädchen nach dem ersten Schreck. „So was dürfen Kinder nicht bestimmen“, ist die Antwort der Mutter, schlicht und wahr. Und schrecklich im Ungesagten: Für die Not ihrer Tochter, die aus dieser Frage spricht, hat die Mutter in diesem Augenblick einfach kein Ohr.

Erst einmal wieder laufen lernen

Am Abend vor der Operation schreibt Cäcilie drei Abschiedsbriefe, an ihren Vater, der die Familie verlassen hat, an Melody und an ihre Großmutter. Für den Fall, dass sie nicht überlebt. Als ihre Mutter mit ihr reden will, hält sie sich die Ohren zu, bis sie endlich wieder allein im Zimmer ist. Am Tag danach kommt gleich nach der Familie Mello sie im Krankenhaus besuchen und schenkt ihr unter den Augen der besorgten Mutter einen Fußball – unterschrieben von allen in der Klasse. Die fußballverrückte Freundin hat die anderen zu diesem Geschenk überredet, weil Cäcilie ja jetzt Fußball spielen kann. Und Mello wird ihre Trainerin. So viel steht schon mal fest. Jedenfalls für Mello.

Aus all den Kinderfreundschaftsgeschichten, in denen zwei durch dick und dünn gehen und einander dabei helfen, ihre eigenen Träume, Wünsche, Aufgaben zu erfüllen, ragt diese Geschichte interessant heraus. Hier ist es die Begeisterung einer mitreißenden Freundin, der sich die Erzählerin einfach anschließt. Weil Widerstand schlicht zwecklos ist: Cäcilies Ansatz zu einem Einwand wischt Melody kurzerhand hinweg: Dass die Freundin gar nicht Fußball spielen könne, ist doch völlig unwichtig, denn im Grunde könne überhaupt niemand Fußball spielen. „Man glaubt nur, dass man es kann.“ Erst der Blick auf den Rollstuhl in der Ecke des Krankenhauszimmers kann Mello bremsen: Bevor sie kicken kann, muss ihre Freundin erst einmal laufen lernen.

Doch nicht ganz allein

Doch kaum ist Cäcilie wieder zu Hause, steht Mello vor der Tür. „Zeit, dass wir mit dem Training anfangen.“ Die Mutter schickt sie weg. „Sie versteht nicht, dass du nicht bist wie sie“, sagt sie der Tochter: „Du hast nicht so viel Kraft.“ Schlicht und wahr auch diese Sätze, und dass sich Cäcilie, von ihrer Freundin gedrängt, bald darüber hinwegsetzt, ist kein Wunder. Zum Beharren auf ihrem im Grunde von Melody fremdbestimmten Weg immerhin reicht Cäcilies Kraft. Auch als die Mutter sie beim heimlichen Torwarttraining erwischt. Selbst als auffliegt, dass Cäcilie in einer kuriosen Blitzeinwechslung die Mannschaft der verletzten Freundin vor einer Niederlage bewahrt.

Eine Fußball- und Freundschaftsgeschichte hätte mit dieser Szene ihr Finale gefunden. Aber Rose Lagercrantz ist es nicht allein darum zu tun, dass auch ein gerade noch gehbehindertes Mädchen als Torwart reüssieren kann, wenn sie es nur will. Ihr Blick liegt auch auf dem Konflikt, den Cäcilie mit ihrer Mutter riskiert und den die Autorin nicht einfach einem Erfolgs- und Glücksmoment ihrer Heldin opfert. Und noch dazu auf der familiären Konstellation, in der die Mutter ihren beiden Töchtern gegenüber Verantwortung tragen muss. Und sie, wie sich noch zeigt, doch nicht ganz allein trägt.

Musik statt Magie

Es ist ein Kräftemessen auf Augenhöhe zwischen Tochter und Mutter, und dass man, obwohl Cäcilie ganz aus ihrer Sicht erzählt, auch als kindlicher Leser die Position der Mutter verstehen kann, zeigt, wie fein Lagercrantz hier balanciert. Dabei mutet die 1947 in Stockholm geborene Autorin ihren Figuren noch eine spezielle Wendung zu: Der Vater lebt mit seiner neuen Frau auf Gotland. Dass Cäcilie ihm verzeiht, die Familie verlassen zu haben, so traurig sie auch noch darüber ist, schreibt sie extra in ihrem Abschiedsbrief an ihn, es muss also etwas Neues sein.

Die Art, wie der ferne Vater in die familiären Entscheidungen einbezogen bleibt, ist ebenfalls ungewöhnlich für ein Kinderbuch: Auch er hat die Lehrerin angerufen und mit ihr besprochen, dass Cäcilie am Tag nach der Operationsnachricht bedrückt in die Schule kommen wird. Als Cäcilie ihn am Ende des Buchs für die Sommerferien besuchen kommt, muss sie nicht mehr um das Fußballspielendürfen kämpfen. Auch nicht um ihren Platz in der Familie, nicht einmal, als in den Ferien ihr kleiner Halbbruder auf die Welt kommt.

Dass ihr Vater Cäcilie schließlich sogar beibringt, wie man auf der magischen Mundharmonika richtig spielt, auf dem Instrument, das er beim Auszug vergessen hatte und das Cäcilie als Symbol der Trennung eigentlich zunächst nur vor der Mutter hatte verstecken wollen, rundet das Schlussbild des Buchs von Rose Lagercrantz aufs Schönste, ohne es dem Kitsch anheimzugeben. Musik statt Magie also, dazu ein wachsendes Selbstbewusstsein, dem die mitreißend-rücksichtslose Freundin nur den richtigen Anfangsschwung gegeben hatte.

Rose Lagercrantz: „Wozu hat man eine Freundin?“ Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch. Mit Bildern von Karen Krings. Moritz Verlag, Frankfurt 2018. 104 S., geb., 11,95 Euro. Ab 6 J.

Quelle: F.A.Z.
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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