Neues NS-Dokumentationszentrum

Ein weißes Haus für die braune Vergangenheit

Von Hannes Hintermeier
 - 12:18
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Man muss kein Therapeut sein, um zu erkennen, dass es für die schöne Stadt München überfällig war, sich mit diesem unschönen Teil ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Dass jetzt zum siebzigsten Jahrestag der Befreiung – am 30.April 1945 übernahmen amerikanische Truppen die „Hauptstadt der Bewegung“ – das NS-Dokumentationszentrum eröffnet wird, mag schlüssig wirken. Bei näherer Betrachtung camoufliert das symbolträchtige Datum nur den Umstand, dass es in München in dieser Frage mal wieder nicht pressiert hat.

Denn die Vorgeschichte des Hauses ist selbst beinahe siebzig Jahre alt. In ihr spielen die Vokabeln „soll“, „spätestens“ und „lange geplant“ eine wiederkehrende Rolle. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Pläne, die in den Aufbaujahren und mit der Rückkehr ehemaliger Nationalsozialisten in verantwortliche Positionen vergessen wurden. Als man sich endlich auch politisch zu einem solchen Erinnerungsort bekannte, war der Flurschaden längst da: Die Stadt galt als „Hauptstadt der Verdrängung“. Und in der Tat: Auch die neue Hauptsynagoge am St.-Jakobs-Platz wurde erst vor neun Jahren eingeweiht.

Ein Problempaket

Der Umgang mit dem Erbe der Hitler-Zeit stand auch in der jüngsten Stadtgeschichte seit der Jahrtausendwende unter keinem glücklichen Stern. Obwohl es nominell nicht am politischen Willen fehlte, ein solches Haus zu bauen, vergingen vom Stadtratsbeschluss im Oktober 2001 noch einmal bald vierzehn Jahre bis zur Einweihung. So heikel empfand man das Projekt, dass gleich drei Kontroll- und Beratergremien ins Leben gerufen wurden, ein wissenschaftlicher und ein politischer Beirat sowie ein Kuratorium.

Dann wurde die Gründungsdirektorin gefunden und kurz vor der geplanten Eröffnung wieder entlassen; die Gestaltungsmacht ging auf einen Vierer-Rat über, bestehend aus den Historikern Hans Günter Hockerts, Marita Krauss, Peter Longerich und dem Architekturhistoriker Wilfried Nerdinger. Letzterer sprang schließlich am Ende aller Irrwege als Gründungsdirektor ein. Der Streit um die Benennung – darf das Zentrum „NS“ im Titel führen? – ergänzte das Problempaket. Nachdem lange Zeit keinem etwas dazu eingefallen war, wussten plötzlich viele, wie es auf keinen Fall gehen könnte.

Finanzierung am seidenen Faden

Hinzu kam, dass in der Zwischenzeit das Gebäude zum Wettbewerb ausgeschrieben und der Sieger gekürt worden war: Der Entwurf des Berliner Büros Georg Scheel Wetzel war fertig, das hieß für die Ausstellung, sie musste sich nach dem Bau richten – und nicht umgekehrt. Schließlich trennte sich Nerdinger im letzten Jahr, wiederum kurz vor knapp, vom Berliner Gestaltungsbüro Carsten Gerhards, das die Ausstellungsarchitektur plante. Die Finanzierung hing zwischendrin natürlich auch am seidenen Faden, weil der Bund beim besten Willen keine Förderwürdigkeit erkennen konnte.

Nun sind die Landeshauptstadt, der Freistaat Bayern und der Bund im Boot; das Münchner Kulturreferat betreibt und bezahlt die zwanzig Mitarbeiter, die den täglichen Ansturm bewältigen sollen. Man rechnet in den ersten Jahren mit drei- bis vierhunderttausend Besuchern. Das scheint realistisch: Die Berliner Topographie des Terrors zählt derzeit jährlich 1,3 Millionen Besucher. 28,5 Millionen Euro hat das Haus mitsamt der Ausstellung gekostet, ein weißer Sichtbetonwürfel mit knapp fünfundzwanzig Meter Außenlänge, tausend Quadratmeter Ausstellungsfläche auf vier Etagen mit Terrazzo-Böden, im fünften Stock die Verwaltung, in zwei Untergeschossen ein Vortragssaal und eine Lernetage mit zwei Dutzend Touchscreens und einer Handbibliothek von dreieinhalbtausend Bänden.

Folterkammer im Keller

Das Gebäude steht dort, wo einst die vom Volksmund „Braunes Haus“ genannte Parteizentrale der NSDAP ihren Sitz hatte. „Was aber die Bewegung braucht, ist ein Heim“, hatte der „Führer“ befunden und einer Industriellenwitwe für gut 800.000 Goldmark das vornehme Palais Barlow abgekauft. Er selbst wollte es „Parteiheim“ tituliert wissen, als er im Januar 1931 mit sechsundfünfzig Angestellten von der Schellingstraße in die Maxvorstadt umzog.

Die Kriegsruine wurde 1951 abgerissen. 2006 fand man bei der Freilegung des Kellers Altöl-Anlagen, Leitungsteile, Reste einer Telefonanlage, einen Löscheimer, eine Schreibmaschine, Flaschen mit Salzsäure, Tarnnetze. Was man nicht sah: In diesem Keller wurde noch am Tag der „Machtergreifung“ in Bayern, am 9.März 1933, der bayerische Innenminister Karl Stützel gefoltert. Der Amtsenthebung des Hitler-Gegners folgte die Verschleppung ins „Braune Haus“, wo man ihn halbtotprügelte.

Originale passen nicht in die Ausstellung

Schon früh hatte sich das Kuratorium darauf festgelegt, mit diesen Kellern an einem künftigen „Lernort“ nichts zu tun haben zu wollen. Der Neubau sollte in die Zukunft schauen, obgleich er ganz überwiegend mit dem Blick zurück beschäftigt ist. Eine Haltung, die sich durchgesetzt hat: Originale, das hat Hausherr Wilfried Nerdinger, Jahrgang 1944, verfügt, passen nicht in eine solche Ausstellung. Nerdinger wird nach der Eröffnung am heutigen Donnerstag das Haus noch ein Jahr lang leiten. Den Verzicht auf Originale verteidigt er seit Jahren zäh und mit einiger Vehemenz. „Unsere Originale sind die Bauten“, sagt Nerdinger, dessen Büro zur Brienner Straße hin liegt. Vom fünften Stock aus hat man einen eindruckvollen Blick auf den Königsplatz, den ehemaligen „Führerbau“ und andere Gebäude in der Nachbarschaft rund um den Karolinenplatz, die NS-Organisationen mit knapp sechstausend Mitarbeitern beherbergten.

Die Auseinandersetzung mit den Tätern auf dem Weg der Präsentation ihrer Uniformen, Gerätschaften oder Möbel lehnt Nerdinger deshalb ab, weil er diesen Dingen keinen ästhetischen Eigenwert zugestehen will. Die Besucher sollen sich auf einer rein rationalen Ebene mit dem Werden der Täter auseinandersetzen, und dazu brauche es keine dreidimensionalen Originale. „Ich will den Nationalsozialismus nicht eventisieren, kein Spektakel aus ihm machen.“

Nüchternheit und strenge Atmosphäre

Das kann man in der Tat der Ausstellung nicht vorwerfen. Sie ist an Nüchternheit kaum zu überbieten. Das liegt zum einen an der strengen Atmosphäre des Gebäudes, das auch im Inneren mit weißem Sichtbeton an Decken und Wänden operiert. Den Aufstieg des Nationalsozialismus hat man zum Abstieg umgewidmet: Die Ausstellung beginnt im vierten Stock und zieht sich bis ins Erdgeschoss. Sie setzt mit dem Ersten Weltkrieg ein, dann folgt der Aufstieg der braunen Bewegung. Der Schlüssel liegt im dritten Stock, wo gezeigt wird, wie sich die Hitler-Partei die Stadt buchstäblich gefügig gemacht hat, wie schnell, brutal und systematisch mit der Ausgrenzung und Verfolgung des politischen Gegners begonnen wurde – und von Mitbürgern, die nicht ins Schema einer rassisch reinen Gesellschaft passten.

Es folgt München im Krieg; die Propaganda der Parteizeitungen steht im augenscheinlichen Widerspruch zu den Fotografien der zerbombten Stadt. Aufschlussreich auch die Bilder und Karten vom täglichen Vorbeimarsch der 120.000 Zwangsarbeiter, die in der Rüstungsindustrie von Krauss-Maffei und BMW versklavt waren. Eine unübersehbare Menschenmenge, in einer Stadt, die bei Kriegsende nur noch 550.000 Einwohner zählte.

70 Jahre nach dem Krieg
Hitlers Geburtshaus - Braunaus schwieriges Erbe
© dpa, afp

Blickbeziehungen

Dargeboten wird die Geschichte in vertikalen übermannshohen Leuchtrahmen mit Fotografien und Texten, die in der Schriftart Univers gesetzt sind. Große Bilder sind mit einem Zweitbild ergänzt und markieren jeweils den Auftakt zu den vierunddreißig Themenschritten, die an niedrigen Leuchttischen fortgesetzt und vertieft werden. Die Felder sind ähnlich wie Zeitungsseiten aufgebaut, die Begleittexte sind durchgehend zweisprachig, deutsch und englisch. Die Gänge sind breit, interaktive Stationen rar, man hat Sorge, der Besucherstrom könnte ins Stocken geraten. Immer wieder setzt die Schau an den Gebäudeecken mit den schmalen Fensterschlitzen auf Blickbeziehungen: zum Königsplatz, den die Nationalsozialisten zum Aufmarschplatz umfunktionierten, auf den Karolinenplatz, zur Musikhochschule, auf den freigelegten Sockel eines der beiden Ehrentempel. Dort waren die Sarkophage der sechzehn Toten ausgestellt, die beim Hitler-Putsch am 9.November 1923 Polizeikugeln zum Opfer fielen.

Besonders effektvoll und durchaus die beabsichtigte Wirkung nicht verfehlend sind die Filme, die teilweise auf Bildschirmen gezeigt werden, die vor den Fenstern hängen: So sieht man Aufnahmen von der Unterzeichnung des Münchner Abkommens von 1938 und blickt gleichzeitig auf das Gebäude, in dem sich das Ereignis zutrug, während Chamberlain im Film gerade die Treppe hinaufsteigt.

Blätter, die Blutspuren zeigen

Die Ausstellung folgt den Konsequenzen des „Dritten Reichs“ bis in die Gegenwart, erreicht schließlich die virtuelle Welt mit Bildschirmen, auf denen permanent aktualisiert Meldungen über antisemitische Übergriffe und religiös oder rassistisch motivierte Gewalttaten aus dem weltweiten Nachrichtenstrom gefiltert werden, auch Nachrichten aus dieser Zeitung. So soll den Besuchern das „Nie wieder!“ auf den Weg mitgegeben werden, den man nun, geleitet von einer App, durch den Stadtraum fortsetzen kann. Keine Regel ohne Ausnahme: Im ersten Untergeschoss findet sich doch noch ein Original, verfasst von einem ermordeten Widerstandskämpfer: Albrecht Haushofers Manuskript der „Moabiter Sonette“. Blätter, die Blutspuren zeigen.

Ob das Konzept der Ausstellung trägt, ist noch nicht abzusehen. Ob nicht am Ende die Neugier auf das Auratische sich Bahn bricht, bleibt abzuwarten, virtuelle Museumsbesuche sind rund um dem Globus auf dem Vormarsch. Und schon gibt es gewisse Verdachtsmomente, dass die Neugier der Besucher auf Originalschauplätze auch München nicht verschont. Die Musikhochschule befürchtet, dass Besucher des Dokumentationszentrums auf die Idee kommen, sich im früheren „Führerbau“ die Originalschauplätze anzusehen, die sie eben nur auf bewegten Bildern sahen.

Keine Ausrede mehr

Denn an Originalen fehlt es in München keineswegs. Nicht nur das Haus der Kunst ist voll davon, auch die Nachbargebäude des neuen weißen Hauses sind bis heute keiner Generalsanierung unterzogen worden. Der „Führerbau“ wurde nach dem Krieg lückenlos weitergenutzt, erst von den Amerikanern, die dort, bis zum Neubau am Karolinenplatz 1957, das Amerikahaus unterhielten; anschließend von der Musikhochschule. Im südlich gelegenen vormaligen „Verwaltungsbau“, wo heute das Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke seine ganze Statuenherrlichkeit ausstellt, sitzen Professoren und Studenten an originalen Schreibtischen.

Das dumpfe nachrevolutionäre Münchner Milieu der zwanziger Jahre, die Ablehnung der Weimarer Republik, Bierkeller als Orte für Propagandaschlachten, das Absinken einer Kunststadt zu einem „Hort der Reaktion“, wie Thomas Mann „die eigentlich dumme Stadt“ beschrieb, Verlegerfamilien, die Hitler erst gesellschaftlich polierten und seinen Ansehensgewinn in den Geld- und Adelseliten vorbereiteten – das alles kommt hier konzentriert auf den Leuchttisch. Jetzt gibt es keine Ausrede mehr für München, sich der eigenen Geschichte nicht zu stellen. Und für den sperrigen Hausnamen „NS-Dokumentationszentrum München. Lern- und Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus“ wird sich der Volksmund auch dieses Mal etwas einfallen lassen.

„München und der Nationalsozialismus“ ist der von Wilfried Nerdinger herausgegebene, umfangreiche Katalog betitelt, der im Verlag C.H.Beck erscheint und 38 Euro kostet.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.
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