Exzellenzuniversitäten

Das sind doch nur Spitzenintellektuelle

Von Jürgen Kaube
© dpa, F.A.Z.
„Die Wahrheit wird euch frei machen“ prangt in goldenen Lettern an der Fassade des Kollegiengebäudes der Universität Freiburg. Diese verlor 2012 ihren Elite-Status

Vor einem Jahr hatten die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Wissenschaftsrat beschlossen, die Universität Freiburg nicht weiter im Kreis der „Exzellenzuniversitäten“ zu belassen. Das Zukunftskonzept der Universität, das im Jahr 2007 noch belobigt worden war, leuchtete nun nicht mehr ein. Auf einer kleinen Tagung zur Lage der Geisteswissenschaften an den Universitäten berichtete Ulrich Herbert jetzt von den Begründungen, die dem Wissenschaftsrat und der DFG dafür eingefallen waren.

Im Zentrum jenes Freiburger Konzepts stand die Einrichtung des „Freiburg Institute for Advanced Studies“ (FRIAS). Es besteht bis Ende Juli dieses Jahres aus vier „Schools“, für Geschichte, Sprach- und Literaturwissenschaften, die Erforschung weicher Materien sowie Lebenswissenschaften. An sie lud man Spitzenforscher ein, damit sie über einen längeren Zeitraum hinweg und womöglich gemeinsam das hervorbringen können, was von ihnen erwartet wird: Erkenntnisgewinn.

Kopf: ich gewinne. Zahl: du verlierst

Wozu es dafür eigene Institute braucht? Die Gründe sind vielfältig. Weil Muße im Wissenschaftssystem nicht gleich verteilt ist. Weil man den Universitäten inzwischen vielerorts, nicht nur in Deutschland, die Aufgaben von Fachhochschulen zumutet. Weil die Hochschulpolitik am liebsten immer mehr Studierende an die Universitäten bringen möchte, dafür aber nicht das Lehrpersonal zur Verfügung stellt. Weil sie zugleich die Forscher verstärkt in Verfahren der Projektmittelbeantragung jagt, die oft gar nicht ihrer Forschung, sondern nur ihrem Renommee dienen und vor allem Zeit fressen. Weil man Zeit an Advanced-Studies-Instituten zurückbekommt. Und weil unverhoffte Begegnungen oft weiter führen als E-Mails unter Bekannten, ohne dass man immer zuvor schon wüsste, wohin sie führen.

Das alles leuchtete, wie gesagt, erst ein, dann nicht mehr. Und warum nun also nicht? Das konnte Ulrich Herbert als Betroffener - er war Direktor der „School of History“ - natürlich nicht sine ira et studio diskutieren. Aber selbst wenn man in Rechnung stellt, dass sein Bericht auch der Verteidigung des aus seiner Sicht ganz unverdient beendeten Instituts diente, war er informativ: weil er Einblicke in den Stil der Hochschulpolitik in diesem Land gab. Manchmal genügt dafür ein Satz, denn an ihren Phrasen sollst du sie erkennen.

Exzellenzcluster als Max-Planck-Varianten

Da hieß es beispielsweise, das FRIAS sei zu elitär. Tatsächlich kamen in der letzten Auswahlrunde allein an der „School of History“ auf sechzehn Fellow-Stipendien zweihundert Bewerbungen. Dass in einem Exzellenzwettbewerb „elitär“ als K.-o.-Vokabel dafür herhalten kann, ist bemerkenswert. Das Begründungsschreiben des Wissenschaftsrates, unterzeichnet von dessen Vorsitzendem, Wolfgang Marquardt, würdigte im Übrigen die Forschungsleistungen des FRIAS nur pauschal, so als ob es zur Beurteilung eines Forschungsinstitutes Wichtigeres gäbe als seine Leistungsfähigkeit.

Dafür hatte der Generalsekretär des Wissenschaftsrats, Thomas May, einen wichtigen Einwand: Die „School of History“ sei kein Universitätsinstitut, sondern eine Ansammlung von Spitzenintellektuellen. Fürwahr, dann ging das so natürlich nicht weiter! (Ob die analoge Formulierung wohl wäre, dass der Wissenschaftsrat eine „Ansammlung“ von Spitzenfunktionären ist, die über Forscher Urteile fällen, deren Bücher sie, rein aus Zeitgründen, nicht lesen?).

Kognitive Orientierung ersetzt das Wissenschaftsmanagement, auch mangels eigener Intellektualität, gerne durch politische Perspektiven. Die kamen in dem Satz des damaligen DFG-Präsidenten Matthias Kleiner zum Ausdruck, man wolle keine Strukturen innerhalb von Universitäten, die denen von Max-Planck-Instituten ähnelten. Nicht nur lässt tief blicken, und zwar ins Leere, dass dem Ingenieur und den Seinen dieser Effekt der Exzellenzinitiative, den man sich organisationssoziologisch an den Fingern einer Hand abzählen konnte, erst nach sechs Jahren der Förderung einer solchen Struktur aufgefallen ist. Darüber hinaus wäre es schon seltsam, wenn man in Bonn gar nicht bemerkt haben sollte, dass die so geliebten „Exzellenzcluster“ gar nichts anderes sind als Max-Planck-Varianten an Universitäten: stark von der Lehre entlastete, finanziell komfortable Zonen thematisch konzentrierter und mit eigenen Hierarchien versehener Grundlagenforschung.

Semantische Kontrollverluste

Dass hierin für die Universitäten ein Problem und nicht nur ein Prestigegewinn liegt, ist offenkundig. Aber es war ja gewollt, der Überlast im Bereich der Lehre etwas entgegenzusetzen. Deren Einheit mit der Forschung ist längst zu einem Lippenbekenntnis geworden. Wer von Forschern ständiges Publizieren erwartet, kommt um die temporäre Entkopplung von der Lehre kaum herum. Ulrich Herbert rechnete vor: 457 000 Studenten der Geisteswissenschaften gibt es derzeit an deutschen Hochschulen, auf einen Professor kommen 81 davon.

Wenn also erst eine Exzellenz-Struktur, die hier für Entlastung sorgt, begrüßt wird und man sie dann mit der Begründung mangelnder Integration in die Lehre und nur loser Kopplung zur Universität wieder abschafft, dokumentiert das semantische Kontrollverluste. Man möchte das eine und sein Gegenteil haben und wechselt je nach Opportunität und politischem Kalkül die Werte aus.

Schließlich das merkwürdigste Argument von allen: Das Freiburger Institut sei zu disziplinär ausgerichtet gewesen. Auch hier interessiert gar nicht, ob das zutrifft, was es heißt und ob es mehr bedeuten sollte als: Hier erforschen ja nur Historiker die Geschichte. Sondern dass es Wissenschaftsfunktionäre allen Ernstes fertigbringen, den Begriff „Disziplinarität“ abwertend zu verwenden - und zwar ohne dass sie, ertappt bei einer Dummheit, rot werden.

Die aufgegebene Zone

Der Fetisch „Interdisziplinarität“ spielte auch in den an Herberts Einleitung anschließenden Freiburger Gesprächen eine Rolle. Wozu es denn eigene Strukturen brauche, fragte der Berliner Russlandhistoriker Jörg Baberowski, damit er beispielsweise ein Gespräch mit Psychologen führen könne, die für seine Forschungen über politische Gewalt interessant seien. Man könne die Leute anrufen, ihre Texte lesen, eigene „Gruppenforschung“ müsse dazu nicht angeschoben werden.

Die israelische Historikerin Shulamit Volkov fragte arglos, aber genau zum selben Punkt, ob denn die Mitglieder von interdisziplinären Graduiertenkollegs miteinander forschen oder sich nur einander erzählen, was jeder einzeln herausgefunden hat. Nicht wenige Mitglieder solcher Kollegs beschrieben Interdisziplinarität entsprechend: zu Vorträgen gehen, von denen man nichts hat. Das könnte man als Frage auch an „Cluster“ und „Sonderforschungsbereiche“ in den Geistes- wie Sozialwissenschaften herantragen. Den Aufwand beim Hochziehen solcher interdisziplinärer Gruppenprojekte beklagten jedenfalls die meisten Anwesenden; außer Jürgen Kocka, der aber ohnehin praktisch alles gut fand, was wissenschaftspolitisch stattfindet.

Nur steigende Zahlen sind Erfolgszahlen

Auf die Frage, weshalb man sich denn seitens der Professoren an dem beteilige, was vom disziplinären Forschen abhält, gab es drei Antworten. Erstens die Freude am Einfluss, Miles and more, Drittmittelkönigswürden, Spendierfähigkeit und Exklusion aus der universitären Knappheitstristesse. Zweitens die Versorgung des Nachwuchses mit Stellen - jedenfalls mit befristeten. Und drittens, so der Soziologe Hans Joas, dass man, vor die Wahl gestellt zwischen Lehre in der Bachelorzone und dem Schreiben von Projektanträgen, die Projektwelt vorziehe.

Das waren natürlich alles Klagen auf hohem Niveau. Aber zusammen mit Ulrich Herberts Bericht über das Vokabular der Antragsablehnung in der Exzellenzinitiative ergaben sie doch ein aufschlussreiches Bild. Die Universität ist eine von vielen Professoren aufgegebene Zone. Von den Studenten, die nicht für die Arbeit in den Gruppenprojekten vorgesehen sind, redet niemand. Dass die einzige Funktion der Geisteswissenschaften, die ihren derzeitigen Umfang rechtfertigt, in der Lehrerbildung liegen könnte und vielleicht ihre größte Nützlichkeit auch, wollen die Forscher nicht wahrhaben, ja nicht einmal diskutieren.

Die Wissenschaft wiederum ist eine von ihren Funktionären völlig anschauungsfrei behandelte Masse von Zahlen. Zahlen, die steigen müssen, damit sie als Erfolgszahlen gelten. Mehr Studenten, egal ob studierend oder nicht, mehr Publikationen, egal ob gelesen oder nicht, mehr Drittmittel, egal ob die Forschung sie braucht oder nur dafür sorgt, dass sie abfließen.

Kein Zusammenhang zwischen Studenten- und Leserzahlen

In diesem Zusammenhang war besonders die Wortmeldung eines Verwalters aus dem Konstanzer Exzellenzcluster signifikant. Man könne sich doch über das Wachstum der Geisteswissenschaften nicht beklagen. Er fand widersinnig, es als einen der Nachfrage würdigen Sonderfall darzustellen, dass in Deutschland knapp zwanzig Prozent aller Studierenden ein geisteswissenschaftliches Fach gewählt hätten, mehr als in jedem anderen Land der Welt. „Wir beklagen uns hier über zu viele Studenten, und währenddessen geht der Suhrkamp-Verlag in Insolvenz!“, rief er aus.

Das sollte wohl heißen: Es kann doch gar nicht genug Leser von geisteswissenschaftlicher Literatur geben. Kommt auf die Literatur an, könnte man entgegnen. Oder dass es eben, gerade das Suhrkamp-Beispiel beweist es, keinen Zusammenhang zwischen Studentenzahlen und Leserzahlen gibt. Wenn jeder der 457000 Studierenden der Geisteswissenschaften in diesem Land pro Semester einen Band der Wissenschaftstaschenbücher aus dem Adorno-bis-Wittgenstein-Programm auf eigene Rechnung lesen würde, wäre der Verlag womöglich eine Sorge los. Zur Einsicht in die Lage der Geisteswissenschaft trüge vermutlich das Eingeständnis bei, dass man auch an der Universität Konstanz Seminare erfolgreich bestehen kann, ohne es zu tun.

Quelle: F.A.Z.
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