Wolfgang Eßbach im Gespräch

Achtundsechzig war das Ende einer Reformphase

Von Gerald Wagner
 - 22:42

Herr Professor Eßbach, Sie wurden 1944 geboren, waren 1968 also 24 Jahre alt und studierten damals Germanistik und Geschichte in Göttingen. Von 1967 bis 1968 waren Sie dort Mitglied des SDS und Vorsitzender des Asta. Wie erinnern Sie sich an diese Jahre?

Wolfgang Eßbach: Die Erinnerung an Achtundsechzig konzentriert sich zu sehr auf die Bilder der Ereignisse in Berlin und Frankfurt. Achtundsechzig war schon vor dem Zerfall der Studentenbewegung in ihre verschiedenen Erben – die SPD Brandts, die K-Gruppen, die Drogenszenen, die Grünen, die Feministen, die Neo-Religiösen, die nach Poona zogen, aber natürlich auch der Terrorismus – keine homogene Geschichte. Bei uns in Göttingen kam es durch die Kooperationsbereitschaft des damaligen Polizeipräsidenten Erwin Fritz zu keinen öffentlichen Zusammenstößen von Demonstranten und Polizei, auch wenn es bei uns wie überall den Rausch der Aktion gab, den täglichen, von den Medien angefeuerten Aufforderungscharakter. Die Gewalt auf der Straße kam erst nach der Abberufung von Fritz 1969 nach Göttingen.

Die Erinnerungen des Germanisten Albrecht Schöne an 1968, die er kürzlich in dieser Zeitung veröffentlicht hat, sprechen eine andere Sprache. In Flugblättern wurde zur Vergewaltigung der Frauen und Töchter der Göttinger Professoren aufgefordert.

Alles, was Schöne schreibt, stimmt. Als damaliger Asta-Vorsitzender kann ich das bezeugen. Den Urheber dieser Aufrufe konnten wir leider nie herauskriegen. Ich finde das sehr wohltuend, dass Schöne das jetzt noch veröffentlicht hat, weil ich selbst immer gegen die Vergemütlichung von Achtundsechzig war. Achtundsechzig hat die Bundesrepublik bereichert, aber es gab auch ein ungemeines Maß an Hass, Intoleranz und Wahnvorstellungen bei den Revoltierenden. Von dieser abgründig destruktiven Seite von Achtundsechzig höre ich zu wenig. Die traf auch eher die jüngeren, liberalen und diskussionsbereiten Ordinarien. Kaum einer der deutschen NS-Professoren, von denen die Unis damals ja noch voll waren, hat unter Achtundsechzig gelitten. Sie hatten gelernt zu schweigen. Und natürlich sahen etliche Professoren in uns die neue SS.

Und Sie in denen die alte SS?

Natürlich. Für uns Studenten mit unserer Paranoia der Wiederkehr war es genau umgekehrt. Wir erwarteten, dass die bürgerlichen Schichten in der Krise des Kapitalismus zum Faschismus griffen. Die Stichworte sind bekannt – die Notstandsgesetze, Rüdiger Altmanns formierte Gesellschaft etc. Das war aus heutiger Sicht natürlich überzogen, aber wir wussten es damals einfach nicht besser. Und wir können heute auch nicht sagen, wie es gekommen wäre ohne Achtundsechzig und die Folgen. Und es gibt da ja auch noch die dialektische Ironie dieser Geschichte, dass viele Liberale, die damals an der demokratischen Stabilität der Bundesrepublik durchaus ihre Zweifel hatten, in der Abwehr der roten Horden von Achtundsechzig eine viel stärkere Identifikation mit der westdeutschen Demokratie entwickelten als vorher. Wie etwa Wilhelm Hennis...

... 1968 Lehrstuhlinhaber für Politikwissenschaft in Freiburg und später noch Ihr dortiger Kollege. Der hatte bereits 1969 in einem damals vielbeachteten Aufsatz im „Merkur“ über die „deutsche Unruhe“ den Achtundsechzigern ihren Legitimationstitel der Kritik an der deutschen Gesellschaft streitig gemacht. Gegen ihre „Muff-Legende“ führte Hennis die Reformpolitik der ersten zwei Nachkriegsjahrzehnte an – noch nie habe es in der deutschen Geschichte einen so tiefgreifenden Wandel, solch eine überfließende Mobilität gegeben wie in den Jahren 1948 bis 1968. Hat Ihre Generation den Wandel der deutschen Gesellschaft gar nicht selbst verursacht?

Hennis hatte unrecht für die fünfziger Jahre. Aber bereits um 1960 setzt in der Bundesrepublik ein massiver Reformprozess ein, auch in den Bereichen, die von den Achtundsechzigern für sich reklamiert wurden. Das war ganz klar das Ende der familienzentrierten traditionalistischen Gesellschaftspolitik der fünfziger Jahre. Dann die Große Strafrechtsreform mit ihrer Liberalisierung des Sexualstrafrechts, die Anerkennung abweichender Familienformen und Sexualität, die Reform des Paragraphen 175, diese allgemeine Reform der Sittlichkeit und Erziehung wurde teils erst 1969 abgeschlossen, aber ihre gesellschaftlichen Grundlagen entstanden bereits Jahre früher. Auch in der Hochschulpolitik – die Gründung des Wissenschaftsrates fiel in das Jahr 1957, und bereits dessen Empfehlungen zum Hochschulausbau von 1960 führten zu einem massiven Ausbau neuer Universitäten. Überhaupt die Demokratisierung der Bundesrepublik unter der Leitidee, dass die moderne Gesellschaft eine Gesellschaft mit Konflikten sei und keine Gemeinschaftsgesellschaft mehr. Diese Legitimation des Streites und des interessebegründeten Konflikts wurde ja auch mit der soziologischen Überhöhung durch Dahrendorfs Konfliktparadigma schon 1961 in „Gesellschaft und Freiheit“ anerkannt. Insofern stimme ich da der Interpretation von Hennis zu. Die Reklamation dieser Modernisierungserfolge durch die Achtundsechziger ist natürlich Teil ihrer Selbstmythologisierung, hat aber mit den tatsächlichen Veränderungen des Landes wenig zu tun. Die Studenten griffen das auf, beschleunigten es, aber es kam nicht viel Neues mehr. 1968 war das Ende einer Reformphase, aber nicht deren Anfang.

War 1977 das Ende aller Träume? Gab es so etwas wie eine Beschämung durch die Terroristen, die ja schließlich auch ein Teil der eigenen Generation waren?

Ich hatte ja schon anfangs darauf hingewiesen: Der Zerfall der Bewegung, der kein Zerfall war, sondern die Fortsetzung einer heute nicht mehr wahrgenommenen Heterogenität von Beginn an, also dieser sogenannte Zerfall stellt natürlich auch eine Vielfalt von Sinngebungen, von Fortsetzungen, Transformationen und Kompensationen dar. Wir werden die Rätselhaftigkeit der Terror-Karrieren nie gänzlich aufklären können. Exemplarisch hierfür jüngst die Biographie von Ingeborg Gleichauf über Gudrun Ensslin, deren Stärke gerade darin liegt, dass sie am Ende nicht verhehlt, auch nach all der Recherche die entscheidende Frage, an welchen Punkt der Umschlag begann bei Ensslin, nicht beantworten zu können. Aber ich? Ich hatte auch einfach Glück. Andere nicht, so wie Rolf Pohle, der gleichzeitig mit mir Asta-Vorsitzender des SDS in München war. Jura-Student aus alter Juristenfamilie, glänzende Karriere in Aussicht, setzte dann seinen Namen unter den Aufruf zu einer Demonstration, die in Gewalt endete. Pohle kam deshalb vor Gericht, wurde verurteilt, fiel nicht unter die Amnestie von Willy Brandt, also war die Karriere futsch, und dann sein Abgleiten in den Terror. Oder Götz Aly, der 1971 in Berlin an dieser Aktion beteiligt war, wo Alexander Schwan fast aus dem Fenster gestürzt worden ist. Das war es dann erst mal mit der Professur dieses brillanten Historikers.

Hat Sie nur der biographische Zufall vor Schlimmeren bewahrt?

Nein, wir hatten in Göttingen eben auch Professoren, die uns gemäßigt haben. Hartmut von Hentig, der Soziologe Hans Bahrdt, der Historiker Rudolf von Thadden. Es war eine Mäßigung durch große Lehrer und die von ihnen vermittelte Einsicht in die Dauer und Schwierigkeit gesellschaftlicher Veränderungen.

Lassen Sie uns das als Stichwort nehmen für das Thema 1968 und die Universität. Sie sollen Ihren Studenten in Freiburg einmal gesagt haben: „Suchen Sie sich Ihren Platz in den Trümmern dieser Universität!“ Wenn man sich die Biographien von vielen Achtundsechzigern anschaut, insbesondere von denen, die dann wie Sie eine akademische Laufbahn eingeschlagen haben, dann fällt doch auf, wie sehr in diesen Biographien die Prägung durch große akademische Lehrer dominiert. Sie haben ja gerade einige aufgezählt. Es mag unter manchem Talar etwas muffig gerochen haben, aber die wissenschaftliche Sozialisation durch die großen Ordinarien suchte man dennoch. Wenn Ihrer Ansicht nach die Universität heute in Trümmern liegt – welchen Anteil hatte 1968 dann daran?

Wir haben nicht die Abschaffung der Ordinarien-Universität gefordert, sondern die Selbstverwaltung der Universität durch die gleichberechtigte Mitbestimmung von Assistenten, Professoren und Studenten sowie die Abschaffung des Lehrstuhls- und die Einführung des Institutsprinzips. Was der Wissenschaftsrat übrigens auch schon 1957 vorgeschlagen hatte. Wir wollten damit die Hochschulen stärken als Orte des kritischen Denkens. Unser großer Fehler aber war die Idee der Reform der Universität über Hochschulgesetze und auf dem Weg der Verwaltung. Am Ende haben alle verloren. Der eigentliche Fehler war, dass man die Universitäten als alleinigen Ort des kritischen Denkens aufgefasst hat und nicht gesehen hat, dass es bei einem solchen Wachstum an Studenten unsinnig ist, alles auf die Universität zu setzen. Als Soziologe hätte man das wissen müssen, dass dieser Akademisierungswahn, dieses Wachstum ohne Differenzierung pathologisch ist. Man hatte mit der Gründung von Fachhochschulen ja bereits vor Achtundsechzig begonnen, aber mit der Differenzierung ist man dann steckengeblieben.

Aber wie ist es mit dem sozialen Aufstieg durch die Öffnung der Universitäten? Auch keine Errungenschaft der Achtundsechziger?

Der hat unter dem alten System noch besser funktioniert. Der Bildungsfuror der Aufsteiger, die damals auf dem Abendgymnasium ihr Abitur gemacht haben, das war ein bewundernswerter Drive. Nur brauchten die dafür keine Universität, die offen ist für alle. Wie etwa Gerhard Schröder, der 1969/70 in Göttingen Vorsitzender der Jusos war und dort Jura studiert hat. Nur hat der Achtundsechzig gar nicht mitgemacht, der hat immer nur gepaukt. Aufsteiger eben. Aber das ist mir auch erst 1977 klargeworden, Achtundsechzig fehlte uns dafür der Horizont.

Springen wir zum Schluss in die Gegenwart. Im Bundestag sitzt eine neue Partei, die bis vor kurzem noch eine außerparlamentarische Opposition war. Wenn ihre Unterstützer auf die Straße gehen, werden sie von den Etablierten reflexartig als Pack und Abschaum diffamiert. Die Neuen Rechten dagegen sehen sich als die einzig wahre Opposition und bekennen sich ganz offen dazu, die herrschenden Verhältnisse umstürzen zu wollen. Die gereizten Etablierten reagieren gleich mit Eingriffen in die Meinungsfreiheit. Erinnert dieses Bild nicht an 1968, nur mit ganz anderen Vorzeichen?

Ein interessanter Vergleich. Die Parolen: Kampf gegen die „Wiederkehr des Faschismus“ damals, Kampf gegen das „versiffte links-grüne Achtundsechziger-Deutschland“ heute sind in der Geste des grandiosen Durchblicks einander ähnlich. Da geht es um die Konstruktion weltbildartiger Zusammenhänge. Für die AfD ist Achtundsechzig der große Sündenfall deutscher Geschichte, mit dem alles Übel in Verbindung gebracht wird: die Brutalität jugendlicher Krimineller und das Holocaust-Denkmal mitten in Berlin. Ich habe das einmal mit Bezug auf die Achtundsechziger die große Konfusion genannt: dass man endlich den Durchblick hatte, wenn man vom tieferen Zusammenhang einer Goethe-Vorlesung mit dem Vietnam-Krieg überzeugt war. Die Emphase des Zusammenhangs gegen die Undurchschaubarkeit der modernen Gesellschaft aufzubieten, mit ihrer Unkontrollierbarkeit nicht fertig zu werden, diese Motive sind heute auch bei den Rechten zu erkennen. Leider erinnert aber auch die Reaktion der heutigen Etablierten auf diese Rechten sehr stark daran, wie man damals auf uns junge Linke reagierte. Es ist der gleiche Unwille, die Veränderung der Gesellschaft wahrzunehmen, weil sie nicht dem eigenen Weltbild entspricht. Das zeigt mir, dass die deutsche Gesellschaft leider immer noch nicht in der Lage ist, anzuerkennen, dass es verschiedene Deutungen und Linien der deutschen Geschichte gibt.

So wie es auch verschiedene Deutungen von Achtundsechzig geben sollte?

Natürlich. Wir müssen Achtundsechzig gnadenlos historisieren. Die Erinnerung an das Ereignis leidet bis heute unter einer sehr kleindeutschen Perspektive darauf. Dabei war Achtundsechzig eine weltweite Bewegung, deren eigentlicher Erfolg ihr Beitrag zum Zerfall des Weltkommunismus sowjetischer Prägung war. Diese antikommunistische Seite von Achtundsechzig ist hierzulande leider immer noch nicht richtig erkannt worden. Wir müssen heute die Deutungen von Zeitgenossen (mich eingeschlossen) zurückdrängen und jüngeren Forschern erlauben, einen Standpunkt außerhalb der deutschen Borniertheit gegenüber Achtundsechzig zu finden.

Wolfgang Eßbach ist emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Freiburg.

Quelle: F.A.Z.
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