Islamische Theologie

Ein fundamentaler Irrweg

Von Regina Mönch
 - 16:33

Die Weigerung einiger Islam-Dachverbände, die „Vereinbarung“ über Rechte und Pflichten eines Beirats für ein künftiges Institut Islamische Theologie an der Humboldt-Universität Berlin (HU) zu unterschreiben, ist keine Überraschung. Sie entspricht vielmehr der Strategie der religionspolitischen Vereine, mit der sie regelmäßig versuchen, die Akademisierung der Islamischen Theologie in Deutschland zu torpedieren, zu stören oder über die Gebühr zu beeinflussen. Was nicht immer gelingt, aber immer noch viel zu oft. Das ist ärgerlich bis skandalös, zumal keiner der Verbände für sich beanspruchen kann, die Interessen deutscher Muslime insgesamt zu vertreten und ihre Geldquellen in großen Teilen ein beunruhigendes Rätsel bleiben. Zwar ist es noch nie gelungen, ihre Mitgliederzahl exakt zu ermitteln, aber unwidersprochen gilt: nicht mehr als ein Fünftel deutscher Muslime, und das ist sehr großzügig gerechnet, ist über Moscheegemeinden in den bekannten Dachverbänden, von denen einige vom Verfassungsschutz als bedenklich eingestuft werden, organisiert. Auch nicht in Berlin.

Trotzdem hat der Senat seine Vorschläge für den Beirat eines weiteren Islam-Institutes auf die seiner Ansicht nach fünf mitgliederstärksten Dachverbände (die aus der Türkei gesteuerte Ditib, die Islamische Föderation als Ausgründung der Milli Görüs, die Islamischen Kulturzentren, der Zentralrat der Muslime und der Schiitische Dachverband) beschränkt. Sie gelten alle als konservativ bis fundamentalistisch. Ein Antrag der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Vertreter des liberalen Islam einzuladen, scheiterte Ende März auch im Wissenschaftsausschuss. Wieder einmal ist so die innerislamische Debatte um einen Reformislam, die außerhalb der Dachverbände durchaus stattfindet, ausgeschlossen worden. Oder anders gesagt: Statt reformbereite Muslime zu schützen und zu stützen, werden sie von der Politik ignoriert.

Vielleicht eine Art Idomeneo-Reflex – frei nach der Entscheidung einst, in vorauseilender Erregung eine Mozart-Oper in Berlin abzusetzen, weil sie Muslime beleidigen könnte. Nicht alle, aber jene Funktionäre, die gern und laut Diskriminierung rufen, waren es dann auch.

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Schuldzuweisungen nach dem Scheitern

Doch ohne die noch recht stille Gruppe liberaler Muslime wird eine aufgeklärte islamische Theologie und Religionspädagogik kaum möglich sein. Vor allem – wer wollte ihre Absolventen? Im Wissenschaftsausschuss des Abgeordnetenhauses war auf die Bedenken einiger Abgeordneter wieder das kontextfreie Argument zu hören, organisierte konservative Moscheegemeinden seien doch die Abnehmer akademisch ausgebildeter Religionslehrer und Imame. Ob das so sein wird, steht dahin. Denn warum sollten Gemeinden, die zum Teil vom Ausland finanziert werden, dereinst ihre Imame selbst bezahlen wollen? Auch gibt es erste Hinweise darauf, dass Moscheen Absolventen einer deutschen Universität als verwestet ablehnen.

Bis zum vereinbarten Termin 1. April, nach einem Jahr endloser und nur selten konstruktiver Verhandlungen mit häufig wechselnden Verbandsfunktionären unklarer Sachkenntnis, unterschrieb außer dem Schiiten-Dachverband keiner den Vertrag mit der HU. Streitpunkt ist wie erwartet die sogenannte Exit-Klausel, die eine Evaluierung der Beiratsarbeit nach drei Jahren vorsieht. Trotzdem soll es noch in dieser Woche eine weitere Aussprache mit der Wissenschaftsverwaltung geben, wobei diese signalisiert hat, dass sie die neuerlichen „Änderungsvorschläge“ seitens der Verbände für nicht tragbar hält.

In Überschätzung seiner Bedeutung hat jetzt der Zentralrat der Muslime (ZMD) auf Krawall geschaltet. Ausgerechnet den Gründungsdirektor des künftigen Institutes, den hochgeachteten Mittelalterhistoriker Michael Borgolte, greift der Berliner Landesverband rüde an. Ihm fehlten, heißt es in einer ZMD-Erklärung, „selbst nach zweijähriger Beschäftigung mit dem Thema noch immer grundlegende Kenntnisse und Kompetenzen“, giftet die Vizechefin, die Politologin und Antidiskriminierungs-Aktivistin Lydia Nofal. Scheitere das Projekt, sei das nicht zuletzt „dem dilettantischen Vorgehen“ Borgoltes zuzuschreiben. Borgolte jedoch kann man allenfalls vorwerfen, er sei zu lange zu geduldig gewesen.

Eine Minderheit alten Geistes

Über die Macht dieser religionspolitischen Verbände ist viel gestritten worden, doch trotz gut begründeter Bedenken sitzen sie – und nicht die Liberalen – mit Regierungsvertretern in der Islamkonferenz und haben erreicht, dass in zehn Jahren Dauergespräch eigentlich nichts erreicht worden ist, was unter ernstzunehmender Integration einzuordnen wäre. Diese Dachverbände treten auf wie anerkannte Religionsgemeinschaften, was zum Glück nur einige in manchen Bundesländern geschafft haben – der deutsche Föderalismus macht es möglich. So hatte sich etwa die im Islamrat organisierte „Islamische Föderation“ in Berlin bereits um die Jahrtausendwende in die Schulen geklagt, weil ihr ein ahnungsloses Verfassungsgericht gegen die Einwände einer schlecht vorbereiteten Schulverwaltung den Status einer Religionsgemeinschaft zugestand.

Fast sensationell ist vor diesem Hintergrund der höchstrichterliche Spruch aus Nordrhein-Westfalen zu werten, der nun einen Kampf vor Gericht um die Deutungshoheit über den islamischen Religionsunterricht nach zwanzig Jahren (!) beendete. Die bundesweit agierenden Dachverbände Islamrat – größtes Mitglied ist Milli Görüs, in Berlin als Islamische Föderation – und der Zentralrat der Muslime wollten eigene Lehrpläne mit eigenen Religionslehrern, was vor unterschiedlichen Instanzen negativ beschieden worden war. Das Bundesverwaltungsgericht verwies den Fall schließlich wieder ans Oberverwaltungsgericht NRW, das klar und unmissverständlich urteilte: „Ein islamischer Dachverband ist keine Religionsgemeinschaft im Sinn des Artikels 7 Abs. 3 Satz 2 Grundgesetz, wenn sich nicht feststellen lässt, dass er über die satzungsmäßig vorgesehene mit Sachautorität und -kompetenz ausgestattete Instanz in Bezug auf seine identitätsstiftenden Aufgaben auch tatsächlich verfügt...“. Das Gericht bezweifelt die Autorität dieser Verbände in Lehrfragen und ihren Geltungsanspruch in Glaubensfragen bis in die letzte Moscheegemeinde. Eine Revision ist nicht zugelassen. Eine freiwillige Unterwerfung unter das Diktat einer islamischen Minderheit alten Geistes anderswo bleibt leider möglich.

Warum aber werden religionspolitische Lobbyisten, die in Nordrhein-Westfalen keine Religionsgemeinschaften sind und als theologisch nicht sachverständig eingestuft werden, in Berlin als solche behandelt und in den „Theologischen Beirat“ einer Universität berufen? Bisher haben sie dort die Gründung des Islam-Institutes vor allem hintertrieben. Das Eckpunkte-Papier der Berliner Wissenschaftsverwaltung listet unter Punkt 4 auf, was der „Theologische Beirat“ alles darf. So soll er unter anderem mitwirken bei „der Bestätigung von Studien- und Prüfungsordnungen in den Bereichen Islamische Theologie und Islamische Religionslehre“. Dem „Beirat sollen fünf theologisch sachverständige“ Vertreter der Dachverbände angehören. Sachverständig im Sinne der Vorgaben wäre erst einmal nur der im iranischen Teheran und Qom ausgebildete Theologe Mahmood Khalilzadeh, dessen Verband jedoch eine große Nähe zum Mullah-Regime nachgesagt wird. Die anderen agieren als politische Aktivisten für die Sache des Islam, wie sie ihn sehen. Wie Senat Berlin und Humboldt-Universität aus diesem Dilemma herauskommen, steht in den Sternen.

Quelle: F.A.Z.
Regina Mönch
Feuilletonkorrespondentin in Berlin.
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