Kritik an der DFG

Undurchsichtige Auftragsforschung

Von Regina Mönch
 - 22:37

Kritik am Erscheinungsbild der größten forschungsfördernden Einrichtung Deutschlands, der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), ist zwar nicht neu, doch trotzdem selten und vor allem bisher erstaunlich folgenlos geblieben. Kritiker werden gern als undankbar oder als enttäuschte Querulanten stigmatisiert. Verleger und Wissenschaftler riefen darum jetzt auf einer Tagung im Berliner Ensemble dazu auf, endlich die überfällige öffentliche Debatte über DFG-Strukturen, das anonyme und darum nicht nachvollziehbare Gutachterwesen, die undurchsichtigen Finanzströme und die Rolle des Wissenschaftsrates dabei zu beginnen.

Sie führen zur Begründung schwere Versäumnisse an und kritisieren die Förderpolitik der DFG scharf, die an einen Geheimbund erinnere, der wenig von Kritik und Rechenschaftsberichten halte. Er betrachte mit Sorge die zunehmend undurchsichtige Rolle der DFG in der Wissenschaftspolitik, die mit ihrer ursprünglichen Zweckbestimmung immer weniger zu tun habe, sagte der Heidelberger Verleger Georg Siebeck in Berlin. Er vernehme in Gesprächen mit vielen seiner Autoren und Herausgeber immer wieder ein großes Unbehagen an der DFG, doch wage kaum jemand, dies offen auszusprechen.

Siebeck wirft der DFG vor, sich von ihrem Hauptgeldgeber, dem Bund, zunehmend instrumentalisieren zu lassen. Wer zum Beispiel Eliteuniversitäten aus der Taufe heben wolle, müsse diese und ähnliche Projekte zuerst politisch, also im Bundestag, diskutieren und gegebenenfalls das Grundgesetz ändern. Denn das Grundgesetz weise die Organisation von universitärer Forschung und Lehre immer noch den Ländern zu.

Transparenz gefordert

Die DFG sei zwar die größte die Wissenschaft fördernde Institution, aber eben nicht „die“ Wissenschaft. Wer wissen wolle, wie die DFG öffentliche Mittel verteile, werde darauf verwiesen, dass sie als Verein keinerlei Offenlegungspflicht unterliege. Das schaffe Misstrauen. Die Macht anonymer Gutachter widerspreche zudem den Prinzipien des wissenschaftlichen Diskurses.

Verleger wie Georg Siebeck und Wissenschaftler halten darum „äußerste Transparenz“ für geboten. Auch darüber, wer für welche Entscheidung verantwortlich ist. Mit einem inzwischen dauerhaft auf ihre Finanzierung angewiesenen neuen System von Wissenschaftsverlagen und Open-Access-Portalen grabe die DFG längst an den Fundamenten einer unabhängigen Wissenschaft, sagte der Verleger.

Demoralisierung des forschenden Individuums

Geradezu absurd aber sei jene von der DFG gezüchtete „Antragsforschung“, die den Erfolg eines Forschungsprojektes daran messe, ob sein Ergebnis möglichst genau mit seinem Antrag zusammenpasse. Die Tatsache, dass in den Gremien der DFG, der Ministerien und der Großforschungseinrichtungen immer wieder dieselben Namen auftauchten, beunruhige viele. Nur Transparenz könne den Verdacht entkräften, so Siebeck, dort würden „sachfremde Mehrheitsentscheidungen“ getroffen oder sich gar gegenseitig Pfründen zugeschoben.

Der Literaturwissenschaftler Roland Reuß - er initiierte den „Heidelberger Appell“ - kritisierte die DFG-Praxis noch schärfer: „Die durch eklatante Unterausstattung der Universitäten unkontrolliert wachsende und alles sich unterwerfende Macht des transföderal und opak oligarchisch agierenden Forschungsförderungsapparats ist nicht nur eine konkrete politische Gefahr, weil sie die Chance der Erforschung radikal neuer Ansätze und damit letztlich auch die Möglichkeit gesellschaftlich notwendiger Transformationen minimiert. Sie demoralisiert vor allem das forschende Individuum, die Basis jeden wissenschaftlichen Fortschritts.“

Allianz der Einschüchterung

Reuß erinnerte daran, warum die Deutsche Forschungsgemeinschaft 1951 als eingetragener Verein - wie der ADAC oder Schalke 04 - neu gegründet wurde: „Man zog, aus der Erfahrung der zurückliegenden Jahre, eine Konstruktion vor, die sich politischer Einflussnahme besser sollte entziehen können.“ Begleitet von mehr Zentralismus, sei daraus jedoch inzwischen ein Problem geworden, sagte Reuß: „Je mehr Geld in diesen Verein gepumpt wurde, desto größer wurde die Versuchung der Geldgeber, den Vorzug des deutschen Vereinsrechts, interne Entscheidungen nach außen abzudichten, gegen die durchaus ehrenwerten Absichten der Gründer auszumanövrieren.“

Es geht um sehr viel Geld dabei, um Summen zwischen 2,2 Milliarden und 2,7 Milliarden Euro im Jahr, die verteilt und ausgegeben werden. Wofür, bleibt im Dunkeln, Ungefähren. Eine Offenlegungspflicht dem Parlament gegenüber gibt es nicht, wie 2008 überraschend bekannt wurde, nach einem Bericht des Datenschutzbeauftragten an den Bundestag. Die Vereinsform der DFG werde damit zu einem „zentralen Herrschaftsinstrument“, das über die Forschungsförderung in das Wissenschaftssystem „lenkend“ eingreife. Anders aber als etwa bei einem Verein wie „Schalke 04“, wo jeder Unterstützer Mitglied werden könne und damit Einfluss habe, könnten einzelne Wissenschaftler dies nicht.

Noch nicht einmal der „Deutsche Hochschulverband“, größter Zusammenschluss der Universitätslehrer, sei Mitglied des Gremiums, sagte Reuß. Dass die DFG als „Stimme der Forschung“ spreche, sei nur Behauptung, sie verweigere vielmehr die „Diskussion mit der wissenschaftlichen Basis in allen zentralen Fragen“. Die in der DFG vertretenen Wissenschaftsinstitutionen, eklatant abhängig von der Politik, bezeichnete Reuß als „eine nach außen tretende Allianz der Einschüchterung“.

Reform des Gutachterwesen

Wie schwach sie legitimiert sei, zeige sich vor allem im Umgang der DFG mit Rückfragen und Monita. Kritik sei nicht vorgesehen. „Man will partout gläserne Forscher, die Institution selbst indes verhängt sich wie die Kaaba.“ Zu fordern sei darum, dass auf der Website der DFG in jährlichen Berichten genau beziffert werde, welche Gelder in welche Fachbereiche für welche Projekte ausgegeben werden, sämtliche Anträge dokumentiert und die Gutachten, ob zustimmend oder ablehnend, „vollständig und nicht anonymisiert“ einsehbar werden.

Des Weiteren forderte Reuß, dass dort auch die Ernennungen und Wahlen, die Verflechtung der Gremien genau erklärt werden. Kungeleien, sagte Reuß, würde so ein Riegel vorgeschoben, und Interessenkonflikten wie im Fall des Rektors der Universität Freiburg, der sich dank seiner Mitgliedschaft in mehreren Gremien gleichsam selbst berate, um das, was er beraten habe, dann als Richtlinie mitzubeschließen und schließlich zu beforschen, wäre der Nährboden entzogen.

Die Verleger und Wissenschaftler fordern eine grundlegende Reform des Gutachterwesens und eine Neubestimmung der Rolle der Fachreferenten. Diese reichen die Förderanträge an anonyme Gutachter weiter. Jeder Fachreferent könne so „durch die Zuteilung eines Antrags an diesen oder jenen Gutachter jedes Projekt durch den Vorgang schleusen oder auch scheitern lassen“. Damit der Gutachterprozess durchsichtig werde, müsse die Anonymität der Gutachter aufgehoben und ein Appellationsweg bei abgelehnten Anträgen eingerichtet werden, sagte Reuß. „Wer als Wissenschaftler nicht bereit ist, mit seinem Namen zu bürgen, hat als Gutachter in einem für wissenschaftliche Projekte so wichtigen Prozess nichts verloren.“

Quelle: F.A.Z.
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Regina Mönch
Feuilletonkorrespondentin in Berlin.
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