Online-Kurse für alle

Die Globalisierung der Lehre

Von Fridtjof Küchemann
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Dreihundertfünfzigtausend Teilnehmer aus hundertzweiundsiebzig Ländern: die Zahlen der von Stanford angebotenen freien Online-Klassen konnten sich schon sehen lassen, bevor Daphne Koller und Andrew Ng, zwei Informatikdozenten der Universität, sie zum Anlass nahmen, die Möglichkeiten des Mediums richtig auszureizen. Sie haben die Software dieser Internetangebote weiterentwickelt und im Herbst 2011 das Unternehmen Coursera gegründet, das Online-Kurse aus aller Welt anbietet.

Zum Start im April 2012 hatte das Start-up 37 Kurse aus fünf Universitäten im Angebot, 16 Millionen Dollar Risikokapital eingeworben und den selbstbewussten Plan, die Welt zu verändern – mit einem Angebot frei zugänglicher Online-Kurse von führenden Universitäten und Dozenten, das Millionen Menschen Zugang zur Hochschulbildung ermöglichen soll. Knapp ein Jahr später haben sich über 2,9 Millionen Teilnehmer für die Kurse eingeschrieben. Im Februar hat der Anbieter die ersten Angebote in chinesischer, spanischer und italienischer Sprache veröffentlicht, und zu den inzwischen über sechzig beteiligten Hochschulen zählen seit neuestem auch zwei deutsche, die Ludwig-Maximilians- und die Technische Universität in München.

Anfänge einer Erfolgsgeschichte

Dort schaut man staunend auf die Zahlen: Über zehntausend Interessenten haben sich zum Beispiel bislang für den Kurs „Competitive Strategy“ des BWL-Professors Tobias Kretschmer angemeldet, obwohl die sechs Einheiten erst im Juli beginnen. Insgesamt haben die vier Kurse der LMU schon jetzt über 19.600 Teilnehmer. Eine Resonanz, über die sich der Dozent der LMU wie auch der Initiator der Coursera-Partnerschaft, Universitätspräsident Bernd Huber, freuen. „Es ist eine spannende technologische Entwicklung“, fasst Huber sein Interesse an Coursera im Gespräch mit der F.A.Z. zusammen, „es ist ein ganz neues pädagogisches Konzept, und es führt zu einer Demokratisierung des Bildungsangebots, das jetzt ein globales Angebot wird.“ Außerdem ist es erklärtes Ziel für diese Kooperation, die Münchner Universität weltweit bekannter und auch als Studienort interessanter zu machen.

Im Video-Angebot von Youtube finden sich schon lange ganze Vorlesungen. Seit bald sechs Jahren bietet Apple mit dem Bereich „iTunes U“ seiner iTunes-Plattform Universitäten die Möglichkeit, Vorlesungen nebst ergänzendem Lehrmaterial zum kostenlosen Herunterladen zu veröffentlichen. Und der Kurs „Connectivism and Connective Knowledge“ von George Siemens und Stephen Downes, im Herbst 2008 ins Netz gestellt, gilt als weltweit erster Massive Open Online Course. Er steht am Anfang der Erfolgsgeschichte eines Formats, das in der akademischen Welt unter dem Akronym MOOC diskutiert wird.

Es geht um die Masse und jeden einzelnen

Neu war damals das Versprechen des gemeinsamen Lernens, das zugleich Thema des Kurses war: Der verbindliche Zeitrahmen von vierzehn Wochen machte es den über 2200 Teilnehmern möglich, die Inhalte und ihre Lernerfahrungen im Internet zu diskutieren. Lernziele oder Prüfungen waren nicht vorgesehen.

Das ist bei Coursera anders: „In manchem“, erläutert Daphne Koller, eine der beiden Gründerinnen, das Angebot im Juni 2012 in ihrem Vortrag „What we’re learning from online education“, der bei Youtube abrufbar ist, „gleicht das Erlebnis bei Coursera dem an jeder Universität: Die Kurse beginnen an einem bestimmten Tag, es gibt wöchentlich wechselnde Einheiten, Aufgaben und Abgabetermine für die Aufgaben.“ Bei den über dreihundert Kursen im Angebot gehören kleine Lernkontrollen zwischen den im Idealfall acht bis zwölf Minuten langen Lerneinheiten zum Standard. „Wenn ich in einer Vorlesung eine Frage stelle“, erzählt die Stanford-Dozentin, „sind 80 Prozent der Studenten noch damit beschäftigt, aufzuschreiben, was ich als Letztes gesagt habe, 15 Prozent sind gerade auf Facebook, fünf Prozent haben die Frage bemerkt, in der ersten Reihe platzt jemand mit der Antwort heraus, bevor die anderen darüber nachdenken konnten, und ich als Dozentin bin froh, dass es überhaupt eine Antwort gibt. Bei Coursera muss sich jeder einzelne Student damit beschäftigen.“

Es ist dieser jedem Dozenten wie jedem Studenten vertraute Spagat einer Massenvorlesung zwischen der Anforderung, möglichst große Studentenzahlen, dabei aber jeden einzelnen Studenten zu erreichen. Für Tobias Kretschmer, BWL-Dozent an der LMU, bietet sich damit noch ein weiterer Vorteil: „Wenn ich im Hörsaal die Vorlesung ,Grundlagen der BWL‘ halte, ist es fast egal, ob ich das vor fünfhundert oder fünftausend Zuhörern mache, interaktiv ist das nicht. Die Zahl ändert nichts daran. Wenn diese Vorlesung ins Netz wandert, kann ich hier vor Ort in der Zeit Seminare dazu anbieten. Es setzt eher noch Ressourcen frei, damit wir uns auf das konzentrieren können, was eine Präsenz-Uni ausmacht.“

Martin Kleinsteuber, der als Professor an der Technischen Universität in München unterrichtet und über Coursera den Kurs „Computer Vision“ anbietet, sieht das Netz ebenfalls als Entlastung: „Für mich ist das Auslagern kleiner Module ins Internet die Möglichkeit, den Frontalunterricht komplett aus den Klassenräumen herauszubekommen“, sagt er im Gespräch. „Ich kann sagen: Guckt euch zur Vorbereitung diese zwei Module an, und bei der nächsten Vorlesung können wir das dann diskutieren, verschiedene Verfahren gegenüberstellen, die ich vorgestellt habe, oder kleine Programmieraufgaben machen. Die klassische Vorlesung würde dadurch abgelöst von einer interaktiven Lehreinheit.“

Ein Experimentierfeld unter vielen

Schon jetzt sind fünfunddreißig Prozent der Lehrveranstaltungen der TUM E-learning-unterstützt, wie Hans Pongratz erläutert, als CIO der Hochschule zugleich einer ihrer Vize-Präsidenten. Dafür betreibt die Universität eine eigene „Moodle“-Plattform (das Akronym steht für Modular Object-Oriented Dynamic Learning Environment), auf der Vorlesungsvideos und Dokumente meist zeitlich befristet abrufbar sind – und auf die neben den 32.000 Studierenden der TUM weitere Tausende über die „Virtuelle Hochschule Bayern“ Zugriff haben.

„Wir wollen mit dem neuen Medium experimentieren“, sagt der Informatiker Pongratz im Gespräch mit dieser Zeitung. „Wir schauen uns um. Wir sind mit verschiedenen Anbietern im Gespräch, vergleichen die Lizenzmodelle, die Geschäftsmodelle, die technischen Hintergründe, und jetzt versuchen wir es einmal mit Coursera.“ Dabei sei das amerikanische Unternehmen nicht der einzige Anbieter, mit dem die TUM kooperiert: „Wir planen in der EuroTech Universities Alliance zusammen mit der DTU in Kopenhagen, der TU Eindhoven und der EPFL in Lausanne ein Weiterbildungsprogramm auf ähnlicher Basis aufzuziehen, eigene MOOCs in einem eigenen Geschäftsmodell, kostenlos für alle, die nicht an eine Hochschule kommen können oder nur einmal reinschnuppern wollen, aber auch mit einer Stufe, das Wissen an der jeweiligen Hochschule zu vertiefen“, erläutert Pongratz. Außerdem sei die Hochschule auf Open Course World, einer Plattform für den deutschen Markt, an einem MOOC zu Business Process Management beteiligt.

Wer sitzt auf der anderen Seite?

Die Universität als Marke stärken und die eigenen akademischen Bildungsangebote weltweit vermarkten können, potentielle Studierende aus aller Welt ansprechen, früh mit neuen Technologien experimentieren und die eigenen Dozenten an sie heranführen: während die Initiatoren der beiden Münchner Universitäten eher allgemeine Interessen an der Partnerschaft mit Coursera haben, denken die Dozenten über die Wechselwirkungen der Lehre an der Universität und der im Netz nach. Von ihren Studierenden werden sie dabei noch überholt: „Ich habe jetzt schon die ersten E-Mails mit der Frage bekommen, wie viele ECTS-Punkte es für den Coursera-Kurs gibt“, erzählt Martin Kleinsteuber. Zunächst einmal keinen einzigen. Nicht einmal für die Angebote der Heimatuniversität und schon gar nicht für die anderer Hochschulen. Hier treten neben die allgemeine Frage, wie der Kurs einer fremden Universität den Studienleistungen an der Heimathochschule zugeschrieben werden kann, die auch beim Bologna-Prozess diskutiert wird, bei den MOOCs noch spezifische Probleme: Wie kann die Identität eines Teilnehmers im Internet überprüft werden? Wie kann man sicherstellen, dass er es ist, der auch die Aufgaben eines Kurses löst und die Prüfungen absolviert – und zwar ohne fremde Hilfe? Und wie kann man bei Online-Kursen, für die sich bis zu hundertfünfzigtausend Teilnehmer einschreiben, den Wissensstand prüfen?

Hier arbeitet Coursera an sogenannten Keystroke-Algorithmen, an der automatischen Analyse der Tastenanschläge, um herauszufinden, ob immer dieselbe Person die Tests bearbeitet. Während andere Anbieter die Teilnehmer ihre Prüfungen in Test-Centern absolvieren lassen, setzt Coursera Web-Cams ein. Und bei Aufgaben, deren Lösungen nicht maschinell ausgewertet werden können, weist der Start-up aus Stanford den Teilnehmern neben der eigenen eine Reihe weiterer anonymisierter Arbeiten zur Beurteilung zu: Beim Peer-grading gewinnen die Teilnehmer zugleich einen Eindruck vom Leistungsstand der anderen und von der möglichen Abweichung ihrer Einschätzung der eigenen Leistung zu der Bewertung durch die anderen. Das mag für den Betrieb eines offenen Kurses funktionieren. Für die Zuerkennung einer vollwertigen Studienleistung oder gar eines Abschlusses ist es zu wenig.

Die Fernuniversität ist schon weiter

Professor Helmut Hoyer, seit über fünfzehn Jahren als Rektor der Fernuniversität Hagen mit den Einsatzmöglichkeiten des Internets für das Fernstudium befasst, sieht MOOCs derzeit auch eher als begrenztes Weiterbildungsangebot: „Sie können in ein Universitätsstudium eingeflanscht werden“, sagt der Elektrotechniker im Gespräch mit der F.A.Z., „wenn wir uns über Regularien der Anerkennung und der Prüfung einig werden.“ Fürs Erste könne er sich zwar vorstellen, seinen Studierenden den MOOC einer Koryphäe zu empfehlen, wie er früher ein Lehrbuch empfohlen hätte. „Wenn man allerdings solche MOOCs als integrale Bestandteile der eigenen Lehre einsetzt und nur sagt, die Prüfungen erfolgen dann bei uns, wäre das ein Paradigmenwechsel.“

Hier sieht er die Fernuniversität dem leicht angegrauten Image zum Trotz vorn: „Alles, was Sie bei den MOOCs sehen“, erläutert Hoyer, „ist bei uns schon Teil des Systems, aber mit Durchlässigkeit zu Zertifikaten und akademischen Abschlüssen einer staatlichen Universität.“

Das Phänomen des letzten Drückers

Die beiden Kooperationspartner Courseras, die Ludwig-Maximilians- und die Technische Universität München, dürfen ihren Studierenden die Teilnahme an den eigenen Kursen auf der amerikanischen Plattform hingegen fürs Erste allenfalls empfehlen: „Wir dürfen die Studierenden aus Datenschutzgründen nicht dazu zwingen es einzusetzen, weil man sonst wirklich noch einmal gucken muss, welche Daten da wohin ausgewertet werden, wo gespeichert und wie lange gespeichert wird.“ Fest steht: Coursera registriert jeden Klick. Fest steht allerdings auch, dass sich jeder Teilnehmer dagegen entscheiden kann, seine eigenen Daten für die allgemeinen Auswertungen freizugeben. Wobei diese Daten einerseits grundsätzlich dazu dienen, die Online-Lehre zu erforschen.

Daphne Koller zeigte in ihrem Vortrag die Verlaufsgrafik eines Kurses mit seinen Einheiten, Aufgaben und den Nutzerzahlen. Die Zugriffsspitzen unmittelbar vor Ende der Abgabefristen zeigten, wie sie schmunzelnd bemerkte, dass das Verfahren, die einzelnen Aufgaben immer erst auf den letzten Drücker zu lösen, ein globales Phänomen sei. Andererseits kann die Datenauswertung auch auf der Ebene der einzelnen Kurse wichtige Rückschlüsse ermöglichen, etwa wenn es Häufungen bei den falschen Antworten gibt. „Wenn man einen Kurs mit Tausenden Leuten macht, hat man natürlich die Möglichkeit, das Konzept oder den Verlauf eines solchen Kurses zu überprüfen: Wo hakt es besonders, welche Erklärungen funktionieren und welche nicht, dafür gibt es eine unglaubliche Datenbasis“, sagt der Präsident der LMU, Bernd Huber. Und sein Dozent Tobias Kretschmer ergänzt: „Man kann darauf als Dozent reagieren: Wenn man merkt, eine Erklärung kam in der Vorlesung nicht so gut rüber, kann man ein zweiminütiges Video nachdrehen, um es noch einmal ganz klar zu machen.“

Für Arbeitgeber interessant

Auf der Ebene der einzelnen Nutzer allerdings sind die Daten hochsensibel, darauf hat Evgeny Morozov hingewiesen. Schließlich kann man aus ihnen nicht nur den Studienerfolg, sondern auch das individuelle Lernverhalten ableiten: Wie lange braucht ein bestimmter Teilnehmer für die Bearbeitung einer Aufgabe? Wie oft vertut und vertippt er sich dabei? Gehört er zur offenbar großen Gruppe der Teilnehmer, die in letzter Sekunde eifrig werden, arbeitet er vorzugsweise nachts um drei, oder nimmt er sich womöglich die Aufgaben gewissenhaft gleich vor, nachdem sie veröffentlicht worden sind? Wie wirkt er in der Interaktion der Teilnehmer untereinander, für die Coursera die Social-Media-Netzwerke Facebook, Twitter und Google+ nutzt? Hilft er anderen, macht er sich wichtig, oder bleibt er stumm? Welcher künftige Arbeitgeber wäre nicht versucht, aus Informationen wie diesen Annahmen über die Arbeitsleistung, die Teamfähigkeit und andere Kompetenzen potentieller Bewerber abzuleiten?

Es gibt eine Verschwiegenheitserklärung, nach der die registrierten Daten nur Coursera und der jeweiligen Hochschule zugänglich sind. Aber es gibt unter den Geschäftsmodellen, die der Start-up Coursera gerade prüft, auch die Idee, als Vermittler Arbeitgeber auf profilierte Absolventen hinzuweisen und deren Daten weiterzugeben – natürlich nur mit Einwilligung der Teilnehmer und ganz bestimmt nicht in der gerade beschriebenen Datentiefe.

Alternative Datentrennung

„Coursera ist ein Start-up, gerade einmal seit einem Jahr auf dem Markt“, sagt Hans Pongratz von der TUM, „sie testen ein, zwei Geschäftsmodelle und sagen, sie hätten noch zehn, fünfzehn andere im Kopf. Es ist zu früh zu sagen, dass ist gut oder böse, was die planen.“

Die MOOC-Plattform edX der Universität Harvard und des MIT in Boston, auf der Anfang März global siebenhunderttausend Teilnehmer eingeschrieben waren, zu denen im Monat hunderttausend hinzukommen, geht einen anderen Weg als Coursera: Zum einen wählt sie ihre Partner mit größerer Zurückhaltung aus, zum anderen gestatten die Entwickler der Software lokale Installationen von edX. Jede Universität kann so ihre eigene Plattform betreiben, mit allen Inhalten bleiben auch die Teilnehmerdaten bei der Hochschule, sie selbst kann festlegen, welche Daten abgefragt und registriert werden. Und wenn Studierende neben dem lokalen auch das globale edX-Angebot nutzen wollen, müssen sie sich hierfür einfach neu anmelden.

Für immer verfügbar?

Durch die deutlich freiere Verbindung universitärer Lerninhalte mit Studienabschlüssen verträgt sich das amerikanische System der Hochschulbildung auch insgesamt besser mit dem System von Coursera und Konkurrenzangeboten. Doch auch hier steht die Verknüpfung von Präsenz- und Online-Lehre noch ganz am Beginn. Anfang Februar hat der American Council on Education (ACE) die ersten vier Coursera-Kurse zertifiziert und damit zur Anerkennung als Studienleistung empfohlen. Den ACE-Empfehlungen folgen nach Auskunft von Coursera über zweitausend Universitäten und Colleges. Allerdings sehen die beiden Hochschulen Duke und University of California, die diese Kurse anbieten, bislang selbst nicht vor, sie den eigenen Studenten als Studienleistung anzuerkennen, wie das Wall Street Journal berichtete. In den letzten Jahren explodieren die Studienkosten in Amerika. Dass Online-Kurse die Studiendauer verkürzen und damit die Kosten senken könnten, macht sie aus Sicht der Studierenden zusätzlich attraktiv – und lässt die Universitäten mit der Freigabe zögern.

„Die Studierenden wünschen sich ja heute schon Filme der Standardvorlesungen“, erzählt Bernd Huber, Präsident der LMU. Coursera ist für ihn ein Ansatz, der dem Lernverhalten der jungen Leute entgegenkommt. Doch auch bei uns weichen die Interessen der Studenten, der Dozenten und der Universitäten beim Thema Online-Kurse voneinander ab. Die Technische Universität München hat hierzu gerade erst ihre Dozenten und Studenten befragt. Das Ergebnis: Während den Studenten daran liegt, möglichst uneingeschränkt auf das Material zugreifen zu können, ist den Dozenten wichtig, dass die Inhalte nach einiger Zeit wieder aus dem Netz genommen werden und nicht ohne weiteres heruntergeladen werden können. Ohnehin gehen viele Dozenten auf Nummer Sicher, wenn ihre Vorlesungen aufgezeichnet werden – sei es im Hörsaal oder eigens für Online-Kurse: Sie verzichten auf illustrierende Anekdoten oder Gedankenspiele und bleiben lieber auf gesichertem Terrain.

Aufwand gegen Unverbindlichkeit

Für eine Stunde fertigen Lehrmaterials rechnet man in der TUM mit zehn Stunden Aufwand, die auf den Dozenten und die Techniker zukommen. Der Betreuungsaufwand hängt natürlich von der Anlage des Kurses und der Teilnehmerzahl ab. Immerhin ist an der Hochschule ein Ausgleich für diese zusätzliche Arbeit möglich: „Die TUM“, erläutert ihr Vizepräsident Pongratz, „bietet Dozierenden Freisemester für die Arbeit an innovativen Lernkonzepten, auch für die Arbeit an MOOCs.“ Für Tobias Kretschmer von der LMU ist wichtig, dass der Großteil der Arbeit für jeden Online-Kurs nur einmal anfällt: „Die Kurse sind durchaus wiederholbar, die Bausteine sind ja da. Man muss nur die Interaktionsteile löschen und das Ganze neu aufsetzen. Die Input-Sequenzen nehmen wir natürlich nicht nur für einen einzigen Einsatz auf.“ Er sieht die Online-Kurse als Herausforderung: „Wer hier an der Uni meine ,Grundlagen der BWL‘ nicht hört“, sagt er, „kommt nicht durchs Studium. Bei Coursera hören die Leute einfach auf, ich muss schon schauen, wie ich sie bei der Stange halte.“

Nachlassende Aufmerksamkeit, gar fallende Teilnehmerzahlen erfährt der Dozent sofort, die Gründe dafür womöglich nie. Auch hier ist das Internet ein Ort der Unverbindlichkeit, gerade bei kostenlosen Angeboten. Oder er schmeißt, wie Mitte Februar Richard A. McKenzie, Emeritus der University of California in seinem Kurs „Microeconomics for Managers“, entnervt das Handtuch, weil er die stetige Kritik an seiner Art, den Kurs zu leiten, leid war.

Aus einer anderen Welt

Ohnedies macht es die Konstruktion der MOOCs den Teilnehmern nicht nur einfach, bei ausreichend leistungsfähiger Internetverbindung akademische Angebote aus der ganzen Welt zu nutzen, sondern auch, sich von ihnen wieder abzuwenden. „Die meisten der Kurse, die ich belege“, erzählt ein Teilnehmer, „sind eigentlich eine Nummer zu groß für mich. Meistens schaffe ich die Aufgaben knapp, aber wenn ich merke, dass es gar nicht geht, höre ich einfach wieder auf.“

Eine, die sicher weitermachen wird, ist hingegen Khadija Niazi aus Lahore in Pakistan. Erst vor wenigen Wochen schwärmte sie beim Weltwirtschaftsforum in Davos von den Kursen, die sie bei Coursera und Udacity belegt, einer ebenfalls in Stanford entwickelten MOOC-Plattform, an deren Entstehung der deutsche Entwickler Sebastian Thrun beteiligt ist, der auch an der Entwicklung von Google Glasses und dem selbstfahrenden Auto beteiligt ist. Seit neuestem begeistert sich Khadija Niazi für Astrobiologie, Ufos faszinieren sie, und sie möchte später einmal Physikerin werden. Dank ihrer Erfolge auf den beiden Online-Kurs-Plattformen dürfte sie es nicht allzu schwer haben, einen Studienplatz zu finden. Später einmal. Khadija Niazi ist zwölf Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Fridtjof Küchemann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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