Sexismus an Hochschulen

Eine Welle des Verfolgungswahns

Von Christina Dongowski
 - 15:01
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Für die einen ein schwarzer Tag im Kampf gegen sexuelle Diskriminierung, für die anderen der Triumph der Verfassung über Gesinnungsurteile: Wie erwartet hat das Bildungsministerium der Vereinigten Staaten am 22. September die bisher geltenden Bestimmungen für den Umgang mit sexuellem Fehlverhalten an Universitäten zurückgenommen und durch eine vorläufige Regelung ersetzt. Wie Bildungsministerin Elisabeth DeVos mitteilte, arbeitet ihr Haus an einer neuen Richtlinie, in der die Belange der Beschuldigten besser berücksichtigt werden sollen – im Sinne des Verfassungsgrundsatzes des „Due Process“, des ordentlichen und fairen Verfahrens.

Was für deutsche Ohren harmlos klingt, wird von den Veteranen der Campus-Kulturkriege als Sieg oder Niederlage gedeutet. Die universitären Anti-Diskriminierungs-Maßnahmen, die seit 2011 in allen Colleges und Universitäten zum Alltag gehören, waren von Anfang an Gegenstand heftigster Auseinandersetzungen. Die vom Ministerium nun teilweise ergänzten Bestimmungen weisen explizit darauf hin, dass Verstöße gegen die sexuelle Selbstbestimmung auch Verstöße gegen das Recht der Studenten sind, eine diskriminierungsfreie, chancengleiche Ausbildung zu erhalten. Colleges und Universitäten, die solche Verstöße nicht unterbinden, untersuchen und gegebenenfalls disziplinarisch ahnden, machen sich damit der Diskriminierung aufgrund des Geschlechtes schuldig und können ihre staatliche Unterstützung verlieren.

Alle Beteiligten sind zu Stillschweigen verpflichtet

Entsprechend motiviert sind die höheren Bildungsanstalten, sich in diesem Feld zu profilieren. Dazu gehört nicht nur, Vorwürfen von sexueller Diskriminierung und sexualisierter Gewalt konsequent nachzugehen. Mit zahlreichen anderen Maßnahmen – von Verhaltenskodizes und Sprachregelungen für die Mitarbeiter über die Pflichtteilnahme an Verhaltenstrainings bis zur medial gern skandalisierten Ausweisung von Transgender-Toilettenräumen – demonstrieren die Universitäten ihre Kooperationsbereitschaft. Die sogenannten Title-IX-Verfahren gegen Studenten oder Mitarbeiter bilden den Kern der Auseinandersetzung: Maßregeln gegen Beschuldigte haben gravierende Auswirkungen auf deren weitere Karriere – bis zum Ausschluss aus dem höheren Bildungssystem.

Title-IX-Verfahren sind keine juristischen Verfahren, sondern nichtöffentlich gefasste Verwaltungsakte. Der Schutz der mutmaßlichen Opfer hat dabei bisher Vorrang vor den Rechten der Beschuldigten – auch wenn das so explizit in den 2011 veröffentlichten Ausführungsbestimmungen gar nicht steht. Beschuldigte erhielten bisher keine schriftliche Formulierung der gegen sie vorgebrachten Anschuldigungen, sie dürfen sich nur eingeschränkt von einem Anwalt vertreten lassen, und es bestand für sie keine Möglichkeit, die Beschwerdeführenden als Zeuginnen zu befragen. Außerdem sind alle Beteiligten zu Stillschweigen über das Verfahren verpflichtet. Deswegen gibt es auch keine offiziellen Angaben, wie viele Verfahren nach Title IX betrieben werden. Die Fälle, die bekanntwerden, sind meist schon in der nächsten Eskalationsstufe: Das Office of Civil Rights des Bildungsministeriums hat sie an sich gezogen und ermittelt nun gegen die Universität wegen „Mishandling“. Aktuell führt die Behörde 360 solcher Untersuchungen, zum Teil mehrere gegen eine Universität.

Genau die Abweichungen von den klassischen juristischen Verfahrensformen machen viele Title-IX-Verfahren wahrscheinlich erst möglich – im positiven wie im negativen Sinne: Strafverfahren wegen sexueller Übergriffe scheitern regelmäßig schon daran, dass sich die Opfer den Auftritt vor Gericht und damit die Konfrontation mit dem Täter nicht zutrauen – oder es ihnen von der Staatsanwaltschaft nicht zugetraut wird.

Eindeutige Regeln, zweideutige Fälle

Amerikanische Staatsanwälte bringen Fälle häufig dann nicht vor Gericht, wenn Aussage gegen Aussage steht oder Alkohol oder andere Drogen im Spiel waren. Die starken Ansprüche an Eindeutigkeit und Klarheit, die in einem Strafverfahren an Aussagen und Faktenermittlung gestellt werden, kollidieren mit der Zweideutigkeit von Situationen, die manchmal erst nach Tagen, Wochen oder Jahren von einer der Beteiligten als sexuell übergriffig oder als sexualisierte Gewalt verstanden werden. Diese Zweideutigkeiten führen auch in den weniger strengen Zivilverfahren zu Zweifeln an der Glaubwürdigkeit und dem Wahrnehmungsvermögen des mutmaßlichen Opfers. In Title-IX-Verfahren sind die Urteilenden dagegen grundsätzlich dazu angehalten, dem mutmaßlichen Opfer zu glauben. Zudem werden dort „sexual harassment“ und „sexual misconduct“ sehr weit ausgelegt.

In den Title-IX-Verfahren, wie sie seit 2011 geführt wurden, sehen Campus-Aktivisten und viele Feministinnen deswegen ihre Forderung, Opfern sexueller Übergriffe grundsätzlich eine höhere Glaubwürdigkeit einzuräumen als den mutmaßlichen Tätern, zumindest ansatzweise erfüllt. Konservative dagegen beklagen genau das. Kein Wunder, dass jede feministische oder linksliberale Kritik an dem Verfahren als Verrat an der gemeinsamen Sache denunziert wird. Das Resultat dieser ideologischen Verhärtung ist denkbar kontraproduktiv: Selbst Maßnahmen, bei denen der Verdacht sehr naheliegt, dass sich Hochschulverwaltungen weit jenseits ihres Kompetenzbereiches bewegen, werden unkritisierbar.

Auch ein Phänomen, das Bürgerrechtlerinnen und Liberale eigentlich alarmieren müsste, wird bisher kaum diskutiert: Obwohl sie nur rund sechs Prozent der Studentenschaft stellen, werden schwarze Studenten überdurchschnittlich häufig als sexuell übergriffig oder gewalttätig angezeigt und auch sehr viel schneller und öfter als weiße Studenten von der Hochschule verwiesen. Damit stellen sich in Title-IX-Verfahren dieselben rassistischen Bestrafungsdynamiken ein, wie sie Bürgerrechtler am gesamten amerikanischen Rechtssystem kritisieren.

Sexuelle Paranoia auf dem Campus

Es braucht eine Autorin mit dem Widerspruchsgeist und dem Mut der linksliberalen Feministin Laura Kipnis, um das erstaunlich stabile Schweigekartell um die dunklen Seiten der gut gemeinten Anti-Diskriminierungs-Politik aufzubrechen. Der aufklärerische Furor, die Empörung und der rabenschwarze Humor, die ihr Buch „Unwanted Advances: Sexual Paranoia Comes to Campus“ (HarperCollins 2017) auszeichnen, schützen Kipnis davor, von reaktionären Anti-Gleichstellungs-Aktivisten vereinnahmt zu werden, verschaffen ihr aber auch wenig Sympathien unter den Linken. Mit Folgen, die ihre These, dass die Anti-Diskriminierungs-Politik der Universitäten in „sexuellen Verfolgungswahn“ umgeschlagen sei, glorios bestätigen: Kipnis, die an der Northwestern University in Evanstown (Illinois) Medienstudien lehrt, wurde von Studentinnen der Hochschule wegen ihrer Artikel zum Fall von Peter Ludlow bei der Universität angezeigt. Es wird ihr vorgehalten, sie habe eine „feindselige Atmosphäre“ geschaffen und Studentinnen davon abgehalten, sexuelle Übergriffe zu melden.

Peter Ludlow war selbst Professor an der Northwestern University, als ihn zwei Studentinnen bei der Hochschule anzeigten. Am Ende eines langwierigen Verfahrens gab er seinen Posten auf. Seitdem lebt er in Mexiko im Exil. Kipnis selbst wurde von den Vorwürfen entlastet. Die Klage wegen Beleidigung („defamation“), die eine Studentin gegen Kipnis aufgrund der Veröffentlichung des Buches angestrengt hat, läuft noch.

Alle machen die denkbar schlechteste Figur

Zum Verhängnis wurden Ludlow, so deutet Kipnis in ihrem Buch den Fall, sein „deplazierter Egalitarismus“ – Verhaltensweisen, die noch in den Jahren nach 2000 weithin akzeptiert waren: Er war mit einer der Anzeigeerstatterinnen auf deren Anregung hin eine Nacht lang durch die Medienkunstszene Chicagos gezogen und hatte ihr dann erlaubt, bei ihm zu übernachten. Es kam dabei nicht zu sexuellen Kontakten. Mit der anderen Studentin hatte er über mehrere Monate eine Beziehung, sie wohnte zeitweise bei ihm. Beide Studentinnen bezichtigten ihn sexualisierter Gewalt, das Verfahren erbrachte aber dafür keine Beweise. Stattdessen kam die Universität zu dem Urteil, Ludlows Verstoß gegen die Anti-Diskriminierungs-Regeln bestehe darin, dass er das Machtgefälle zwischen Professor und Studentin zu seinen Gunsten ausgenutzt habe. Die Studentinnen hätten sich quasi gezwungen gefühlt, mit ihm zu flirten oder ihm sexuelle Avancen zu machen. Beide Anzeigen wurden erst längere Zeit nach den inkriminierten Ereignissen eingereicht. In beiden Fällen hatte Ludlow keinen Einfluss auf die Noten der Studentinnen.

Für die Fundamentalkritik von Kipnis an den Title-IX-Verfahren ist der Fall Ludlow das ideale Beispiel. Alle Beteiligten machen von ganz allein die denkbar schlechteste Figur: der mittelalte Professor, der keine Begriffe davon hat, dass zwischen ihm und jungen Studentinnen andere Dynamiken im Spiel sind als schlichte Sympathie und sexuelle Attraktion; die Studentinnen, die ihren Wunsch nach intellektueller und akademischer Anerkennung nicht von ihrem sexuellen Begehren trennen; eine Verfahrensbeauftragte, die ihre Ahnungslosigkeit über die Gepflogenheiten eines Kreativ-Studiengangs durch grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem Status Professor kompensiert; eine externe Beraterin, die bereit ist, ihre eigene, vorgeblich feministische Agenda auch mit Falschaussagen zu betreiben; schließlich eine Universitätsleitung, die Imageschäden fürchtet.

Kipnis demonstriert eindrücklich, wie schnell aus einer solchen Konstellation ein Title-IX-Verfahren mit fataler Eigendynamik werden kann. Den paradoxen Status der jungen, überwiegend weißen Frauen, die im Mittelpunkt dieser Verfahren stehen, nimmt sie besonders scharf in den Blick: Durch die bisherige Auslegung von Title IX erhielten sie eine kaum gekannte, institutionell gestützte und legitimierte Macht, gerade in Bezug auf die Karriere- und Lebensplanung von Männern. Diese Macht hänge aber zum großen Teil davon ab, dass sie die Opferrolle so vollständig wie möglich verinnerlichen und die eigene Handlungfähigkeit in einer konkreten Situation negieren.

Alkohol als soziales Schmiermittel

Die Aussagen der jungen Frauen, die Kipnis aus den wenigen öffentlich einsehbaren Fällen zitiert, ähneln tatsächlich dem Setting eines Melodrams: Erfahrener, mächtiger Mann schlägt mit vordergründiger Freundlichkeit junge, gutgläubige Studentin in seinen Bann, um sie dann seinen sinistren Machenschaften zu unterwerfen. Das Opfer-Narrativ ist so stark, dass sogar umfangreiche E-Mail- und SMS-Wechsel voll von wechselseitigen Zuneigungsbezeugungen im Nachhinein als Beweis für die Perfidie des Professors gelesen werden, nicht als Zeugnis besserer Tage oder – wie noch vor ein paar Jahren – als Dokument des Versuchs junger Frauen, unter Ausnutzung ihrer sexuellen Attraktivität ihren Aufstieg in der sozialen Rangordnung ins Werk zu setzen.

Dass viele Feministinnen und Linke die Veränderung im öffentlichen Bild der Studentin von der akademischen Mitgiftjägerin zum wehrlosen Opfer als gesellschaftlichen Fortschritt zu sehen scheinen, kritisiert Kipnis scharf. Der dominante Opferdiskurs verhindere, dass Maßnahmen diskutiert würden, welche die Handlungsräume junger Frauen auf dem Campus effektiver sichern könnten: von besserer sexueller Aufklärung über Selbstbehauptungskurse bis hin zur längst fälligen Diskussion über die Rolle, die Alkohol und Drogen als soziales Schmiermittel auf dem Campus spielen.

In vielen Title-IX-Verfahren ist Alkohol der Dritte, über den niemand sprechen will. Exzessives Trinken scheint für viele Studenten, auch Studentinnen, das Mittel zu sein, durch das Spannungsfeld aus eigenem Begehren, sexueller und sozialer Unsicherheit zu navigieren. Was den Viktorianerinnen die Ohnmacht war, ist der Campus-Kultur das Komasaufen.

Pyrrhussieg des Feminismus

Doch alle Diskussionen, die den komplexen und keineswegs eindeutigen, nicht nur sexuellen Machtverhältnissen auf dem Campus gerecht zu werden versuchen, beklagt Kipnis, würden von den Title-IX-Aktivistinnen mit dem Vorwurf abgewürgt, man betriebe „Slut Shaming“ und sei damit Teil der „Rape Culture“. Für Kipnis ist das, was an den Universitäten aus Title IX geworden ist, ein Pyrrhussieg für Feministinnen und Bürgerrechtler. Als die eigentlichen Profiteure entpuppen sich die Uni-Verwaltungen: Mit den besten Absichten und im Auftrag, den Kunden – den Studenten – die bestmögliche, also konfliktfreie Lernumgebung zu bieten, schränken sie die Freiheit der Lehre und der Rede immer weiter ein. Große amerikanische Universitäten sind zu milliardenschweren Unternehmen geworden, sie haben gegenüber Kunden und Spendern ihr Markenimage zu verteidigen. Für kontrovers geführte Debatten und offene Denkräume ist da kaum noch Platz.

Aus dem radikalen Impetus der Frauenbewegung, Frauen zu ermutigen, sich aus Opfern sozialer Konventionen zu selbständigen Akteurinnen zu machen, ist die Pseudo-Radikalität der Campus-Feministinnen geworden, die Emanzipation in das Abarbeiten einer schlecht formulierten Verwaltungsvorschrift verwandeln. Dass nun ausgerechnet durch die Initiative einer Ministerin der Trump-Regierung die Chance eröffnet wird, die Verbesserungsvorschläge linksliberaler Title-IX-Kritikerinnen wie Laura Kipnis in das Anti-Diskriminierungs-Verfahren einzubringen, ist eine bizarre Wendung der Dinge. Ob diese Ideen in die Neufassung der Verfahrensvorschriften eingehen können, wird auch davon abhängen, inwieweit alle Parteien bereit sind, auf das eingeübte ideologische Fähnchenschwenken zu verzichten.

Quelle: F.A.Z.
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