Zum Tod Stephan Leibfrieds

Schiffbauingenieur in der Staatswerft

Von Jürgen Kaube
 - 15:43

Sein Sammelgebiet passte zu seiner Heimat, Bremen. Über das Bild des Staates auf hoher See, mit Lotsen, die von Bord gehen, Tankern, die sich kaum manövrieren lassen, mit Steuerungsdefiziten also, über Handelskähne, die nur scheinbar in der Gewalt ihres Kapitäns, in Wahrheit aber in der seiner meuternden Sklavenfracht sind, wie in Melvilles „Benito Cereno“, konnte Stephan Leibfried abendelang erzählen. Frankreich – die katholische Macht, für die Staats- und Kirchenschiff lange eins waren, bis Géricault in „Das Floß der Medusa“ eine Allegorie der kolonialen Staatskatastrophe malte. Preußen – die Landmacht, die zuletzt aber einen Flottenkaiser hatte, der den Steuermann Bismarck auf John Tenniels berühmter Zeichnung „Dropping the pilot“ von einer Staatsjacht übers Fallreep gehen lässt. Europa – die Merkwürdigkeit eines supranationalen Schiffskörpers, der unter vielen Flaggen segelt. Als Leibfried im Jahr 2014 für sein sozialwissenschaftliches Lebenswerk den renommierten Preis der Darmstädter Schader-Stiftung erhielt, sprach er nicht über den Wohlfahrtsstaat, dem dieses Werk gewidmet war. Er sprach über Staatsschiffe.

Stephan Leibfried, geboren 1944, war ein Achtundsechziger. Zu seinen ersten Publikationen gehörte ein Handbuch zur Demokratisierung der Hochschule, die er damals erst kurz kannte. Er hatte an der Freien Universität Berlin studiert, Politik- wie Rechtswissenschaft, und dort auch beide Staatsexamen abgelegt. Kurz nach seiner Bremer Promotion von 1972 wurde er an der dortigen Universität auch schon Professor für die Analyse des Sozialstaats. Maßgeblich war er dort an der Gründung des Zentrums für Sozialpolitik beteiligt, das zunächst unter dem heute merkwürdigen Titel „Reproduktionsrisiken, Soziale Bewegungen und Sozialpolitik“ firmierte.

Sinn für die Folgen gesetzgeberischer Entscheidungen

Er wird verständlicher, wenn man Leibfrieds Arbeiten darüber kennt, wie sozialpolitische Maßnahmen – ihr Vorhandensein oder ihr Nichtvorhandensein, ihre Dauer und ihre Bedingungen – die Lebensläufe von Bürgern prägen. Es handelt sich um Untersuchungen, die aus Akten gearbeitet sind. Leibfried verband Empirie, und das Interesse an der politischen Form der Demokratie, eben dem Wohlfahrtsstaat, mit einem Sinn für die Folgen gesetzgeberischer Entscheidungen in seinem Maschinenraum. Ab wann soll von Armut gesprochen werden? Ist nicht Sozialpolitik die wahre Bildungspolitik, wenn Bildung vom sozialen Status abhängt? Was wird aus dem nationalen Wohlfahrtsstaat, wenn die Wirtschaftspolitik auf dem europäischen Schiff gemacht wird?

Zu all diesen Fragen hat Leibfried Forschung nicht nur durchgeführt, sondern auch organisiert. Fast dreißig Jahre lang hat er nach eigener Auskunft die Hälfte seiner Arbeitszeit mit dem Zusammenbringen und Zusammenhalten von Gruppen verbracht. Er war umtriebig, unförmlich, immer bereit, ein Gespräch für ein Buch zu verlassen, immer gerade dabei, einen politischen Reformvorschlag zu machen. Zuletzt faszinierte ihn die Wissenschaftspolitik und der Vorschlag Emmanuel Macrons, ein europäisches Universitätssystem zu gründen. Am vergangenen Mittwoch ist Stephan Leibfried in Bremen verstorben.

Quelle: F.A.Z.
Jürgen Kaube
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