Frankfurter Buchmesse

Die Marketingmaschine

Von Felicitas von Lovenberg
 - 17:50

Was hat uns die Literatur dieses Herbstes mitzuteilen? Ein halbes Jahrhundert nach dem Mauerbau gehen gleich mehrere gute Romane zurück in die DDR. Vorwürfe, so scheint es, sind genug erhoben worden, jedenfalls gelten sie nicht mehr nur dem System. Söhne, die selbst längst Väter sind, schreiben ihre schwierigen Familiengeschichten auf. Und schließlich scheint der egozentrische Blick der Ich-Erzähler auf dem Rückzug. Für alle drei Entwicklungen exemplarisch steht der Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" von Eugen Ruge, dem Gewinner des Deutschen Buchpreises.

Wer dieses Buch kaufen möchte, hat mehrere Möglichkeiten. Er kann in eine Buchhandlung gehen, sich dort umschauen oder durchfragen, an der Kasse zahlen und das Werk nach Hause tragen. Dort kann er es lesen, darin blättern, mittendrin aufhören, es ins Regal stellen oder verschenken, verleihen, vererben oder antiquarisch weiterveräußern. Er kann aber auch im Internet einen Buchanbieter oder den Verlag aufsuchen, mit einigen Clicks bezahlen und sich das Buch liefern lassen. Nach dem Entsorgen der Verpackung hat dieser Käufer dieselben Möglichkeiten wie zuvor. Oder aber er drückt nur noch einen Knopf und lädt sich das Buch binnen Sekunden auf sein Lesegerät, ohne Papier-, Vertriebs- oder Lieferkosten. Lesen kann er das Buch dann zwar ebenfalls, aber mit dem Verschenken, Verleihen, Verlegen oder gar Vererben ist es vorbei.

Nehmen wir an, unsere drei Käufer lesen in ihrem Buch. Abends legen sie es auf den Nachttisch und machen das Licht aus. Am nächsten Morgen greifen sie wieder zu ihrem Buch - und siehe da: Es sieht so aus wie am Abend zuvor, doch handelt es sich um eine andere Fassung. Alle persönlichen Anmerkungen, alle Lesezeichen und auch die Eselsohren sind verschwunden. Auf dem Buch prangt eine lapidare Notiz: "Bei Ihrer Version war der Inhalt nicht vollständig. Der Verlust ist korrigiert worden." Dieses Horrorszenario kann nur einem passieren: dem Käufer des E-Books. Wer "Readme", den jüngsten Roman des Science-Fiction-Visionärs Neal Stephenson, auf seinen Kindle geladen hatte, hat genau das jüngst erlebt.

Amazon gewinnt immer

Auf der Frankfurter Buchmesse, die an diesem Mittwoch beginnt, spielen E-Books, Lesegeräte und die Möglichkeiten des digitalen Publizierens eine große Rolle. Doch wozu die Daten genutzt werden, die die Lesegeräte über uns sammeln, wird nicht gefragt. Noch können die Maschinen, die unentwegt mitlesen, individuelles Leseverhalten nur registrieren, nicht simulieren. Um sich den nahen Tag auszumalen, an dem Verlage nicht aus Qualitätsgründen in Texte eingreifen, sondern nur mit Blick auf die Quote, weil sie genau wissen, an welchen Stellen Leser stutzig werden oder aussteigen oder sich festlesen, muss man weder Orwell noch Stephenson gelesen haben.

In unserer digital erschlossenen Welt erhält man schon jetzt nicht mehr jedes Buch in jeder Buchhandlung. Weil immer mehr Autoren mit E-Book-Verlegern Exklusivverträge schließen, werden bestimmte Titel als gebundenes Buch nur noch von ausgewählten Anbietern auf den Markt gebracht. Weil das Unternehmen seine Dumpingpreise quersubventionieren kann, heißt der Sieger in allen Disziplinen derzeit Amazon.

Nicht von ungefähr hat die amerikanische Buchhandelskette Borders im vergangenen Jahr Insolvenz angemeldet. In England wechselte Waterstone's den Besitzer und sucht nun nach einer tragfähigen Nischen-Strategie. Hierzulande schließen die Marktführer Thalia und Hugendubel Filialen, verringern ihr Personal und bestücken ihre gigantischen innerstädtischen Verkaufsflächen zunehmend mit "Non-Books": Kaffeetassen, Grußkarten, Spiele. Doch wer auf der Buchmesse nach einer Auseinandersetzung mit der Krise des traditionellen Buchhandels sucht, wird enttäuscht.

Die Bücherschau darf nicht zur Geräteschau werden

Die Frankfurter Buchmesse ist zu einer riesigen Marketingmaschine geworden, die Verwirrung, Not und Befürchtungen der Branche höchstens abbildet, aber nicht analysiert. Im Minutentakt werden Bücher präsentiert. Für Diskussion fehlt im Kampf um Aussteller-, Besucher- und Autorenrekorde die Zeit. Dabei wäre das ein Weg, die kostbarste Währung von allen zu erzeugen: Aufmerksamkeit. Jetzt aber droht die Buchmesse über dem Rechte- und Lizenzhandel den Kunden aller zu vergessen: den Leser.

Will die Bücherschau nicht zur Geräteschau, zur nächsten Cebit oder IFA werden, muss sie sich wieder auf ihre eigentliche Stärke besinnen, also auf Inhalte. Einmal im Jahr mag Frankfurt das unangefochtene Zentrum der weltweiten Buchproduktion sein; das Zentrum des Lesens ist es nicht. Die Antwort auf die Krise muss zunächst eine geistige sein, keine ökonomische.

Das lehrt auch die Geschichte, zumal die Epoche des Raubdrucks, in der Frankfurt vielleicht nicht zufällig die Buchmesse ganz an Leipzig verlor. Auf den frühen "illegalen Download" reagierten Autoren wie Goethe und Wieland mit Ausgaben letzter Hand und machten so ihr Werk unverwechselbar. Heute schnüren Verlage lieber E-Book-Pakete als aufwendige Werkausgaben. Die Buchmesse muss für beide ein kritisches Forum sein.

Quelle: F.A.Z.
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