Frauen und Mode

Körper, Kleider, wilde Gefühle

Von Johanna Adorján
 - 23:13
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Bekenntnis: Ich hasse Frauenmagazine. Und das gilt wahrscheinlich auch umgekehrt. Wir passen einfach nicht zueinander. Ich bin nicht die Leserin, die sie im Sinn haben, und was sie sich umgekehrt dabei denken, wenn sie so tun, als gäbe es allgemeingültige Regeln, wie Frauen oder überhaupt Menschen zu sein und zu leben haben, weiß ich nicht. Glauben diejenigen, die in den Redaktionen von Frauenmagazinen arbeiten, den ganzen Quatsch wirklich selbst, den sie verbreiten? Leben sie selbst in normierten Din-A-4-Leben mit Traummann, zwei niedlichen Kindern, dem kleinen Schwarzen für besondere Gelegenheiten im nach Farben sortierten Kleiderschrank, in dem sich auch eine Schublade mit edlen Dessous befindet, in der hoffnungsvoll ein leerer Parfümflakon liegt?

Parkt bei ihnen wirklich der praktische Renault Twingo vor dem Wohnhaus in Eppendorf oder Eimsbüttel, in dem sie ihre hell eingerichtete Altbauwohnung im zweiten Stock bezogen haben, sobald die Werbungsphase abgeschlossen war und mit der Kinderplanung begonnen wurde - mit Sisalteppich im Eingangsbereich, dem Ottolenghi-Kochbuch obenauf im Bücherstapel auf dem Couchtisch und großen Kaffeeschalen im Küchenregal, in die man so schön reinpusten kann, wenn man an einem verregneten Sonntagnachmittag einen gemütlichen Wollpullover mit überlangen Ärmeln trägt?

Ein dickes Buch zum Querlesen

Gerade ist in Amerika ein Buch erschienen, das vom Gegenteil all dessen erzählt, was Frauenmagazine uns weiszumachen versuchen. „Women in Clothes“ heißt es, herausgegeben von Sheila Heti, Heidi Julavits und Leanne Shapton, allesamt Schriftstellerinnen, Letztere auch Illustratorin. Sie haben sich des Phänomens Kleidung einmal anders angenommen als von oben herab und haben mehr als sechshundert Frauen befragt, darunter auch sich selbst, wie es eigentlich dazu kommt, dass wir uns so anziehen, wie wir uns eben anziehen.

Dabei interessiert sie weniger, was jemand trägt, als warum. Also die Geschichte hinter diesem abgetragenen Kapuzenanorak oder jenem rosafarbenen Portemonnaie von Marc Jacobs. Denn natürlich ist Kleidung mehr als Mode, erzählt der Kauf von teuren Stiefeln, die dann nie getragen wurden, viel mehr und ganz andere Dinge über ihre Käuferin als nur, dass sie ihr eben mal eine Minute lang gefielen.

Es ist ein ziemlich dickes Buch, knapp 500 Seiten, wunderschön gestaltet und aus so vielen unterschiedlichen Elementen bestehend, dass es sich besser mal hier, mal dort hineinliest, als von vorne bis hinten durch. Einiges wird anhand von Fotostrecken erzählt (etwa im Spiegel aufgenommene Fotos aus Umkleidekabinen oder Sammlungen der ewig ungefähr genau gleichen Jeansjacke, die sich jemand kauft), anderes in Form von kurzen Geschichten, transkribierten Gesprächen oder gesammelten Aussagen zu Themen wie Brüsten, Haar-Situation oder Geruch. Jede Teilnehmerin wurde aufgefordert, denselben Fragebogen zum Thema Kleidung auszufüllen, doch nur die mit besonders interessanten Antworten landeten dann auch komplett im Buch.

Alle haben die gleichen Schwächen

Etwa der von Lena Dunham, 28, der „New York Times“ zufolge für ihre Zeitgenossen das, was J. D. Salinger für die Nachkriegsgeneration war und Woody Allen für die Babyboomer: „eine einzigartige Stimme, die als Außenseiter sprach und dadurch zum ultimativen Insider wurde“. Die Drehbuchautorin, Regisseurin, Produzentin und Hauptdarstellerin der Serie „Girls“ (und bald auch Schriftstellerin: in zwei Wochen erscheint in Amerika ihr erstes Buch) erklärt darin, dass sie das Gefühl hat, vor allem aus einem Grund auf diese Erde gesetzt worden zu sein: „zu helfen, einen gewissen Körpertyp (und, deshalb, alle Körpertypen) und die sich damit verbindenden Befürchtungen zu normalisieren“.

Aus ihrer Serie, in der sie sich oft nackt zeigt, ist bekannt, dass sie - in ihren eigenen Worten - „an guten Tagen stämmig, grenzend an schlank und an weniger guten mollig“ ist. „An allen Tagen habe ich eine hohe Taille, einen breiten Arsch und ziemlich lange Beine.“ Frauenzeitschriften würden aus ihr wohl den Apfeltyp machen, oder welche Schubladen sie sich eben sonst ausgedacht haben, um Millionen von Frauen mit Körpern, die so unterschiedlich sind, dass niemand sie nackt verwechseln würde, gemeinsam hineinzupressen.

Dieses Buch feiert die Unterschiede, die Einzigartigkeit jeder Frau und ihres Stils, jedenfalls was Stärken angeht - was die Schwächen betrifft, so schimmert durch die einzelnen Beiträge hindurch, dass wir alle dieselben zu haben scheinen: Nicht wenige ziehen etwas Bestimmtes an, um einem Mann zu gefallen; und das Motiv, einer Frau, die man bewundert, etwas nachzukaufen, taucht auch öfters auf. (Am schönsten in einer Geschichte von Leanne Shapton, die einer Bekannten ein Isabel-Marant-Kleid nachkauft, das aussieht, als wäre es ein Vintage-Kleid, weshalb sie anschließend aus zweierlei Gründen ein schlechtes Gewissen hat. Nicht nur, dass es nicht ihr eigener Fund war - es war nicht mal ein richtiger Fund, sondern ein sicherer, risikoloser Designer-Kauf.)

Warum muss eine Hose zwei Beine haben?

Es hat etwas beinahe Rührendes, wie ehrlich all die Frauen sind, die in diesem Buch zu Wort kommen. Wie offen sie über ihre eigenen Körper, Unsicherheiten oder auch ihren Stolz sprechen. Oder verraten, was ihnen selbst weiterhilft. Lena Dunham zum Beispiel überlegt sich vor dem Anziehen immer einen Charakter, den sie an diesem Tag darstellen möchte - Schülerin, neue Lesbe, nicht-praktizierende Nonne, Miami-Mätresse. „Nicht jeder braucht diese zusätzliche Ebene, aber mir hilft es.“

Eine andere Frau dachte immer, sie habe kurze Beine, bis sie mal mit einem Mann telefonierte, der sein Fahrrad im Internet zum Verkauf angeboten hatte. Um herauszufinden, ob der Rahmen passen würde, fragte er sie nach ihrer Größe und dem Abstand zwischen ihren Füßen und ihrem Schritt. Nachdem sie ihm diese Maße genannt hatte, rief er aus, sie habe ja irrsinnig lange Beine für ihre Größe. Seither habe sie eine andere Körperwahrnehmung und kleide sich auch ganz anders.

Eine Hausfrau und Mutter erzählt, wie sich die Person, die sie einmal war, in einem funktionalen, unförmigen, dunkelgrauen Kleidungsstück aufgelöst habe, das sie seit Jahren täglich trägt. „Mom Coat“ nennt sie es. Später, wenn die Kinder nicht mehr klein sind, will sie nur noch extravagante Designer-Kleidung tragen, die die Köpfe der Leute zum Rauchen bringt, voll schwieriger Fragen wie: „Warum muss eine Hose zwei Hosenbeine haben? Ist ein klobiger Skulpturen-Rock schön? Ergeben zwei zusammengefügte Hälften zweier verschiedenen Hemden zusammen ein ganzes Hemd?“

Die Lektüre bringt Erleichterung

Eine andere ist oft überrascht, wenn sie ihren Körper nackt im Spiegel sieht: „Er sieht so klein und blass dafür aus, dass er das Gefäß für all meine wilden Gefühle ist.“ Und eine besonders Mutige gesteht, dass sie jedes Mal, wenn sie die Tür einer Umkleidekabine schließt, pinkeln muss. Es geht um die Schönheit von Mottenlöchern, um falsche Wimpern, hohe Absätze und elegante Tanten, um Mütter und Töchter, Väter, Schwestern und Brüder, um Erinnerungen, Hoffnungen, Zweifel und um Liebe.

Warum sich das alles so beruhigend und tröstlich liest, bringt Leanne Shapton in der einleitenden Unterhaltung der drei Herausgeberinnen auf den Punkt: „Die Lektüre beseitigt ein gewisses Maß an Nervosität und Scham, was das Anziehen betrifft. Wir sind täglich umgeben von Tonnen von Bildern, die sagen: hier sind all die Dinge, die du bewundern sollst und tun kannst, um deine Unsicherheiten und deinen Körper zu kaschieren, und du solltest nicht zugeben, dass du dich wegen all dieser Sachen seltsam fühlst.“

Zu lesen, dass es anderen ganz genauso gehe, könne helfen. „Wir alle sind imstande, uns eingeschüchtert zu fühlen oder verängstigt oder nervös, was die eigene Kleidung angeht und das Gefühl, beurteilt oder von anderen abgelehnt zu werden, und dies zuzugeben, bringt eine solche Erleichterung. Man kann darüber lachen.“

Sheila Heti, Heidi Julavits, Leanne Shapton & 639 Others: „Women in Clothes“. Blue Rider Press, 528 Seiten, 15,27 Euro. Vorerst nur auf Englisch, kommendes Jahr bei S. Fischer auf Deutsch.

Quelle: F.A.S.
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