Friedrich Kittlers Habilitationsverfahren

Spucken hilft nicht, Herr Kollege!

Von Jürgen Kaube
© Archiv, F.A.Z.
Das Umschlagbild von Kittlers Buch: Dante an der Schreibmaschine

Das hätte Friedrich Kittler gefallen. Der im Oktober gestorbene Kulturtheoretiker war in seinen jungen Jahren ein Universitätsereignis, weil er die Geisteswissenschaften zum Studium von Technik, Medien und Akten anhalten wollte. In der „Zeitschrift für Medienwissenschaft“ publiziert der Lüneburger Medienhistoriker Claus Pias jetzt Auszüge aus der legendären Habilitationsakte Kittlers. Und zwar alle Gutachten, die damals, 1982 und 1983, zu Kittlers Arbeit „Aufschreibesysteme 1800/1900“ verfasst worden sind, sowie ein von Kittler damals eigens für das Verfahren geschriebenes, unpubliziert gebliebenes Vorwort dazu.

Ein Gerücht wurde dieses lange Verfahren aufgrund der hohen Zahl an Gutachten. Elf Stück waren offenbar nötig, um einzuschätzen, ob dieser Autor auf die studierende Menschheit losgelassen werden könne. Von den drei Hauptgutachtern bejahten das zwei, einer riet ab. Doch auch manche bejahende Stellungnahme hatte Beiklänge, etwa wenn der einstige Doktorvater Kittlers, der Germanist Gerhard Kaiser, im August 1982 die Habilitation „nicht nur aus Sinn für Humor“ befürwortete. Nicht nur: So süß kann Wohlwollen sein.

Das Buch hat eine Forschungsrichtung angestoßen

Der Freiburger Romanist Hans-Martin Gauger konstatierte demgegenüber gleich zu Anfang seines Gutachtens, die Arbeit verfehle absichtlich den wissenschaftlichen Diskurs. Für seine Mängelrügen, Kittler begründe wenig - „Die Frage ‚Stimmt das?‘ scheint nicht die zu sein, mit der er rechnet“ -, ordne seine Arbeit nicht ein, vermische Literatur und Wissenschaft, vor allem aber für 49 seiner zahllosen Monita im Einzelnen hielt ihm der Essener Germanist Manfred Schneider vor, aus Ressentiment einen Wirbel zu machen, der ein und demselben Text vorwerfe, modisch und autistisch zu sein. „Aber wird ein Strom“, der französische von Derrida, Foucault und Barthes, in dem Kittler angeblich schwimme, „trockengelegt, indem man in ihn spuckt?“

Voilà, es wurde nicht schlecht gestritten über ein Buch, an dem für manche nichts zu finden war, das aber dann eine ganze Forschungsrichtung angestoßen hat. Was war das für eine Arbeit, die eine Kollegenschaft schon in der Frage spaltete, ob es sich bei ihr überhaupt um Wissenschaft handele? Eine Bemerkung im zusammenfassenden Kommissions-Gutachten formuliert es präzise: Kittler hatte einem Gremium, dessen Mitglieder fast alle eine hermeneutische, auf Sinnverstehen ausgerichtete Auffassung der Geisteswissenschaft vertraten, eine Arbeit vorgelegt, die dieses Denken auf die Zeit um 1800 datierte. „Wohl selten in einer Habilitationsschrift sind die Institution Universität und deren Repräsentanten, die den Akt der Habilitation denn doch durchzuführen haben, mit so viel Hohn bedacht worden wie bei Kittler.“ (G. Kaiser)

Er unterschied zwei Epochen, in denen sich das Verhältnis von „Seele“ und Schriftstellerei geändert habe: Friedrich Kittler
© dpa, F.A.Z.
Er unterschied zwei Epochen, in denen sich das Verhältnis von „Seele“ und Schriftstellerei geändert habe: Friedrich Kittler

Denn Kittler unterscheidet zwei Epochen, in denen sich das Verhältnis von „Seele“ und Schriftstellerei geändert habe. Das Aufschreibesystem von 1800 sei durch die Spannung zwischen Poesie und Buch gekennzeichnet, denen Kittler die Sprechen lehrende Mutter und den auf Schriftverkehr beruhenden väterlichen Pädagogenstaat zuordnet. Die Germanisten seiner Tage waren für ihn im Grunde immer noch solche Erziehungsbeamte, die ihre Kinder, die Studenten, zur Suche nach dem Geist in der Kultur anhielten. Im Aufschreibesystem von 1900 hingegen habe Dichtung keinen universellen Anspruch mehr, wie ihn Ursprache (Mutter Natur) und Sprache der Bildung (Vater Staat) geltend machen. Phonograph und Kino seien an ihre Seite getreten, Dichtung sei nur noch „Literatur“ und reagiere darauf mit der Analyse ihrer Elemente, als Buchstabenlyrik, écriture automatique, „reine“ Poesie, ohne Absicht, verstanden zu werden.

Doch nicht nur diese ausgreifenden Thesen Kittlers entzündeten den Streit, sondern ebenso die Art, wie sie vorgetragen wurden. Der Germanist Wolfram Mauser beanstandete, Kittler mache sich selbst keine Einwände und zitiere Belege, als gäbe es keine gegenteiligen. Noch schärfer urteilt der Historiker Gottfried Schramm, der sich zu einer Séance eingeladen sah, in der Eingebungen mittels eines Poesie-Abstraktions-Gemisches mitgeteilt würden. Seine Belege dafür - „Aus der kultischen Verschmelzung von Lehrer und Schüler, dem offenbaren Geheimnis des Beamtensystems, entspringt eine Muttergottheit“ (Kittler) - sind farbenfroh. Der Bonner Germanist Peter Pütz beurteilte das bei milderem Befremden wohlwollender: Es handele sich um eine Art „Ideenparadies“ voll gelungener Einzelanalysen.

Die Wissenschaft besteht aus Argumenten

Insofern berührte Schramm den empfindlichsten Punkt: „Je weniger ein Experiment konsensfähig ist, um so weniger taugt es für die Gattung Habilitationsschrift, die nun einmal andere Menschen in die wissenschaftliche Verantwortung hineinzieht.“ Man habe vorher und nachher genug Gelegenheit zu Arbeiten, für die man nur selbst geradestehen könne. Kittler war also ein Beitrag abverlangt; geliefert hatte er ein Buch, das nicht den Eindruck machte, diskutieren zu wollen. Gauger fasst das in seinem Nachwort von 2012 so: Was macht man eigentlich mit jemandem, der mit seiner Habilitationsschrift ein neues Fach begründen will? Die naheliegende Antwort hätte lauten können: mit Blick auf die vielen gediegenen Harmlosigkeiten, die angenommen werden, es zulassen. Und so kam es dann ja auch.

„Dadurch, dass etwas conditio sine qua non von etwas anderem ist, folgt freilich noch nicht, dass es auch seine ratio perquam sei.“ Kollegenbelehrungen wie diese des Philosophen Manfred Frank finden sich in den Gutachten ebenso viele wie Grundsatzerklärungen zu dem, was Wissenschaft zu leisten habe. Kittlers nachgereichtes Vorwort gehört selbst zum Klarsten, was er dazu geschrieben hat. Deshalb täuscht sich auch Manfred Schneiders „Postscriptum Februar 2012“, das uns weismachen will, der Abdruck des Vorworts im Buch sei zu konventionell gewesen. Die Wissenschaft besteht nicht aus großen Büchern und Autoren, sondern aus Argumenten.

Die Akte Kittler ist in alldem instruktiv für den Zustand einer Literaturwissenschaft, die sich mitunter auch mit Literatur verwechselt. Sie zeigt die Germanistik als ein Fach, das gewönne, wenn es mehr solcher Argumente prüfte und seine Sachkonflikte auf offener Bühne austrüge, anstatt Berufungsverfahren dazu zu nutzen. Die ablehnenden Gutachten enthalten durchaus wichtige Rückfragen an das spekulative Werk. Gaugers Einwand etwa, „wenn die Arbeit Recht hätte, müsste man an einem Text feststellen können, ob er per Hand oder per Maschine geschrieben ist“. Manfred Schneider weist ihn witzig damit zurück, das lasse sich anhand der Autographen tatsächlich mit außerordentlicher Sicherheit feststellen. Doch leicht umformuliert enthält er tatsächlich einen Prüfgesichtspunkt für das Programm Kittlers: dass an einem Text abgelesen werden kann, ob er in der Ära des Kinos verfasst wurde, auch wenn er gar nicht davon handelt. Auch Manfred Franks Beobachtung, dass Kittler nicht einfach zwei Epochen beschreibe, sondern die Erkenntnismittel der einen (Psychoanalyse, Linguistik, Medientheorie) für die Deutung der anderen verwende, trifft einen interessanten Punkt.

Man hätte also gut diskutieren können. Man wollte aber streiten. Aus keinem der Gutachten wurde damals ein Beitrag zur Wissenschaft; erst jetzt sieht man, was damit verpasst wurde. Inzwischen aber ziehen die Geisteswissenschaften die Indifferenz ihrer „Paradigmen“ gegeneinander vor. Die Frage „Stimmt das?“ wird oft so behandelt, als lasse sie sich nur innerhalb von Schulen klären, also gar nicht. Das Habilitationsverfahren Friedrich Kittlers ist insofern ein erstrangiger Hinweis auf Möglichkeiten, die ein Fach hätte, wenn es mehr Sinn für offene Kritik entwickeln würde.

Quelle: F.A.Z.
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