Noch ein WM-Eklat

Russenfußball

Von Kerstin Holm
 - 12:47

Zur Fußball-Weltmeisterschaft muss auch das Gastgeberland seinen Patriotismus zivil aussehen lassen. Deswegen wurde der russischen Rocksängerin Julia Tschitscherina, die regelmäßig in den von Russland besetzten Volksrepubliken in der Ostukraine auftritt, die Mitwirkung bei der Eröffnungsfeier in Rostow am Don von der Fifa verboten.

Tschitscherina, die im vergangenen Jahr die „Staatsbürgerschaft“ der Donezker Volksrepublik erhielt und ihre Meldeadresse ins besetzte Lugansk verlegt hat, war im Wahlkampf von Präsident Wladimir Putin eine seiner Vertrauenspersonen und hatte ihre Landsleute aufgerufen, für Putin zu stimmen. Doch der Grund, warum die Sängerin ausgeladen wurde, dürfte ihr voriges Jahr veröffentlichter Musikclip „In vorderster Linie“ (Na peredovoj) gewesen sein, in dem sie mit Söldnern, die im Donbass kämpfen, vor der Videokamera posiert.

Zu schwerem E-Gitarrenbeat singt sie mit rauhem Mezzosopran, dass „unsere Welt sich niemandem beugen“ werde. Die bewaffneten Männer fallen in den Refrain ein, der verkündet: „Dieses Land gehört uns, Rückzug ist ausgeschlossen!“ Tschitscherina, die vom ukrainischen Staatssicherheitsdienst mit Haftbefehl gesucht wird, schmähte in einem Facebook-Eintrag die Fifa als „Bandera“-Leute, also mit jenem Schimpfnamen, mit dem die russische Staatspropaganda die ukrainischen Streitkräfte belegt.

Von der offiziellen Politik trat nun niemand für die Ultrapatriotin ein. Der stellvertretende Vorsitzende der Staatsduma, Sergej Lebedew, der der sonst keine Gelegenheit zu antiwestlichen Ausfällen auslassenden Nationalistenpartei LDPR, aber auch dem Exekutivkomitee der Russischen Fußballunion angehört, erklärte, Veranstalter der Weltmeisterschaft sei die Fifa und Russland dürfe ihr nichts aufdrängen. Der oppositionelle Schriftsteller Dmitri Bykow zitiert einen weiteren Parlamentarier mit den Worten, es sei nicht schade um Tschitscherina. Bykow betont, er finde weder Tschitscherinas Musik noch ihre politischen Aktivitäten gut. Dennoch macht er sich zu ihrem Anwalt: Die Künstlerin vertrete die Position ihres Staates, der für die Ereignisse im Donbass mitverantwortlich sei. Wenn die Vertreter des Staates die Sängerin, die sich für die Sache dieses Staates exponiert habe, im Konfliktfall gegen das Urteil von Ausländern nicht in Schutz nähmen, dann bedeute das, so tadelt Bykow, dass die Heimat den eigenen Leuten einen Tritt versetze.

Bei russischen Fußballspielern dürfte das auch nicht helfen, scheint der Chansonnier Semjon Slepakow zu glauben, der der russischen Nationalelf sein jüngstes Lied „Olé olé olé“ widmete. Als letztes Mittel, die Schande abzuwenden, schlägt Slepakow vor, den tschetschenischen Republikchef Ramsan Kadyrow zum Nationaltrainer zu machen. Zu ruppigen Gitarrenakkorden malt der Sänger aus, wie Putins starker Mann – „Ramsan, hart wie Parmesan“ – die demoralisierten Spieler mit der Waffe bedrohe, physisch versehre, in Panik versetze.

Doch selbst dieser grausame Doping-Ersatz kann in seinem Lied nicht verhindern, dass die russische Mannschaft von den Vereinigten Arabischen Emiraten geschlagen wird. Da weiß auch der gefürchtete Tschetschenenführer Kadyrow, der seine Republik für schwulenfrei erklärte und Putin ein Rekordwahlergebnis von mehr als neunzig Prozent bescherte, nicht weiter. Der brutale Problemlöser, der sich von dem Song äußerst angetan zeigte, hinterlässt den Verlierern aber seine Pistole – für den Fall, wie Slepakow ihn sagen lässt, dass sie ein Gewissen haben sollten.

Quelle: F.A.Z.
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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