Geburtstag von Lee Perry

Das Boot ist toll

Von Dietmar Dath
 - 09:35

Bevor Taschencomputer und Stöpselkopfhörer das Wissen darüber ganz vertrieben haben, wie das ist, wenn aus einem riesengroßen Lautsprecher ein Schlagzeug sein Geschwisterchen, das Menschenherz, zum Tanzen auffordert, während der Bass als sprechender Blutkreislauf eines Engels das Gehör verflüssigt, bis es sich für einen Gesichts- und Geschmackssinn hält, der Leuchten und Süße wahrnimmt, wo Fülle und Tiefe sind – bevor das alles Geschichte wird, weil die Leute nur noch Medien benutzen, die das Großerlebnis Musik zum Nebengeräusch verniedlichen, sollte man sich dem Schaffen von Lee „Scratch“ Perry noch einmal rückhaltlos ausliefern. Man erlebt dann die einzige Spielart der köstlichen Lähmung „Klangrausch“, die zugleich Entrückung ist und weder jemanden überwältigen, noch irgendetwas Ausgedachtes verherrlichen will.

Und wenn es der Moment, an dem man sich dem Sound ergibt, dann besonders gut meint, wird man plötzlich verstehen dürfen, was diese Stimme eigentlich mitteilt, dieses erdig-außerirdische, knarzknackig trällernde Organ, das sich in Hall zu kleiden weiß wie ein früher Sommermorgen in klare Himmelsweite und dabei unverständliche Weisheiten über Clint Eastwood und das Recht auf Ruhm zum Besten gibt oder die Ankunft eines Astronauten ankündigt, der die Ohren auf eine weite Reise mitnehmen wird, die zwar ins reine Nichts zwischen den Sternen führt, dabei aber so wiegend und schaukelnd vonstatten geht wie ein Weg übers Meer bei heiter ungefährlichem Seegang.

Der Erfinder dessen, was man Reggae nennt

Lee (eigentlich: Rainford oder Reinford Hugh) Perry hat als Produzent das mit erfunden, was man „Reggae“ nennt, und das mit definiert, was man als „Dub“ kennt. Von wo auch immer man sich diesen Stilen nähert, stets winkt eine Ahnung von Monotonie lässig herüber wie der Kapitän eines kleinen Frachters, der Tonnen von milden Drogen geladen hat und gleich anlegen wird – na, gleich, bald, nicht sofort, morgen ist auch noch ein Tag, gemächlich, allmählich: Sie trifft nie ganz ein, diese erwartete Monotonie, die Heidegger wohl „das Ein-Tönige“ genannt hätte, sie bleibt angekündigt und unerfüllt, denn im entscheidenden Moment schreit (wie auf einer der allerallerersten Reggae-Platten, nach Meinung mancher: der ersten echten, „People Funny Boy“, produziert von Perry) ein Baby, das sich darüber freut, dass nur Musik, nicht Sprache, es taufen kann, oder irgendein Akzent wird kaum merklich so verschoben, dass oben nach unten kippt und hinten sich mit einem Mal vorne zeigt, wie bei der Verschiebung eines einzigen Wortes in einem Satz oder der Ersetzung mehrerer Wörter durch andere – statt „Das hört sich doch alles gleich an“ also etwa „Das höre ich mir doch gleich alles an“.

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Zum Geburtstag von Lee Perry: Der Schöpfer eines Basses, der das Gehör verflüssigt.

Diesen zweiten Satz mag sagen, wer begreift, was sich in der Monotonieverheißung bedeutender Schlepp- oder Schnappmusik, also etwa in Doom Metal, Minimal Techno, Surfmusik, Drone Rock oder bei manchen Bluesleuten, so ungreifbar wie unbestreitbar durch die besten Stücke schlängelt: die nervenelektrische Beweglichkeit mikromusikalischen Denkens nämlich. Wenigen ist dieses Denken so sehr zweite Natur wie Perry, bei dessen Kunst die Empfindung „immer das Gleiche“ nur da aufkommt, wo man falsch hört, nämlich „sich konzentriert“, um die Werke zu lesen wie Gedichtzeilen, während man sich in Wahrheit darin umsehen sollte wie an einem Ort, den nie zuvor ein Mensch betreten hat.

Er ließ sein Hinterhofstudio in Flammen aufgehen

Dieses Moment der desorientierenden Verräumlichung von Takt, Rhythmus, Zeit überhaupt hat in der Popmusik eine Bedeutung, die in letzter Zeit auch das Aufstellen von Nostalgiefallen für die erinnerungswillige Laufkundschaft aufwendiger Historisierungs-Events plausibel und lukrativ macht: So, jetzt gehen wir alle mal im Kostümfundus von David Bowie spazieren, nennen das eine Ausstellung und fühlen uns so jung, wie wir nie waren.

Der Genius des Lee Perry sträubt sich gegen derlei. Er ließ schon Ende der siebziger (nach anderen Angaben: Anfang der achtziger) Jahre einen der bedeutendsten raumzeitlichen Realstützpunkte des Musikweltgeists im zwanzigsten Jahrhundert, sein berühmtes jamaikanisches Hinterhofstudio „Black Ark“, in Flammen aufgehen, weil er wusste, dass er es jederzeit aus der Musik selbst wieder aufbauen könnte – was dann um die Jahrtausendwende auch geschah, im Rahmen eines Musikfestivals in der Lobby der Londoner Royal Festival Hall, als begehbare Miniinstallation namens „Black Ark Study Centre“. Wieder rund zehn Jahre später verbrannte ihm dann sein Schweizer „Secret Laboratory“, nach dem aber ein schönes Album heißt, in dessen Wirkungen es so unbeschadet überleben wird wie das Produzentenmodell „Lee Perry“ in den tausend Permutationen von Hiphop bis Dingsbums, Bomb Squad bis Tricky seit Perrys ersten Frechheiten vor mehr als einem halben Jahrhundert.

Verbindung zwischen Alltag und Weltseele

Man könnte sagen: Der Mann öffnet überall, wo er hinkommt, klangmodale Hot Spots, an denen sich die Verbindung zwischen dem engen Alltag und der unermesslichen Weltseele, die er repräsentiert, für Hörerinnen und Hörer, Betrachterinnen und Betrachter herstellen lässt, von der Kunstschau (seine erste im engeren Kunstkontext eingerichtete Präsentation von Malerei, Videoarbeit und unbestimmbarem Zeug fand 2010 in Los Angeles statt) über kryptische, manchmal auch beknackte Interview-Äußerungen bis hin zu Myriaden Datenträgern zwischen Vinyl und Serverkerben in irgendwelchen atombombensicheren Kellern, wo sich seine Musik abrufen lässt, deren Rang und Reichweite man gar nicht überschätzen kann.

Von seinen frühesten prismatischen Anordnungsleistungen akustischer Schnipsel, Fitzelchen, Krümel und Kraftfelder an bettete er die nachkoloniale Musik von Menschen, deren Befreiung aus der Sklaverei nur juristisch, aber weder ökonomisch noch politisch vollzogen war, und die sich gegen dieses Elend mit selbstorganisierten Gemeinschaftsformen und synkretistischem Glauben zur Wehr setzten, in einen verblüffenden Reichtum seliger Vibrationen und Schwebungen.

Dabei nutzte Perry Maschinen für Aufnahme, Mischung und Wiedergabe von Sound als Instrumente des nicht Vorgesehenen: Man kann Stimmen rückwärts über ein dabei unverzagt voranstrebendes Stück legen, man kann sich mit der musizierenden Konkurrenz die herrlichsten Hahnenkämpfe in voller Klangfarbenpracht liefern, man kann mit Leuten zusammenarbeiten (etwa mit Bob Marley) oder sie entdecken (etwa die Sängerin Susan Cadogan), und das alles nicht nur in der Absicht, dem eigenen ultrawachen Verstand Zerstreuung zu verschaffen, sondern außerdem zu einem anderen, ungeheuerlichen Zweck, den Perry tatsächlich erreichen durfte, nachdem er ihn selbst so beschrieben hatte: „Ich wollte eine andere Musik, bin also zurück zur Kirche gegangen und habe der Energie und der Schwingung des Feuers zugehört und wie die Leute riefen. Das war was anderes als diese Dancehall-Geschichten. Es war, als wollten sie fliegen.“ Er hat ihnen beigebracht, wie das geht, mit seiner schwarzen Arche, einem Wolkenschiff. Am Sonntag wird Lee Perry achtzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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