Gedenken an Hrant Dink

Weil er von Völkermord sprach

Von Karen Krüger
 - 16:12

Wer mit liberal gesinnten Türken über den im Jahr 2007 ermordeten Journalisten Hrant Dink spricht, dem begegnen stets drei Worte: Behutsamkeit, Menschlichkeit und Mut. Mutig war Hrant Dink, weil er am Tabu des Genozids an Armeniern rührte - niemals anklagend und fordernd, sondern immer behutsam und um Versöhnung bemüht. Der armenisch-türkische Journalist war davon überzeugt, dass der Schrecken des Genozids auch für die türkische Bevölkerung eine traumatische Erfahrung war, die nur mit Dialog und Menschlichkeit geheilt werden kann.

Von vielen Türken wurde Hrant Dink deshalb geliebt. Noch mehr hassten ihn jedoch für seine Haltung. Am 19. Januar 2007 wurde Dink ermordet, vor dem Istanbuler Redaktionsgebäude seiner armenisch-türkischen Wochenzeitung „Agos“. Der Schütze war Ogün Samast, zur Tatzeit 17 Jahre alt. Für den Mord war er aus der für ihren Nationalismus berühmten Schwarzmeerregion an den Bosporus gereist. Weiße Wollmützen, wie Samast damals eine trug, wurde in nationalistischen Kreisen zum Verkaufsschlager.

Am Donnerstag wurde im Berliner Gorki-Theater aus Anlass von Dinks zehntem Todestag des Journalisten gedacht. Es war ein sehr besonderer Abend, denn mit dem im Berliner Exil lebenden türkischen Journalisten Can Dündar stand dort ein Mann auf der Bühne, der, wenn auch aus anderen Gründen, ebenfalls zur Zielscheibe türkischer Nationalisten geworden ist. Doch nicht nur deshalb hatte Dündars Lecture Performance, in der er vor ausverkauftem Haus Texte von Hrant Dink vorstellte, einen besonderen Klang: Den ehemaligen „Cumhuriyet“-Chefredakteur und Dink verband eine jahrelange Freundschaft.

Mit Dink sei er 2004 erstmals nach Armenien gereist, erzählte Dündar. Aufgeregt seien er und die anderen türkischen Journalisten gewesen, die Dink um sich versammelt hatte. Denn Armenien, das war nach türkischer Lesart das Land des Feindes, und über den Genozid zu sprechen, der nach offizieller türkischer Geschichtsschreibung nie stattgefunden hat, war damals in der Türkei noch ein Tabu. In der Universität von Erivan, so Dündar weiter, kam es beinahe zum Eklat. Ein armenischer Student hatte von der Besuchergruppe eine Schweigeminute für die Opfer des Völkermords verlangt. Dink tat damals, was er immer tat, wenn Türken das Bekenntnis zum Genozid aufgezwungen werden sollte: Er beschwichtigte und stellte sich vor seine Landsleute. Auch den Besuch des Genozid-Mahnmals von Erivan mutete er den türkischen Journalisten nicht zu. Er ging allein dorthin, nur begleitet von Can Dündar.

Die Fotos, die Dündar an diesem Tag von seinem Freund am Gedenkort aufgenommen hat wurden im Gorki-Theater gezeigt. Ebenso der Artikel, der im selben Jahr der Armenien-Reise den Auftakt zu einer beispiellosen Hetzkampagne gegen Dink gab: In dem Bericht hatte Dink über die armenische Herkunft von Sabiha Gökcen geschrieben. Mustafa Kemal Atatürk hatte das Waisenmädchen adoptiert, sie wurde die erste Kampfpilotin der Türkei. Zwei Wochen später reagierte die „Hürriyet“ mit einer Schlagzeile, die den türkische Generalstab zitierte, der Dinks Artikel als unverzeihlichen Affront verstanden hatte. Es folgten mehrere juristische Verfahren, unter anderem Dinks Verurteilung nach Artikel 301 wegen „Beleidigung des Türkentums“. Der Richterspruch war für Dinks Feinde das Signal, ihrem Hass Taten folgen zu lassen.

Dinks Mörder Samast wurde vier Jahre nach dem Attentat zu 22 Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt. Yasin Hayal, der den Morde geplant hatte, bekam lebenslänglich. Doch der Prozess dauert bis heute an. Es gibt erdrückende Beweise, dass die Drahtzieher im Staatsapparat zu finden sind. Spuren, die auf den türkischen Geheimdienst, die Gendarmerie und Polizei verweisen, wurden ignoriert. Die Regierung hält schützend ihre Hand über ihre Leute. Je nachdem, wie der politische Wind gerade weht, präsentiert sie der Familie Dink neue Theorien.

Ein beschämendes Schauspiel

Die Justiz hatte zunächst darauf bestanden, die jungen Männer hätten in Eigenregie gehandelt. Als dann das Verfahren um die Ergenekon-Verschwörung die Türkei in Atem hielt, verdächtigte sie Mitglieder des Ergenekon-Zirkels, die Hintermänner des Mords sein. Und seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 ist die FethullahGülen-Organisation auf die Agenda des Dink-Prozesses gerückt. Bei der Gedenkfeier in Istanbul, zu der sich am Donnerstag mehrere tausend Menschen vor dem Redaktionsgebäude von „Agos“ versammelt hatten, kritisierte Hrant Dinks Frau, Rakel Dink, die Regierung scharf für ihre Vertuschungsstrategie: „Wann werden wir endlich genug davon haben, die Haut der Schlange zu jagen anstatt die Schlange selbst?“ Viele in der Türkei seien glücklich, dass gerade die eigenen Leute im Land das Sagen hätten. Sie sollten jedoch nicht glauben, dass die Mächtigen deshalb auf ihrer Seite stünden. „Jene, denen ihr mit den besten Gedanken die Macht in die Hände gegeben habt, dieses Land zu regieren, sind längst nicht mehr Söhne des Volkes, sondern haben sich in Staatsmänner verwandelt. Sie haben ihre Versprechen längst vergessen. Sie versuchen nun, euch zu Komplizen ihrer Verbrechen zu machen. Ihr alle verdient das nicht. Wir alle verdienen viel Besseres.“

Die Zeitung „Agos“ hat in ihrer Ausgabe von dieser Woche an einen Ausspruch Erdogans erinnert. Es werde kein Mörder in den dunklen Tunneln von Ankara verlorengehen, hatte er als Ministerpräsident gesagt. „Wir wissen nicht, ob der Mörder in diesen Tunneln verlorengehen wird, aber es ist sicher, dass der Mörder ein Produkt von genau diesen Tunneln war“, kommentierte nun „Agos“. Da Samast zum Tatzeitpunkt noch minderjährig war, wurde seine Strafe verkürzt. Er wird in fünf Jahren entlassen werden. Der Vorhang in dem beschämenden Theater, das der Prozess um die Ermordung von Hrant Dink darstellt, wird dann wahrscheinlich noch nicht gefallen sein.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Krüger, Karen (kkr)
Karen Krüger
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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