Bildung, Reform, Wahn

Lasst doch mal alles so, wie es ist

Von Jürgen Kaube
 - 18:14

In Thüringen, wird gemeldet, sei die Stimmung in den Lehrerzimmern schlecht wie seit langem nicht. In Thüringen? Im ganzen Land. Denn es bedarf an den Schulen keinesfalls der Erinnerung an die Zeiten Margot Honeckers, um beispielsweise auch in den westlichen Bundesländern zu dem Eindruck zu kommen, dass die Stimmung so mies fast noch nie war. Oder berechtigterweise schon lange mies ist. Oder jedenfalls ständig verschlechterungsbereit. Der Grund dafür ist kurz zu benennen, er lautet „Reform“.

Was die Lehrer zermürbt, zu enormen Fehlzeiten und Krankenständen wie in Vier-Schicht-Betrieben führt, sind nämlich nicht nur die Kerntätigkeit und jüngere Belastungen durch schulinadäquat erziehende Familien und/oder einmischungsfreudige Helikopter-Eltern in Bildungspanik.

Teilweise oder auch gar nicht verbindlich

Seit den siebziger Jahren wird das Schulsystem vielmehr in beispielloser Weise von politischen Reformwellen heimgesucht. Sie über- und unterspülen mit so hoher Frequenz die Schule, dass inzwischen nur noch Verwaltungsspezialisten und Bildungshistoriker wissen, welche Regeländerungen gerade in Kraft getreten sind, welche sich, kaum, dass man sich an sie gewöhnt hat, schon wieder auf dem Rückzug befinden und welche nach kurzer Abwesenheit unter anderem Etikett neuerlich Druck auf Unterricht und die Schulorganisation ausüben. Geändert, rückgängig gemacht und erneut geändert wurde an den Schulen in den vergangenen vierzig Jahren - alles.

Die Schulformen: dreigliedrig, dreigliedrig mit Gesamtschuloption, Gesamtschule mit drei- oder zweigliedriger Binnendifferenzierung, Gesamtschule unter verschiedenen Titeln und gemeinsamem oder teilweise getrenntem Lernen, Sekundarschule (Sachsen-Anhalt seit 1991, Bremen seit 2005), Integrierte Sekundarschule mit Haupt-, Real- und Gesamtschulzweig (Berlin seit 2010), Mittelschule, Erweiterte Realschule (Saarland), Gemeinschaftsschule (Saarland, von 2012 an), integrierte oder additive Regelschule (Thüringen), Regionale Schule (Rheinland-Pfalz, seit 1997), Realschule plus (Rheinland-Pfalz, seit 2009), Sonderschule, Förderschule, inklusive Schule.

Geändert wurden die Übergangsregelungen zwischen den Schultypen: ob der Übergang von der Elternentscheidung abhängt, ob die Übergangsempfehlung durch Lehrer stark bindend oder teilweise verbindlich oder gar nicht verbindlich ist. Mit eigenen Tests oder mit mehrtägigem „Prognoseunterricht“ oder ohne, unter Heranziehung von Durchschnittsnoten oder unter möglicher Nichtberücksichtigung derselben.

Hin und zurück: die Reformschaukel

Geändert wurden die jeweiligen Beschulungszeiten: Grundschule vier Jahre lang oder erweiterte Grundschule sechs Jahre lang, Ganztags- und Halbtagsschule, gemeinsamer Unterrichtbeginn oder unterschiedlicher, 45-Minuten-Stunde, Doppelstunde, einstündiger Unterricht, bei Lehrermangel Stundenausfall oder Rückgriff auf Hilfslehrer oder auf externe Kräfte, etwa durch „Unterrichtsgarantie plus“ mit Vertretungspools (Hessen seit 2006) oder durch „Verlässliche Schule“ mit Unterrichtsgarantie (Hessen seit 2008), Abitur nach neun oder acht Jahren Gymnasium oder Gesamtschule, flächendeckend oder als Modellversuch, oder das alte G 9 als Modellversuch bei einstimmigem(!) Elternwillen oder bei Mehrheit im Schulrat oder mit flächendeckender Wiedereinführung oder mit Wahlfreiheit, mit Modellversuchen an ganzen Schulen oder mit Wahlfreiheit innerhalb von Schulen.

Geändert wurden die Umstände, unter denen das Abitur erlangt werden kann: mit festen Pflichtfächern und starken oder schwachen Limitationen bei der Hauptfachwahl, mit Kurswahl, mit Noten oder Punktesystem, mit Abwahlmöglichkeiten (Mathematik nur bis zur zwölften Klasse) und ihrer Rücknahme, mit Wahlpflichtfächern, mit vorgezogenem Abitur bei entsprechender Durchschnittsnote nach der elften Klasse, mit Modellversuchen fächerweisen Frühstudiums, mit dezentralem Abitur und mit zentralem, zentralem in allen Fächern oder vorerst nur in einigen. „Vorerst“ muss man aber nicht dazu sagen, denn es gilt eben alles nur vorerst, und die bleibenden Beteiligten, die Lehrer also, können sich bei allem, was neuerdings gilt, fragen, ob es wohl lohnend ist, sich darauf einzustellen, wenn es doch demnächst schon wieder nicht gelten wird.

Technologie im Unterricht oder doch nicht?

Das betrifft vor allem weitere Schulstrukturen, die ständig im Zeichen des Fortschritts geändert werden. Zum einen im Zeichen des technologischen Fortschritts, bei dem politische Reform und didaktische Ausrüstungsindustrie zusammenspielen: Mathematik mit Formelsammlung, mit Taschenrechner, mit Taschenrechner nur im Unterricht oder auch in der Prüfung. Hefte und Schulbücher oder Kopiensammlungen und Aufgabenblätter mit anschließender Rückkehrbereitschaft zu weniger flüchtigen Materien.

Schreibschrift als Erstschrift mit oder ohne Schönheitsbenotung, Druckschrift als Erstschrift. Fremdsprachenunterricht ohne Technologie, mittels Sprachlabor, dann dessen Abschaffung, dafür PC ab der ersten oder der dritten oder der fünften Klasse, in allen Fächern oder nur in manchen, Pflicht-PC zu Hause durch Lesekontrolle über internetbasierte Quizfragen zu Kinderbüchern, eigener computerbezogener Unterricht oder Computernutzung in den herkömmlichen Fächern. Laptops im Unterricht oder nicht. Übergang von der Schiefertafel über Overheadprojektion und Power-Point-Beamern bis zum elektronischen Whiteboard und - nachdem Schüler in nicht ganz verlässlichen Unterrichtsstunden Pornos auf dasselbe hochgeladen haben - eventuell Rückgang zu weniger bildmächtigen Anschreibtechnologien.

Kompetenzkompetenz

Wechselhafter noch ist der pädagogische Fortschritt, bei dem sich zur Politik und den industriellen Ausrüstern nun die akademischen einfinden. Unbedingt zu ändern sei, wird den Lehrern - an der Hochschule, im Referendariat oder in der Weiterbildung und also in jeweils eigenen, sich aneinander brechenden Wellenbewegungen - mitgeteilt: Wer unterrichtet (die Lehrkraft, die Schüler sich selbst, die Schüler einander). Wer zu unterrichten sei: die Klasse (also der Durchschnittsadressat), die Einzelnen individuell, die Schüler in Gruppen, homogenen oder inhomogenen, nach Leistungsstärke oder Alter zusammengefasst oder nach beidem.

Wie zu unterrichten sei: frontal, im Kreis, monologisch, dialogisch oder überhaupt logisch, mit Drannehmen oder ohne, Fehler berichtigend oder auf Selbstkorrektur durch die Klasse wartend, zu ihr auffordernd oder lieber schonungsvoll, in Richtung Wissen oder Können oder Kompetenz, Sachkompetenz, Sozialkompetenz, Präsentationskompetenz, Teamkompetenz, Unterstreichkompetenz. Außerdem: auswendig lernen oder nicht, fachorientiert, interdisziplinär, projektorientiert, problemorientiert. Kein Wunder, dass neulich bei einer Einschulungsfeier eine Direktorin ihr Haus mit der Bemerkung vorstellte, es handele sich um eine lernorientierte Schule - und niemand auflachte.

Von den Lehrplänen und den Unterrichtsfächern, die ständiger Reform unterzogen werden, haben wir jetzt noch gar nicht gesprochen. Begriffe wie „Mengenlehre“ oder „Lektürekanon“ oder „Ethik“ sollten genügen, um das Verlangen nach weiteren Beispielen nicht aufkommen zu lassen. Auch Fragen wie „Sitzenbleiben oder nicht?“, „Zensuren oder schriftliche Beurteilungen?“, „Hausaufgaben oder nicht?“, „Ganze Bücher oder nur Auszüge?“, „Wahlfreiheit zwischen Linearer Algebra und Statistik?“ und dergleichen beliebig verlängerbare und ständig anders beantwortetete Alternativen gehören zu dem, was die Schule mürbe macht.

Am Ende steht die Unsicherheit

Die Reformfreude und der didaktische Rat, der sich über Lehrproben, durch Kriterienbildung für Karrieren - „Ist der Kandidat neuen Entwicklungen gegenüber aufgeschlossen?“ - und über Weiterbildungen verpflichtend macht, lassen so einen ganzen Berufsstand an sich irre werden. Sie betreffen die unwichtigsten Dinge wie die wichtigsten, das organisatorische Rand- wie das Kerngeschehen der Schule, den Unterricht, und produzieren in beiden Fällen stets Unmengen an Papier sowie riesigen Zeitverbrauch durch Grüßen der neuesten Gesslerhüte.

Vor allem aber produzieren sie Verhaltensunsicherheit. Und das in einem System, das, wir haben es oben berührt, von seiner Umwelt ohnehin nicht wenige Aufgaben gestellt bekommt. Und immer mehr und immer schwierigere. Die Frage, ob das gutgehen kann, erübrigt sich.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
Jürgen Kaube
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