Frauenquoten in der Forschung

Jetzt wird erst so richtig dekolonialisiert

Von Ronald G. Asch
 - 08:24

In einem vor kurzem auf der Geisteswissenschaftsseite der F.A.Z. erschienenen Artikel widmete sich eine Historikerin der Neupositionierung der „American Historical Review“ (AHR). Die Autorin Birte Förster, der wir eine interessante Studie über die Heroisierung der Königin Luise verdanken, feierte die angesehene amerikanische Zeitschrift dafür, dass sie nun endlich, wenn auch viel zu spät, versuche, sich zu „dekolonisieren“, und auch Frauen und Vertreter ethnischer Minderheiten zu Wort kommen lassen wolle. Wer den Beitrag liest, muss zu dem Schluss kommen, dass die AHR bis in die jüngste Vergangenheit systematisch versucht habe, die genannten Gruppen auszuschließen, sowohl bei den Aufsätzen wie bei den Rezensionen.

Birte Förster spricht ausdrücklich von einem „System, das Exklusion auf vielfältige Weise zum Prinzip gemacht hat“. Kann das wirklich sein? fragt man sich verwundert. Immerhin haben jüngere Erhebungen konstatiert, dass an den vierzig führenden amerikanischen Hochschulen speziell unter Historikern auf jeden einzelnen eingetragenen Republikaner 33 Demokraten kommen. Nicht jeder Demokrat ist ein hartgesottener Linker, aber zumindest ein Liberaler im amerikanischen Sinne des Wortes wird er dann doch in der Regel sein. Und diese Leute sollen alle Rassisten und fanatische Frauenfeinde sein, die erst jetzt zur Besinnung kommen?

Eine Reaktion als Spiegel des politischen Klimas

Was Birte Förster nicht erwähnt, und das erstaunt, ist der konkrete Anlass für die Überarbeitung der editorischen Verfahren bei der AHR. Dieser Anlass war eine Rezension von zwei Seiten Umfang, die im Februar 2017 erschien. Gegenstand der Besprechung war eine Studie der Historikerin Ansley T. Erickson über die Geschichte der „School Desegregation“, also den Versuch, durch staatliche Maßnahmen dafür zu sorgen, dass die Schülerpopulation an möglichst jeder Schule ethnisch gleichmäßig gemischt ist. Der Autor der Rezension, Raymond Wolters, ein Emeritus, war schon in jüngeren Jahren dadurch aufgefallen, dass er das Schulsystem, das in den Südstaaten bis in die sechziger Jahre vorgeherrscht hatte und das auf der strengen Trennung weißer und schwarzer Schüler beruhte, verteidigt hatte. Seine Rezension von Ericksons Buch war nun keineswegs vernichtend, sondern eher verhalten kritisch, enthielt aber einen fatalen letzten Satz. Wolters schrieb, die Autorin habe die Erkenntnisse der „Soziobiologie“ vernachlässigt.

Was er damit meinte, war ziemlich klar. Afroamerikaner seien nun einmal genetisch bedingt weniger intelligent, und dagegen helfe auch keine Form der Desegregation. Wer so etwas schreibt, muss sich zu Recht vorwerfen lassen, dass er im Nachhinein die massive rechtliche Benachteiligung von Afroamerikanern nach der Sklavenbefreiung rechtfertigen wolle. Eine solche Haltung kann man durchaus als rassistisch bezeichnen, ja muss es tun. Die Empörung über die Rezension ist also nachvollziehbar. Dass allerdings ein einziger Satz einer einzigen Rezension die AHR nunmehr genötigt hat, ihr gesamtes editorisches Verfahren auf den Prüfstand zu stellen, und der neue Herausgeber der Zeitschrift sich zu öffentlichen Bußübungen genötigt sieht, zeigt andererseits, wie vergiftet das politische Klima in den Vereinigten Staaten ist.

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Bloß nicht zu viele Romane von Männern lesen

Fairerweise muss man hinzufügen, dass Alex Lichtenstein, der nun die AHR herausgibt, sich zwar dafür entschuldigt, dass bis vor rund dreißig Jahren fast nur weiße Männer in der AHR publiziert haben, und dies als große Sünde ansieht, gleichzeitig an den harten Qualitätsstandards der Zeitschrift festhalten will. Von Quoten für Frauen und Minderheiten ist also offiziell nicht die Rede, auch wenn der Druck zunehmen wird, ja wohl schon fühlbar ist, genau solche Quoten zu beachten. Wenn man den Beitrag von Birte Förster liest, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie genau solche Quoten – dann natürlich explizit auch für deutsche Zeitschriften – emphatisch begrüßen würde. Als Begründung dafür führt sie unter anderem an, dass in den Vereinigten Staaten unter den Autoren von belletristischer Literatur, soweit diese außerhalb von Fachzeitschriften rezensiert wird, sich immer noch zu 65 Prozent Männer befänden. Sollen jetzt wirklich auch noch die Leser und Leserinnen von Romanen verpflichtet werden, sich ihre Lektüre nach Gender-Quoten auszusuchen?

Was wissenschaftliche Zeitschriften betrifft, muss man vor einem Quotensystem nach Gesichtspunkten der politischen Korrektheit jedenfalls dringend warnen. Gibt es erst einmal eine Frauenquote für Beiträge, dann sind Quoten für andere gesellschaftliche Gruppen, etwa ethnische oder religiöse Minderheiten kaum noch zu vermeiden. Das zeigt die Diskussion in den Vereinigten Staaten sehr deutlich, an der nur seltsam ist, dass niemand dort daran denkt, auch eine Quote für Söhne oder Töchter von sozial benachteiligten weißen Industriearbeitern oder für Autoren zu fordern, die politisch eher die Republikaner unterstützen. Das steht natürlich nicht zur Debatte, obwohl es den Hochschulen in den Vereinigten Staaten sicher guttäte, wenn sie sich auch politisch ein wenig zur Vielfalt bekennen würden.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob der Autorenpool einer wissenschaftlichen Zeitschrift wirklich die Zusammensetzung der Bevölkerung, zwar offenbar nicht mit Blick auf die politische Orientierung, wohl aber in Hinsicht auf ethnische Merkmale oder das Geschlecht widerspiegeln muss, wie das zunehmend gefordert wird. Ist das überhaupt möglich? Und wohin würden wir dann in der naturwissenschaftlichen Forschung kommen, in der gerade in den Vereinigten Staaten Asiaten, meist freilich eher Männer, stark überrepräsentiert sind – und das wohl kaum, weil sie von einer positiven Diskriminierung profitieren? Eliteuniversitäten wie Harvard versuchen die Zahl asiatischer Studenten eher zu deckeln, damit auch noch für andere Platz bleibt. Es ist sicherlich berechtigt, dem Einfluss von unsichtbaren Netzwerken auf die Vergabe von Fördermitteln oder den Druck von Beiträgen in Zeitschriften durch geeignete Kontrollmechanismen entgegenzuwirken, wie die AHR das jetzt noch stärker als bisher versucht. Aber Quoten? Wer das fordert, der sollte kein Heuchler sein und offen sagen, dass Qualität ihm ganz so wichtig dann doch nicht ist.

Zurück zum Korporatismus der frühen Neuzeit

Allerdings ist jetzt schon absehbar, dass diese Schlachten kaum noch zu gewinnen sind, weder in der akademischen Welt noch in der Politik allgemein. Und das gilt nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern auch für Deutschland. Die politische Linke und selbst viele vermeintliche Liberale haben vom Ideal einer demokratischen Republik mit einer einheitlichen Gemeinde von Staatsbürgern, die alle die gleichen Rechte haben, Abschied genommen. Ihr Ideal ist jetzt eher eine quasi korporativ verfasste Gesellschaft, in der jede einzelne Gruppe spezifische unanfechtbare Rechte hat, die sie nicht mehr im Wettbewerb mit anderen durch Leistung verteidigen muss. Jedenfalls soll die bloße Behauptung einer Benachteiligung schon ausreichen, um solche kompetitiven Mechanismen außer Kraft zu setzen.

In Deutschland sieht man das außerhalb der akademischen Welt daran, dass es mittlerweile Vorschläge für eine Reform des Wahlrechts gibt, die den Wählern vorschreiben will, wie viele Frauen sie ins Parlament zu wählen haben. Weitere Quoten, für ethnische Minderheiten etwa, würden sich dann zwanglos anschließen. Solche Vorschläge liegen auf dem Tisch, nicht nur im Bundesland Berlin, sondern auch im Bundestag, wo etwa die mögliche Merkel-Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer ihre Unterstützung für solche Ideen signalisiert hat.

Wenn Quoten schon mit Blick auf das Wahlrecht diskutiert werden, so liegt es nahe, den Wissenschaftsbetrieb erst recht analogen Regeln zu unterwerfen, da hier auch weniger Widerstände zu befürchten sind. Nur, wie sieht eine Gesellschaft aus, in der Vorteile, Auszeichnungen und Kompensationen für wirkliche oder vermeintliche Benachteiligungen durchgehend nach Gruppenzugehörigkeit vergeben werden? Vielleicht ein wenig so wie Gesellschaften der frühen Neuzeit oder wie heute noch der konsequent tribalistisch, mit besonderen Rechten für jede einzelne korporativ verfasste religiöse Gruppe organisierte Libanon, der ja auch als Staat irgendwie funktioniert. Aber wünschen wir uns wirklich eine akademische Welt, die so aufgebaut ist wie der Libanon? Und was würde das für die Wettbewerbsfähigkeit des betroffenen Wissenschaftsstandortes bedeuten?

Doch vielleicht ist das ja auch so wichtig nicht, denn am Ende werden es wohl nur die Geisteswissenschaften sein, die sich das Motto der „Dekolonialisierung“ und Quotierung konsequent auf die Fahne schreiben, und nicht die Naturwissenschaften, und nur diese sind am Ende des Tages wirtschaftlich relevant. Das mag dann ein Trost sein, allerdings nicht, wenn man das Pech hat, ein männlicher Historiker zu sein; aber vermutlich nicht einmal für Historikerinnen, die einstweilen noch von solchen Maßnahmen zu profitieren hoffen, aber am Ende ebenfalls Opfer der ideologischen Selbstmarginalisierung der Geistes- und Sozialwissenschaften werden könnten, die sich in den Vereinigten Staaten bereits abzeichnet.

Quelle: F.A.Z.
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