Neues von Johannes Gutenberg

Viele Köche veredeln die Buchstabensuppe

Von Oliver Jungen
 - 23:29

Das Ende der Gutenberg-Galaxis ist nah: Das im Jahre 1900 in Mainz gegründete, mehrfach erweiterte „Weltmuseum der Druckkunst“, vulgo „Gutenberg-Museum“, will sich im Google-Zeitalter zum „Museum der Zukunft“ wandeln. Eine „völlige Neuordnung“ ist geplant, der Anschluss an die Medienmoderne, „stumme Bücher“ sollen „lebendigen Geschichten“ weichen. Um den städtebaulichen Ausdruck der durchaus notwendigen Modernisierung wird heftig gerungen. Ein wuchtiger Turm, dem drei stolze Platanen weichen müssten, erregt die Gemüter. Im April steht ein Bürgerentscheid an, das Museum verteilt Buttons mit dem Slogan „Ja zum Bibelturm“. So lebendig wie im fünfhundertfünfzigsten Todesjahr war Gutenberg lange nicht mehr.

Anders als das auf 1400 geschätzte Geburtsjahr ist das Todesjahr sogar belegt. Am 26. Februar 1468 bestätigte der Mainzer Stadtsyndicus Doktor Konrad Humery, die von ihm finanzierte Druckerpresse aus dem Nachlass des Verstorbenen erhalten zu haben. Trotzdem gehen hier die Probleme schon los, denn das auf einer Gedenktafel am mutmaßlichen Mainzer Alterssitz des Erfinders, dem Algesheimer Hof, genannte genaue Sterbedatum, der 3. Februar 1468, beruht einzig auf den Angaben F. W. E. Roths, eines mehrfach als Fälscher entlarvten Historikers.

Die Gründererzählung wird zerlegt

Die in Mainz sehr agile Gutenberg-Forschung steht vor einem Dilemma: Je genauer die wenigen Quellen zum Leben regional- und buchgeschichtlich erschlossen werden, desto mehr scheint sich der „Mann des Jahrtausends“ dem Zugriff zu entziehen. Schuld daran ist die jahrhundertelange Überhöhung Gutenbergs zum einsamen deutschen Genie, betrogen um seine Erfindung durch den Kompagnon Johannes Fust, gestorben in bitterer Armut. Spätestens seit der großen Jubiläumstagung im Jahre 2000 steht die Forschung im Zeichen der Dekonstruktion dieser mächtigen Gründererzählung. Das aktuelle Gedenkjahr nahmen die Johannes-Gutenberg-Universität und ihr Institut für Geschichtliche Landeskunde zum Anlass für die Konferenz „Reviewing Gutenberg“, die unter der Leitung des Historikers Michael Matheus Bilanz zog und Perspektiven aufzeigte.

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Dass Gutenberg von Fust, mit dessen Krediten er von 1449 an in Mainz seine erste Druckerei errichtete, übervorteilt worden sei, gilt seit einem Jahrzehnt als widerlegt. Das Helmaspergersche Notariatsinstrument aus dem Jahr 1455 wird heute als Dokument der einvernehmlichen Auflösung einer Geschäftsbeziehung gelesen. Nach dem Bibeldruck war die Nachfrage offenbar groß genug für zwei Druckereien am Ort. Und Gutenbergs neue Offizin scheint in der Tat lukrativ gewirtschaftet zu haben. Außerdem gehörte das Geschlecht der Gensfleisch zum Mainzer Patriziat mit seinen vielen Privilegien, wie Heidrun Ochs vor Augen führte. Mit der Ernennung zum Hofmann durch Erzbischof Adolf II. von Nassau 1465 kamen noch Naturalleistungen und Steuerbefreiung hinzu. Verarmt dürfte Gutenberg nicht gestorben sein.

Mainz lag gar nicht hinter Frankfurt zurück

Als erkenntnisstiftend erweisen sich derzeit vor allem Netzwerkanalysen. So beruht die Meinung, Mainz sei im fünfzehnten Jahrhundert kunsthandwerkstechnisch weit hinter das benachbarte Frankfurt und erst recht hinter Straßburg, das „Silicon Valley der frühen Neuzeit“, zurückgefallen, wohl auch auf der unglücklichen Quellenlage. Regina Schäfer konnte mittels exemplarischer Nahaufnahmen familiärer Verflechtungen zeigen, dass Mainz großen Anteil an der schon erstaunlich arbeitsteilig über Stadtgrenzen hinweg organisierten Luxusproduktion – Gold, Tuch, Glas – hatte. Gutenberg und Fust waren auch als Mainzer Edelunternehmer keine Solitäre.

Der Mainzer Buchwissenschaftler Stephan Füssel hob ebenfalls auf den Aspekt von Teamwork ab. Bei der rasanten Ausbreitung des Buchdrucks – zunächst am Rhein entlang, dann bald über die Alpen – konnte Füssel zahlreiche Mitarbeiter (und Typensätze) aus Gutenbergs (und Fusts/Peter Schöffers) Werkstatt ausmachen. Das hatte Methode: Eine Branche erfand sich selbst. Noch einen Schritt weiter in Richtung konzertierte Aktion ging Matheus, denn neu entdeckte Quellen in römischen Archiven rücken den Buchdruck in engen Zusammenhang mit den Mainzer Universitätsgründungplänen.

Diese wurden nach der Stiftsfehde, einem durch die Erzbischofswahl 1459 ausgelösten Krieg um die Mainzer Kurwürde, maßgeblich von Adolf von Nassau und, das wäre neu, vom Domprediger Gabriel Biel vorangetrieben. Matheus kann sich gar vorstellen, dass die Ernennung Gutenbergs zum Hofmann durch den Nassauer den Grund hatte, eine Universitätsdruckerei vorzuhalten. In der Tat wurden der Hof zum Gutenberg und der Algesheimer Hof der 1477 eröffneten Universität zur Verfügung gestellt. Wurde also der bislang meist als Ingenieursleistung gewürdigte Buchdruck in Kirchenkreisen von Beginn an als Teil eines Bildungsaufbruchs verstanden?

Falsche Adresse?

Man kann sich auch immer noch traditionell biographisch mit Gutenberg beschäftigen, wie der Direktor des Stadtarchivs Mainz, Wolfgang Dobras, bewies. Er bezweifelte, dass Johannes Gensfleisch im Hof zum Gutenberg residiert und gedruckt habe, wie man seit Aloys Ruppel, dem legendären Direktor des Museums, immer wieder annahm, da ein lange nicht beachtetes Dokument diesen Hof im Jahre 1444 als Besitz des Grafen Otto von Pfalz-Mosbach ausweise. Dobras lokalisierte Gutenbergs Wohnung und Druckerei stattdessen im Mainzer Vorort Weisenau in unmittelbarer Nachbarschaft des heute nicht mehr existenten Stifts St. Viktor. Auch Gutenbergs Straßburger Wallfahrtsspiegel-Werkstatt habe schließlich bei einem Kloster vor der Stadt gelegen; zudem gehörte er der Bruderschaft St. Viktor an. Starke Indizien sind das freilich nicht.

Überhaupt könnte von dieser Tagung vor allem das Signal ausgehen, die erinnerungspolitische Fixierung auf Johannes Gutenberg zu überdenken, auch im Hinblick auf die Neuausrichtung des Museums. Mit gespitzten Ohren vernahm das Publikum die Ausführungen von Kai-Michael Sprenger zum Plan des Typographen Christian Heinrich Kleukens von 1930, Gutenberg mit einer gigantischen Pyramide inklusive eigenem Flughafen zu würdigen. Ein Baubund war bereits gegründet.

Auch Ruppels Mitarbeiter Adolf Tronnier zeigte sich angetan, votierte aber für ein gewaltiges Hochhaus in Letternform. Auf 160 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche sollte eines der weltgrößten Museen entstehen, eine ganz und gar kosmopolitisch gedachte Kultstätte des Wissens. Ob das megalomane Projekt je Wirklichkeit werden würde, war nicht entscheidend: Es war auch so ein Zeichen gegen den Geist der Zeit. Den Büchern Stummheit vorzuhalten, wie es heutige Zeitgeistverfechter tun, wäre diesen Idealisten wohl im Traum nicht eingefallen.

Quelle: F.A.Z.
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