Deutung eines Rätselbildes

Nie wieder Hütchenspiel!

Von Jürgen Müller
 - 12:18

Platon hat im Dialog „Der Staat“ die Malerei als bloße Scheinproduzentin denunziert. Diese Kritik findet sogar noch eine Steigerung, wenn die Künstler als „Gaukler“ verunglimpft werden, denen es gelinge, „Kinder und Toren“ zu täuschen. Schließlich wird die Malerei vollends vernichtet, wenn es heißt, sie selbst sei unedel, verkehre mit Unedlem und erzeuge bloß Unedles. Welcher Maler von Rang würde das auf sich sitzenlassen?

Schaut man auf Hieronymus Boschs Tafel „Der Gaukler“ aus dem Museé Municipal zu Saint Germain-en-Laye, so kann dieses Werk vor dem Hintergrund platonischer Skepsis als eine ironische Allegorie der Malerei betrachtet werden. Der Inhalt der Bilderzählung ist schnell wiedergegeben. Ein Gaukler fasziniert sein Publikum durch ein Hütchenspiel. Es ist der Moment unmittelbar vor dessen Beginn dargestellt. Der Betrüger hebt die Kugel empor, deren Ort im nächsten Moment durch seine schnellen Bewegungen nicht mehr sicher zu bestimmen ist.

Herr und Hund

Im Zentrum der Tafel befindet sich der Tisch, auf dem Becher und Utensilien stehen, die als Instrumente der Täuschung dienen. So erkennt man einen Zauberstab und zwei Kugeln. In Bezug auf das Publikum ist der Künstler offensichtlich darum bemüht, einen repräsentativen Querschnitt zu erstellen. Laien sind hier ebenso dargestellt wie Kleriker, Frauen finden sich neben Männern, und sogar ein Kind erkennt man auf der Tafel, dessen Windrädchen auf Fortuna verweist. Auf den ersten Blick ist dem Gaukler lediglich das kleine, vor ihm sitzende Hündchen zugeordnet. Mit seiner Verkleidung ist es lustig anzusehen, und seine Aufgabe besteht vermutlich darin, die Aufführung durch Kunststücke aufzulockern, wobei Kappe und Schellen an die Ikonographie des Narren erinnern.

Dem Hütchenspieler gegenüber steht ein vornübergebeugter Mann, dessen Augen sich auf Höhe der Kugel befinden, während aus seinem Mund der Kopf einer Kröte hervorlugt und eine zweite auf dem Tisch sitzt. Der hinter ihm stehende Dominikanermönch ist im Begriff, dem Mann dessen Geldbeutel zu stehlen. Scheinheilig blickt der Kleriker nach oben. Nahezu alle Personen wenden sich dem Hütchenspieler zu. Es ist der Augenblick allergrößter Spannung.

Die Kunst siegt über die Liebe

Unter den Schaulustigen befindet sich ein Liebespaar. Dabei ist die junge Frau von dem Geschehen so gebannt, dass sie die zärtliche Geste ihres Partners gar nicht zu bemerken scheint. In Bezug auf Boschs Vorbilder wurde auf die Tradition der Planetenkinder verwiesen und eine Zeichnung des Hausbuchmeisters als mögliches Vorbild benannt. Schon hier ist ein Hütchenspieler dargestellt, der im Begriff ist, sein Publikum zu verblüffen. Er repräsentiert das Wechselhafte und Unvorhersehbare der sublunaren Welt.

Die Tafel hat zahlreiche Deutungen erfahren. Sie wurde als Warnung an das einfache Volk erachtet, sich nicht von Trickbetrügern ausnehmen zu lassen. Auch wollte man das Bild als ein Frühwerk des Meisters identifizieren. Naturwissenschaftliche Untersuchungen hingegen sprechen für eine Entstehungszeit nach 1496. Heute wird es in der Regel in die Zeit um 1510 datiert und als eine frühe Kopie nach einem verlorengegangenen Original erachtet. Schon im sechzehnten Jahrhundert war die Eichentafel so berühmt, dass sie druckgraphische Reproduktionen und zahlreiche Kopien hervorgebracht hat. In der aktuellsten Deutung wird das Bild als Parodie einer Dämonenheilung verstanden.

Der Bettelmönch greift zu

Im Unterschied zu den bisherigen Deutungen sei im Folgenden stärker der kunsttheoretische Sachverhalt betont. Im selben Moment, in dem der Gaukler sein Publikum um Ruhe und Aufmerksamkeit bittet, hat der Dominikanermönch die Börse des vor ihm stehenden Mannes ergriffen. Deshalb wird man sich fragen müssen, ob nicht der Dominikanermönch mit seiner merkwürdigen Kopfbedeckung Teil eines abgekarteten Spiels ist, was übrigens auch für die in der Gruppe sichtbare Nonne zutrifft. Beide Personen beanspruchen durch ihre Kleidung eine geistliche Autorität, die durch die Handlung des Mönchs konterkariert wird. Sie stehen vermutlich im Bunde mit dem Hütchenspieler, der durch seine Tricks die Leute ablenkt, damit sie bestohlen werden können.

Im Zusammenhang der genannten Figuren stellt sich die Frage nach dem Ort des Geschehens. Der Künstler hat die Mauer hinter den Bildfiguren so hoch angeordnet, dass man weniger an den Innenhof eines profanen Gebäudes als vielmehr an den Innenraum einer ruinösen Kirche denkt, deren Dach nicht mehr vorhanden ist. Dafür spricht auch das Rundfenster in der Wand links.

Mit dieser Anmutung geht zugleich die Möglichkeit zu weiterer Ausdeutung einher. Der Tisch wäre dann als Altarmensa zu lesen und das Geschehen auf dem Tisch womöglich als Parodie des eucharistischen Geschehens. So eröffnet die Rahmenerzählung des betrügenden Gauklers eine in theologischer Hinsicht komische Pointe, die nach der Anwesenheit Christi in der Hostie fragen lässt. Einen blasphemischen Scherz legt der stehlende Dominikaner auch deshalb nahe, da just sein Orden für die Inquisition zuständig ist.

Was du nicht sofort siehst

Komisch ist zudem der Effekt eines Vexierbildes, das entsteht, wenn man die Tafel um 90 Grad auf die Seite dreht und in dem Tisch mit den darauf befindlichen Gegenständen ein Gesicht erkennt. Aus den Bechern werden Augen, der Zauberstab deutet die Nase an, und die auf dem Tisch sitzende kleine Kröte wird zum Mund. Dazu passt, dass sowohl das lateinische Wort „tabula“ als auch das niederländische „Tafel“ nicht nur den Tisch, sondern auch das Bild bezeichnen. Boschs Werk stellt eine Allegorie der Malerei dar. So wie der Gaukler auf dem Tisch seine Kunststücke vollführt, um etwas erscheinen oder verschwinden zu lassen, so arbeitet der Künstler auf der Fläche desselben an seinen Illusionen, wenn er diese zum Bild werden lässt. Wir haben es mit einer Visus-Allegorie zu tun.

Dazu passt, dass das Bild zu jener Gruppe von Werken des Künstlers gehört, die in extremer Weise den Konflikt von Raum und Fläche herausstellen. Die Figuren des Gauklers und seines Gegenübers haben etwas Scherenschnittartiges, wie auch die räumliche Konstruktion des Bildes insgesamt nicht überzeugend wirkt. Vergleicht man das Bild mit dem Illusionismus eines Jan van Eyck, so inszeniert der Maler willentlich einen Fiktionsbruch.

Es ist fast so, als würde er sein darstellerisches Vermögen unterbieten, seine Fähigkeit zur Illusion beschränken, indem er sichtbar den Konflikt von Raum und Fläche inszeniert. Besonders deutlich wird dies bei dem Reif, der dicht am Tisch lehnt und dessen Schatten nahelegt, er würde sich weiter entfernt und in weitaus schrägerer Lage befinden.

Der Maler lenkt uns ab

also leistet Boschs Gauklerbild im Verhältnis zur Tradition? Dem Künstler gelingt es, Betrug und Bild zu parallelisieren. Mehr noch, das Bild wird zur eigentlichen Bedingung des Betrugs. Bosch reflektiert und inszeniert die Möglichkeiten des Bildes im Sinne des Scheins. Sein Genrebild ist selbstreflexiv, Malerei über Malerei und ohne den platonischen Topos vom Maler als Gaukler nicht wirklich zu verstehen. Für seine Erzählung hat der Künstler eine kluge Dramaturgie gewählt. Es ist, als würde das Spiel schon im nächsten Augenblick beginnen. Offensichtlich hat der Maler durch seine Komposition Teil an diesem Komplott. Wie der Dominikaner auch ist er im Bunde mit dem Trickbetrüger. Seine Aufgabe besteht darin, uns abzulenken.

Mit dieser subversiven Ästhetik geht die Erkenntnis einher, dass Bilder mindestens ebenso sehr verbergen wie zeigen. So sei die fundamentale Neuartigkeit der Genremalerei im Unterschied zu klassischen Formen des Erzählens betont. Nicht dem rhetorischen Ideal der Claritas, sondern jenem der Obscuritas wird Folge geleistet. Die Komposition ist nicht Orientierungshilfe, sondern Ablenkungsmanöver. Der Künstler bestätigt die platonische Abwertung der Malerei. Doch anders als der Philosoph sich dies vorstellt, bringt sie dabei die Wahrheit ans Licht.

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Quelle: F.A.Z.
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