Historiker Peter Burke

Allesleser, Mitredner, Sprachwandler, Kurzfasser

Von Patrick Bahners
 - 12:40

Der Historiker Peter Burke ist ein unheimlich vielseitiger Autor. Sein bevorzugtes Medium ist die knappe Gesamtdarstellung, das täuschend schmale Buch über ein verteufelt großes Thema, das nicht am Beispiel einer Nation abgehandelt wird, sondern für ganz Europa: die Geschichte des Wissens, der Sprache, der Medien oder auch der Gebräuche und Meinungen der Leute, die keine höhere Schule besucht haben, der Gegenwelt zur Bücherweisheit („Popular Culture in Early Modern Europe“, 1978, in deutscher Übersetzung drei Jahre später: „Helden, Schurken und Narren: Europäische Volkskultur in der frühen Neuzeit“).

Burke kaschiert nicht, dass er die größten Teile seines Wissens aus zweiter Hand bezieht. In jungen Jahren, als Pionier des interdisziplinären Aufbruchs in der Gründerzeit der Reformuniversität von Sussex, spielte er sogar mit dem Gedanken, dass die Bedeutung von Quellen in der Geschichtswissenschaft überschätzt werde: Für einen Historiker der Hexenprozesse etwa sei die Kenntnis der Theorien von Soziologen und Anthropologen wichtiger als totale Akteneinsicht. Zu diesem Thema legte Burkes Oxforder Lehrer Keith Thomas, nur drei Jahre älter als er, 1971 mit „Religion and the Decline of Magic“ den Klassiker einer sozialwissenschaftlich kontrollierten Historiographie vor. Als junger Tutor soll Thomas den Geschichtsstudenten ihr Fach als Welt im krisenhaften Übergang beschrieben haben: Die Arbeit des Historikers sei gerade im Begriff, „schrecklich professionell“ zu werden. In einer Forscherrepublik der kleinarbeitsteiligen Überproduktivität erfüllt ein reisefreudiger Allesleser und methodischer Grenzgänger wie Peter Burke eine essentielle Funktion: Kartograph im Weltalter der beschleunigten Wissenskontinentalverschiebung.

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Es ergibt sich aus der Machart von Burkes Büchern, dass auch enthusiastische Rezensenten sich regelmäßig veranlasst sehen, kritische Anmerkungen zu machen, wenn die Verallgemeinerungen zu allgemein ausfallen oder die Beispiele zu speziell. Henry Kamen, ein Fachmann für die Geschichte Spaniens, zeigte sich in seiner Besprechung von Burkes Buch über die Volkskultur irritiert über die vielen originalsprachlichen Einsprengsel, darunter Zitate auf Katalanisch, Ungarisch und Polnisch – „Sprachen, von denen ich vermute, dass der Autor sie weder liest noch spricht“. Hier irrte der Kollege.

1979 folgte Burke einem Ruf nach Cambridge. Beim Vorstellungsgespräch fragte ihn Geoffrey Elton, der Tempelwächter der quellennahen Politikgeschichte, wie viele Sprachen er beherrsche. Ungefähr ein Dutzend. Eltons Muttersprache war Deutsch. Dem emigrierten Sohn des Alt-historikers Victor Ehrenberg wurde die Verfassungsgeschichte des Landes, das ihn aufnahm, zum Lebensthema. Burkes Großmutter mütterlicherseits war aus Lodz nach England eingewandert, der Großvater aus Wilna, schon in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, nach der ersten großen Pogromwelle im Zarenreich. Die Familie des Vaters lebte in Galway an der Westküste Irlands. Burke lernte im Studium Polnisch, weil er sich auf das siebzehnte Jahrhundert spezialisieren wollte. Ältestes Erbstück im Hause Burke ist die französische Grammatik der Großmutter, mit handschriftlicher Übersetzung der Beispielsätze ins Polnische. Während Elton seiner neuen Heimat auch mit der insularen Methodik des Politikhistorikers seine Reverenz erwies, hat der Multikulturhistoriker Burke alles geschrieben außer englischer Geschichte. Eine Ausnahme: die „Ethnographische Notiz über ein College in Cambridge“, die er 1987 unter Pseudonym in den „Actes de la recherche en sciences sociales“ publizierte, der Zeitschrift von Pierre Bourdieu.

Kamen postulierte 1979, dass es eine „europäische Volkskultur“ so wenig geben könne wie eine „europäische Familie“. Burke, der mit einer brasilianischen Fachkollegin verheiratet ist und mehr als zwölf Jahre Kolumnen für eine Zeitung in São Paulo schrieb, glaubt, dass er aus einer europäischen Familie stammt. Im Gespräch mit Alan Macfarlane, dem Anthropologen und Historiker der Ursprünge des englischen Individualismus, der ebenfalls ein Schüler von Keith Thomas ist und ein großes Oral-History-Archiv seines kollegialen Umfelds angelegt hat, sagte Burke: „Ich habe versucht, die beiden Paare meiner Großeltern zusammenzubringen, da sie vom westlichen und vom östlichen Rand Europas herkommen. Um eine ganze Person zu sein, muss ich Europa als ein Ganzes betrachten.“

Burkes Mutter und Vater lernten sich kennen, weil sie beide Deutsch lernten, in einem „Deutschen Verein“ in London. Die Mutter verbrachte 1930/31 ein Jahr in Berlin und kehrte nie wieder nach Deutschland zurück. Das Deutsche galt den beweglichsten Geistern einmal als Steigerungsform des Europäischen – auch das haben die Deutschen zerstört. Die Geschichte der wissenschaftlichen Emigration ist eines der jüngsten Großprojekte von Peter Burke. Wahrscheinlich sind von keinem Historiker seiner Generation so viele Bücher ins Deutsche übersetzt worden. An diesem Mittwoch wird er achtzig.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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