Klaus Heinrich zum Neunzigsten

Religionswissenschaft, die er sich selbst ausgedacht hatte

Von Jürgen Kaube
 - 13:09

Er hat die Freie Universität Berlin mitgegründet, 1948, als die Unter den Linden unfrei wurde. Da war Klaus Heinrich einundzwanzig. Mehr als vierzig Jahre lang hat er danach an ihr unterrichtet, ein Vierteljahrhundert auf einem Lehrstuhl, auf dem er aber nicht saß, und nicht von ihm herab. Sondern ohne Manuskript im Hörsaal auf- und abgehend, um eine nie endende Sequenz von druckreifer Nachdenklichkeit zu entfalten. In Klammern stand hinter manchen seiner Seminarankündigungen „Teil XXXII, Teil 1-31 nicht vorausgesetzt“. Er war eine Universität in der Universität, als Vortragender ein Modell ihrer selbst und für jene Einheit von Lehre und Forschung, die einmal gemeint war: dass einem durch Lehre Einsichten aufgehen.

Dem Namen seines Instituts nach unterrichtete Klaus Heinrich Religionswissenschaft. Aber es war eine, die er sich selbst ausgedacht hatte. Seine Vorlesungen handelten von Bildern der Renaissance, von den logischen Schlussformen und von Argumentationsmustern, von antiken und biblischen Heldenfiguren, von Architektur und von Träumen, von Witzen und Orgien und von Philosophie. Stoff, so hieß es einer seiner Vorlesungen, ist nie ein indifferentes Substrat. Er, der Stoff der Mythen, der Künste und Geschichten, sei immer Materie „aus der auch Sie gemacht sind, in die Sie von Anfang bis Ende verstrickt bleiben und die es ihnen zugleich ermöglicht, Verstrickung zu interpretieren, ohne Zuflucht zu einem abstrakten Selbst zu suchen.“

In zum Widerspruch einladender Gemeinschaft

Es gibt keine bessere Begründung dafür, sich mit Traditionen zu befassen: Wir sind, nolens volens, aus ihnen gemacht. Als eine solche Verstrickungsdeutungskunde hat Heinrich seine Tätigkeit verstanden. Ob deren Leitfaden hält, die Religion sei das Verdrängte der Philosophie und das Triebleben des endlichen Körpers samt seines Bewusstseins wiederum Zentrum der Religion, kann dahingestellt bleiben. Heinrichs Vorlesungen zogen nicht in erster Linie durch ihre Thesen an, sondern durch ihre augenöffnenden Analysen von Werken, Versen, Sätzen, sowie die Verkörperung des Bildungssinns durch den Vortragenden: etwas mit Gedanken an Stoffen ausrichten. Und zwar gemeinsam ausrichten.

Einer der liebsten Begriffe blieb Heinrich stets der des Bündnisses. Seine Jugend war eine im Nationalsozialismus, mit fünfzehn war der Flakhelfer als Wehrkraftzersetzer angeklagt worden. Gegen den verlogenen Kollektivismus stand die zum Widerspruch einladende Gemeinschaft der Lernenden und Lehrenden, um die es ihm zu tun war. Wer sie nicht erlebt hat, ist aber nicht auf die Nostalgie der Zeitzeugen angewiesen, sondern kann die Bildungsgänge von Klaus Heinrich in den Mitschriften seiner Vorlesungen nachvollziehen. Die liegen zwar unverständlicherweise auch 35 Jahre nach dem ersten Band noch nicht vollständig vor; in einem Land, das jede akademische Mode als Sonderforschungsbereich einrichtet, ein Skandal. Doch was vorliegt, genügt andererseits für ein ganzes Selbststudium. Klaus Heinrich wird an diesem Samstag neunzig Jahre alt. Wir haben zu danken.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
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