Erzählen vom Ruhrbergbau

Glück auf, der Dichter kommt!

Von Andreas Rossmann
 - 23:33

Die Geschichtsschreibung hat Schritt gehalten. Keine Industrie in Deutschland ist so intensiv erforscht worden wie der Bergbau im Ruhrgebiet. Schon früh wurden Gesamtdarstellungen über die Region veröffentlicht, die davor kaum mehr als öde Heide war, zu jeder Zeche sind Unternehmensgeschichten erschienen, Arbeits- und Lebensverhältnisse, Strukturkrisen und Rationalisierungen wurden untersucht, nur wenige Bereiche wie die Betriebsführungsgesellschaften oder auch das Brauchtum kamen zu kurz oder wurden vernachlässigt; und jetzt, da die Steinkohlenförderung zum Jahresende eingestellt wird, erlebt die akademische Beschäftigung noch einmal einen Höhepunkt. Was bleibt, so der Historiker Stefan Goch, der diese Bilanz zieht, sind „eine grandiose Geschichte und grandiose Geschichten“.

Die Gründe dafür, so der Leiter des Instituts für Stadtgeschichte in Gelsenkirchen, sind vielfältig: Der Bergmann sei der Prototyp des Industriearbeiters, der mit muskulösen Armen und nacktem Oberkörper starke Bilder liefere und eine kämpferische Militanz an den Tag lege; auch habe sich das Revier den Ruf besonderer Radikalität erarbeitet, welche die Mächtigen das Fürchten lehren könne. Der einschlägige Beleg dafür greift mehr als ein halbes Jahrhundert zurück: „Wenn es an der Ruhr brennt, hat der Rhein nicht genügend Wasser, das Feuer zu löschen.“ So gab sich der revierfremde Ostpreuße Rainer Barzel im Landtagswahlkampf 1966 beunruhigt.

Der Pionier Klaus Tenfelde

Schließlich verwies Goch auf biographische Verbindungen und Strukturanalogien: „Es gibt die Bergbaugemeinschaft und die Gemeinschaft der Bergbauhistoriker“, zitierte er seinen Kollegen Klaus Tenfelde (1944 bis 2011), der im Bergwerk eine Lehre gemacht, ein Jahr als Knappe gearbeitet und, nach nachgeholtem Abitur und Studium, bis kurz vor seinem Tod das Haus der Geschichte des Ruhrgebiets in Bochum geleitet hat. Der personifizierte Strukturwandel.

Die sozialwissenschaftliche Bestandsaufnahme stand am Anfang einer Tagung, die, veranstaltet vom Fritz-Hüser-Institut im Westfälischen Industriemuseum Zeche Zollern in Dortmund, Lyrik und Prosa zwischen Flöz und Förderturm in den kritischen Blick nahm: „Leben in der Arbeitslandschaft. Narrationen des Ruhrbergbaus“. Dass Wesentliches dazu schon beobachtet und beschrieben wurde, stellte Arnold Maxwill, der das Programm konzipiert hatte, gleich in der Einführung fest und sah das auch dadurch bestätigt, dass auf seinen Call for Papers kein einziger Beitrag eingegangen war, der sich einem „klassischen“ Bergbauschriftsteller gewidmet hätte. Selbst seine Versuche, dies nachträglich zumindest für die Romane Max von der Grüns oder das Werk von Hans Marchwitza aufzufangen, seien kläglich gescheitert. „Die Literatur von Wohlgemuth & Co.“, so sein vorweggenommenes Fazit, „spricht ganz offensichtlich nicht mehr.“

Chronik eines angekündigten Todes

Sie dennoch zum Sprechen zu bringen – dafür gibt es in diesem Jahr finanzielle Anreize. Das Ruhrgebiet feiert den Abschied von der Kohle, mit der Stilllegung der letzten Zeche, Prosper Haniel in Bottrop, geht der Bergbau in Deutschland zur Neige, das Zeitalter der großen Industrie läuft aus, und die RAG-Stiftung, die 2007 gegründet wurde, um den Übergang sozialverträglich abzufedern und die „Ewigkeitskosten“ zu tragen, stellt knapp fünfzehn Millionen Euro für ein Veranstaltungsprogramm bereit, dessen „Glückauf Zukunft!“ auf Zuversicht stimmt: Ausstellungen und Aufführungen, Kunst und Konzerte, Projekte und Podien, Lesungen und Tagungen, auch Sport und Folklore stehen auf dem Kalender. Subventionierte Erinnerung an eine Industrie, die schon seit sechzig Jahren auf dem Rückzug ist und von der Prosper Haniel nur der letzte Nachzügler ist. Ein Ende, das, lange vorbereitet, vor allem symbolische Bedeutung hat.

Der Abgesang auf die Bergarbeiterliteratur liegt denn auch schon länger zurück. Dirk Hallenberger (Essen) markierte ihren Endpunkt mit einer Anthologie von Walter Köpping, „100 Jahre Bergarbeiter-Dichtung“ (1982), einer schwergewichtigen „Bibel“ mit Standardwerk-Anspruch, doch bleibe das Ruhrgebiet in den meisten Beiträgen nur Hintergrund, die „Zechen ohne Namen, ohne Ort, ohne Konkretion“. Ähnlich ernüchternd fiel der Rückblick von Uwe-K. Ketelsen (Bochum) auf die „Gruppe 61“ aus, deren Prosastücke thematisch mit dem Bergbau und formal mit der Krise wenig zu tun hätten; dem Gedicht „Zechensterben“ von Josef Büscher etwa sei nirgends zu entnehmen, warum das Werk geschlossen wird. Und Joachim Wittkowski (Bochum) konnte in seiner Sichtung „lyrischer Bilder vom Wandel und seinen Folgen“ lange kein Gedicht zu Heimat und Identität anführen, das formalästhetischen Kriterien genügt. Erst nach 1970 werde das anders und, oft trotzig, ein neues Heimatgefühl artikuliert – wie etwa von Ilse Kibgis („Meine Stadt“) oder von Herbert Grönemeyer in seinem lyrischen Bekenntnis „Bochum“.

Die Außenansichten dringen tiefer

Sowenig es die literarische Binnensicht mit den sozialwissenschaftlichen Narrationen aufnehmen kann, so pointiert und poetisch weisen Außenansichten der „schwarzen Provinz“ (Bernard von Brentano) über diese hinaus. Drei prononcierte Stimmen stammen, kaum zufällig, aus der Weimarer Republik, als das Ruhrgebiet, spätestens seit der Besetzung 1923, ein beliebtes Sujet der Reportage wurde. Jens Wietschorke (München) führte aus, wie der baltische Adlige Alexander Graf Stenbock-Fermor in seinen auf der Zeche Friedrich Thyssen in Duisburg-Hamborn gesammelten „Erlebnissen eines Bergarbeiters“ (1928) neue Techniken der Authentifizierung nutzt, über die er seine Erfahrungen retrospektiv mit Bedeutung auflädt, und sich als freier Schriftsteller in Stellung bringt.

Die digitale F.A.Z. PLUS
Die digitale F.A.Z. PLUS

Die F.A.Z. stets aktuell, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken.

Mehr erfahren

Dirk Niefanger (Erlangen) legte dar, wie Joseph Roth in seinen „nächtlichen Erkundungen“ des Ruhrgebiets auf klassische Topoi der Großstadt und typische Wahrnehmungsmuster der Arbeitswelt rekurriert und zugleich deren eigenständige Literarisierung versucht. Und Rainer Schlautmann (Oberhausen) machte „Schwarzes Revier“ (1930) von Heinrich Hauser als erstes Fotobuch zum industrialisierten Ruhrgebiet aus, in dem der Autor deformierte Menschen in einer verwüsteten Landschaft inszeniert.

Die avancierte Doppelstrategie Hausers, eine Pioniertat, an deren Wechselspiel und Dynamik bis heute wenig heranreicht, verweist auf einen Paragone, der, auch wenn er in „Schwarzes Revier“ so eindeutig nicht ausfällt, für das Ruhrgebiet entschieden scheint: Nicht die Literatur, sondern die Fotografie, deren Erfindung mit dem Aufstieg der Schwerindustrie zusammenfällt, ist hier das künstlerische Leitmedium mit den größten Leistungen. Noch aber ist beider Verhältnis nicht ausgeleuchtet. Thema einer künftigen Tagung?

Quelle: F.A.Z.
Andreas Rossmann
Redakteur im Feuilleton.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenRuhrgebietBochumDeutschlandRuhr