Der Siebenjährige Krieg

Eine Maria Theresia lässt sich nicht herumstoßen

Von Andreas Kilb
 - 16:17

Geschichte ist ein Puzzle, eine Planskizze oder ein Gemälde. Je nachdem, für welche Darstellungsart man sich entscheidet, entsteht ein anderes Bild. Die Mikrogeschichte trägt ein Puzzlestück nach dem anderen zusammen – Geschichten von Dörfern, Landschaften, Produkten, Metiers –, ohne dass die Lücken zwischen den Teilchen geringer würden. Die Makrogeschichte zeigt die Strukturen der longue durée in Zeit und Raum, ohne oft genau erklären zu können, warum sie sich verändern.

Am vielversprechendsten ist immer noch die klassische erzählende Darstellung. Aber auch sie bewegt sich in dem Spannungsfeld, das Georg Simmel 1916 in seinem Essay zum „Problem der historischen Zeit“ beschrieben hat. Geht sie zu nah an ihre Gegenstände heran, verliert sie ihre Kohärenz. Entfernt sie sich zu weit von ihnen, wird sie zum bloßen Begriffsgeschiebe.

Georg Simmels Beispiel

Als Beispiel nahm Simmel, gut borussisch, die Schlacht bei Kunersdorf: Eine beliebige Melée zwischen preußischen und österreichischen Grenadieren sei ein Muster ohne Wert, da sie auch irgendwo anders, bei Leuthen oder Liegnitz, hätte stattfinden können. Der Begriff „Schlacht bei Kunersdorf“ wiederum bleibe abstrakt, wenn er nicht mit Anschauung, also Attacken und Handgemenge, gefüllt werde. Aus dieser „tiefen Antinomie der Historik“ führt bei Simmel die Tatsache heraus, dass auch die Geschichtsschreibung selbst „eine Form des Lebens“, mithin ebenfalls historisch ist. Ihr Stoff ist nie zu Ende gemalt. Es sei denn, niemand mehr nimmt den Pinsel zur Hand.

Simmels Aufsatz, den der Göttinger Historiker Marian Füssel in seinem Eröffnungsvortrag zu einem Kolloquium über „Mikro- und Makroperspektiven“ auf den Siebenjährigen Krieg am Historischen Kolleg in München referierte, benennt ein Dilemma, das schon den Zeitgenossen Friedrichs des Großen bekannt war. In London erschienen schon kurz nach dem Ende des Krieges populäre Gesamtdarstellungen mit Betonung der britisch-französisch-spanischen Kolonialkonflikte.

Hundertfach ergänztes Bild

Zur gleichen Zeit verfasste der preußische König seine eigene, stark eurozentrische Kriegserzählung, die vor allem an die anderen Höfe in Europa adressiert war. Das erste Stück Mikrohistorie erschien 1789 mit Ulrich Bräkers Lebenserinnerungen vom „Armen Mann in Toggenburg“, die erste Monographie zwei Jahre später mit der „Geschichte des siebenjährigen Krieges in Deutschland“ von Johann Wilhelm von Archenholz.

Heutige Historiker haben es schwerer. Das Bild, an dem sie malen, ist schon hundertfach ergänzt und restauriert. Gleichwohl finden sich immer wieder leere Flecken, zum Teil an den erstaunlichsten Stellen. So zitierte Tim Neu (Bochum) einen Brandbrief von Abraham Mortier, dem Heereszahlmeister für die britischen Truppen in Nordamerika, aus dem Jahr 1759. Seine Kasse, schrieb Mortier, sei pleite, weil aus London kein Geld mehr eintreffe. Die Rotröcke wurde dennoch weiter bezahlt, weil ihr Zahlmeister mit der Kolonie New York einen Kreditvertrag abschloss.

Das englische Defizit

Die Kolonie gab ihm Papiergeld, für das sie von Mortier Wechsel empfing, die der Generalzahlmeister in London einlöste. Die Heeresversorgung wurde so zum Bestandteil der öffentlichen Kreditaufnahme. Bis 1763 wuchs das englische Defizit auf 133 Millionen Pfund. Die Nachfrage nach Staatsanleihen blieb dennoch groß, da die militärischen Erfolge in Übersee den Handel belebten. Der Markt finanzierte den Krieg, während die auf private Finanziers gestützte französische Kriegswirtschaft zusammenbrach.

Eine andere Form der Bewirtschaftung des Krieges war die Ausbeutung besetzter Gebiete. Preußen und Österreich richteten dafür eigene Verwaltungen ein, ohne die Kontributionen über das in Friedenszeiten übliche Steueraufkommen hinaus steigern zu können (Horst Carl, Gießen). Oft kamen sich, wie im preußisch okkupierten Sachsen, Zivil- und Militärverwaltung in die Quere. In der jungen preußischen Provinz Schlesien hing die Kontrolle des Landes vom Besitz einiger Schlüsselfestungen ab, die im Lauf des Krieges mehrfach den Besitzer wechselten (Daniel Hohrath, Ingolstadt)

Der Erfolg einer Belagerung hing dabei weniger von der Truppenstärke als von der Qualität der Belagerungsingenieure ab, deren Expertise im friderizianischen wie im habsburgischen Heer allerdings fragwürdig war. Die Erstürmung von Schweidnitz durch Laudon in der Nacht zum 1. Oktober 1761 zeigte, dass die Österreicher auch im Festungskrieg manchmal schneller schossen als die Preußen.

Überraschung in Québec

Ein Überraschungsschlag war auch die britische Einnahme von Québec nach der Schlacht auf der Abrahamsebene am 13. September 1759. Die Historiker sind sich uneins, ob die Entscheidung des britischen Befehlshabers Wolfe, mit seinen Truppen am Steilufer westlich der Stadt zu landen und sich in der Ebene vor den Mauern in Schlachtordnung aufzustellen, ein Genie- oder ein Verzweiflungsstreich war, Fest steht, dass der französische General Montcalm die „Aufforderung zum Duell“ (Sven Externbrink, Heidelberg) annahm, statt sich zu verschanzen, wie es die militärische Logik gebot.

Das eigentliche Gefecht dauerte eine Viertelstunde; das britische Salvenfeuer zerschlug die feindlichen Kolonnen. Drei Monate später machte der Seesieg der Royal Navy bei Quiberon alle Rückeroberungsversuche der Franzosen zunichte.

Die Regierung in London hatte keinen Masterplan für das Empire, das so entstand. In Europa war die Sicherung des Rheinhandels das wichtigste Ziel; die besetzten Karibikinseln dienten als Verhandlungsmasse (Stephen Conway, London). Im vorletzten Kriegsjahr hatten die spanischen Bourbonen den Briten den Gefallen getan, an der Seite ihrer französischen Verwandten in den Konflikt einzutreten. London reagierte, indem es eine Invasionsflotte nach Kuba, eine weitere auf die Philippinen schickte.

Die Saat des Freihandels

Beide waren erfolgreich, Erstere auch deshalb, weil die tropische Regensaison verspätet einsetzte (Thomas Waller, Mainz), so dass die Belagerer Havannas vom Gelbfieber lange verschont blieben. Am 13. August 1762 fiel die Stadt. Ein Jahr später war von den siegreichen Briten nur noch die Hälfte am Leben. Im Friedensvertrag von Paris fiel Kuba an Spanien zurück. Die Saat des Freihandels, die die Besatzer hinterlassen hatten, ging dennoch auf. Afrikanische Sklaven wurden zu Dumpingpreisen eingeführt, die Plantagenwirtschaft blühte. Binnen weniger Jahre wurde Kuba zum größten Zuckerproduzenten der Welt.

Dem Grafen Kaunitz, der das Viermächtebündnis gegen Preußen eingefädelt hatte, konnte das egal sein. Die Makroperspektive des österreichischen Staatskanzlers war die Wiedergewinnung Schlesiens. Dass er das Zarenreich für eine „force auxiliaire“ und die russischen Ansprüche auf Ostpreußen für nachrangig hielt, sollte sich bei Kriegsende rächen (Lothar Schilling, Augsburg).

Nach dem Zerbrechen der antipreußischen Allianz blieb Kaunitz dennoch im Amt. Denn Maria Theresia, seine Dienstherrin, hatte die Kaunitzsche Doktrin längst zu ihrer eigenen gemacht, wie Barbara Stollberg-Rilinger in ihrem Abendvortrag hervorhob. Mit Gedenk-, Segens- und Siegesmessen stilisierte sich die Kaiserin zur Vorkämpferin des rechten Glaubens und der alten Reichsidee gegen die preußische Schlange. Den Zeitungskrieg im Reich gewannen dennoch die Preußen. Dafür stärkten Kaunitz’ Reformen und Maria Theresias Popularität den inneren Zusammenhalt des Habsburgerreiches.

Die Geschichtswissenschaft, meinte Simmel, solle darauf verzichten, ständig neue „Geschehensatome“ in unser Bild der Ereignisse einzufügen, denn diese enthielten ein zu geringes „Quantum eigenen Sinnes“. Aber diese Atomisierung ist auch gar kein Forschungsziel mehr. Vielmehr geht es darum, scheinbar bekannte Puzzleteile gegen das Licht zu halten, das von anderen Partikeln her auf sie fällt. So entsteht, in München und anderswo, immer wieder neuer Sinn.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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