Habermas über Wehler

Stimme einer Generation

Von Jürgen Habermas
 - 16:44

So plötzlich, wie mich die schockierende Nachricht erreicht, so dramatisch hat ihn, Hans-Ulrich Wehler, der Tod ereilt. Er hatte den Schreibtisch nur für einen kurzen Gang in die Stadt verlassen wollen, er fühlte sich wohl, war wie immer voller Pläne - alles wie gewohnt. Dann der Überfall der Schmerzen, die Ambulanz, die Notoperation, die ihn aus der Narkose nicht mehr erwachen ließ. Noch in der Dramatik des unerwarteten Todes spiegelt sich die unermüdliche Vitalität eines kämpferischen Lebens, das von dem Impuls zehrte, Grenzen der Belastbarkeit auszutesten.

Andererseits bildet diese Dynamik der Ereignisse einen eigentümlichen Kontrast zu den langen Rhythmen der wissenschaftlichen Arbeit - zur zähen Ausdauer, zu der unvergleichlichen Konzentrationskraft und dem Durchhaltevermögen eines Gelehrten, der über die Jahrzehnte ein einziges großes Projekt verfolgt hat. Und nicht irgendeines.

Ich erinnere mich des Respekts, mit dem wir im ersten oder zweiten Semester den Quellentexten des deutschen Mittelalters begegnet sind, den Monumenta Germaniae Historica, ein beinahe andächtiger Respekt vor den Leistungen der positivistischen Geschichtswissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts.

Ein Größe der deutschen Mentalitätsgeschichte

Ein Monument ganz anderer Art bilden die fünf Bände der „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ von Hans-Ulrich Wehler. Diese Sequenz flößt eine andere Art von Respekt ein, nämlich den vor der beispiellosen Arbeitsleistung und konstruktiven Kraft eines Einzelnen. Hier ist durch den synoptischen Blick eines einzelnen, handschriftlich arbeitenden Geistes ein atemberaubender Reichtum an Daten und Literatur verarbeitet und zu einer großartigen Komposition zusammengefügt worden - und zwar eine solche Fülle, wie sie heute nur noch durch die computergestützte Kooperation ganzer Institutsmannschaften bewältigt werden kann.

Aus der inzwischen ins Globale erweiterten Perspektive der Geisteswissenschaften mag dieses einzigartige Werk das Ende einer stolzen Tradition nationalgeschichtlicher Forschung markieren. Aber ein solches Urteil würde den Aspekt vernachlässigen, unter dem Wehlers Werk einen innovativ-folgenreichen Wechsel der Methode vollzogen und deren Fruchtbarkeit demonstriert hat. Seine prononcierte Hinwendung zur Sozialgeschichte, also die aufklärende Einbettung der politischen und kulturellen Geschichte in ökonomische und gesellschaftliche Kontexte, hat Hans-Ulricht Wehler zu einem der international anerkanntesten und einflussreichsten deutschen Historiker gemacht. Zugleich hat er damit eine nachhaltige Bedeutung für die Mentalitätsgeschichte der alten Bundesrepublik gewonnen.

Ein loyaler, unvergesslicher Freund

Selten haben ein Methodenwechsel und die Entstehung einer entsprechenden akademischen Schule, weit über die Grenzen des akademischen Faches hinaus, eine solche subkutane Breitenwirkung entfaltet. Im Einklang mit dem Zeitgeist haben beide zur Entblätterung jener falschen Kontinuitäten beigetragen, von denen sich das politische Selbstverständnis des Landes erst im Laufe jahrzehntelanger Kontroversen freigemacht hat. Aber nicht nur als Historiker war Hans-Ulrich Wehler eine führende Stimme seiner Generation.

Er hat nicht nur seine Nationalgeschichte, einen gewichtigen Band nach dem anderen, bis in die aktuelle Gegenwart hinein vorangetrieben. In der Rolle des parteinehmenden Zeitgenossen hat er die politische Zeitgeschichte fortlaufend kommentiert. Bis in die letzten Tage beschäftigten ihn die Veröffentlichungen seiner akademischen Kollegen zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges - und der geschichtspolitische Gebrauch, den die offiziellen politischen Verlautbarungen und Veranstaltungen davon machen.

Der Öffentlichkeit hat sich der streitbare Charakter eines großen Gelehrten und eines entschieden, aber stets gut informiert und mit guten Gründen urteilenden Intellektuellen eingeprägt. Seine Freunde verlieren einen inspirierenden und überaus wachen, einen loyalen, einen unvergesslichen Freund.

Quelle: F.A.Z.
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