
Grand Street, Lower Eastside, New York. Dumpfbraune Sozialbauten aus den vierziger und fünfziger Jahren. Pfandleiher, Reinigung, Moishe’s Kosher Bakery. Hier lebt er also, der Kulturkritiker Amerikas mit der größten Autorität. Der weltbeste Theorie-DJ und Diskurssampler, beschlagen in allen Ismen, interessiert an allen gesellschaftlichen und ästhetischen Fragen, mit Veröffentlichungen zu HipHop und Epikur, Reality-TV und Marcuse; Herausgeber der von Popintelligenz und Höhenkamm-Feuilleton gleichermaßen geschätzten Literaturzeitschrtift „N+1“ und Chronist der „Occupy“-Bewegung: Mark Greif.
Vom heutigen Mittwoch an tourt er durch Deutschland, Suhrkamp hat in Windeseile alle seine Bücher verlegt, auf seiner Lesereise wird er das „Hipster“- Buch vorstellen. Der Hipster, das ist der urbane, popkulturell versierte Zeitgenosse zwischen zwanzig und vierzig, dem man, zumindest aus ideologiekritischer Sicht, die üblen Seiten der Gentrifizierung verdankt (Monokultur, Modeprimat, Mietwucher); der sich mit Architektur und Kunst beschäftigt und alles ganz ironisch meint, auch seine politische Haltung. Die ist irgendwie links, aber nur so lange, wie die Konsumgewohnheiten nicht gestört werden. Der Hipster war erst ein amerikanisches Phänomen, jetzt ist er eine globale Hassfigur. Keiner will ein Hipster sein, aber in Berlin-Mitte oder im Hamburger Karoviertel wohnen, das ist schon in Ordnung. Besuchen wir ihn also, den Denker des Hipstertums, für eine Aufklärung an Ort und Stelle.
Treffen im Zafi’s, 500 Grand Street. Amerikanischer Diner im Schlauchformat, blaue Resopaltische, ein verwitterter Weihnachtsbaum auf dem Tresen, ein Greis ordnet Tabletten. Wir wollen verstehen, wie sich Stadtteile derart verändern, dass dort am Anfang Arbeiter wohnen, wo später Intellektuelle ihre Designerturnschuhe kaufen, um dann noch später in genau diesen Turnschuhen zur Wall Street zu laufen und für Umverteilung Randale zu machen.
Greif ist aus Toronto angereist, hauptberuflich arbeitet er als Literaturdozent an der New Yorker New School, einer renommierten Privatuni. Er hat ein Freisemester und will ein Buch schreiben, Arbeitstitel „Gegen Training“. Das Zafi’s ist eine lifestylefreie Zone. Es gibt Omelett, das nach Fisch schmeckt, und French Toast, der so zäh ist wie ein Schuhkarton. Greifs Großeltern lebten in diesem Stadtteil, er selbst ist in Boston aufgewachsen und fürs Studium wieder hergezogen. „Meine Großmutter kam immer hierher und beschwerte sich über die Schnatterliesen, die ,yenta’, wie es auf Jiddisch heißt.“ Greif liebt diesen Stadtteil, die Kultur, das Sprechen darüber. Er ist ein Nostalgiker, aber nicht im Retro-Stil. Das Alte ist ihm wichtig, nicht weil darin die Utopien von gestern in ästhetisierter Form konsumierbar geworden sind, sondern weil es ein Zeichen der Erinnerung darstellt. Und eine Form des Widerstands: „Kein Architekt schafft es, aus diesen Klötzen schicke Apartments zu machen“, sagt er fast stolz und zeigt auf die düsteren Gewerkschaftsbauten.
Wir gehen weiter in Richtung Norden. Broome Street, noch mehr Pfandleiher, Friseure, Diners, die Infrastruktur der Unterschicht. Vorbei an den Henry Street Settlements, Wohnbunker für die Mittellosen, die Szene einer Polizeiserie aus den Siebzigern. „Als Jugendlicher fand ich es cool hier“, sagt Greif, „aber mein Vater wurde dann ärgerlich. Die Armut zu romantisieren, das fand er schäbig.“ Armut als Stil: Das ist eine typische Hipster-Idee. Baseballmützen im Truckerstil, Vollbart, dazu Bier und Schrammelrock. Mit dieser Kleidung fiel der Hipster in den späten neunziger Jahren in sozial schwache Stadtteile ein, wo Migranten lebten und ein paar Künstler von billigen Mieten profitierten. Die Stadtteile wurden schick, ein Lebensstil etablierte sich, das funktionierte in Berlin und Hamburg wie in New York. Nach den Hipstern kamen die Makler und dann die Boutiquen. Die Mietpreise stiegen. Die Hipster zogen weiter, oder sie blieben - allerdings als Vertreter einer bürgerlich konsolidierten oberen Mittelschicht. „Was mich an den Hipstern verärgert“, legt Greif dar, „ist, dass Kleinunternehmen, wie man sie von Punk-Rock-Labels und kleinen Galerien her kannte, auf einmal mit Marketing aufgeblasen werden. Am Ende hat man den 400-Dollar-Turnschuh-Laden.“
„Alife“-Sneaker zum Beispiel. „Gegründet 1999“ steht über der Tür des Geschäfts, dazu das Motto: „Die Quelle der Kunst liegt im Leben der Menschen.“ Greif schaut grimmig: „Ich hasse das! Als würden sie Folk Art verkaufen.“ Die Mobilmachung von Verkaufsinteressen mit Kunstattitüden wird uns jetzt immer öfter begegnen, wir bewegen uns in Hipster-Territorium. Delancey Street, Rivington Street, immer noch Sozialbauten, aber auch die ersten schicken Apartmenthäuser. Greif betrachtet die Fassaden wie ein Fremdenführer, auf dessen Route plötzlich merkwürdige Kulissen auftauchen. Die alten Läden sind noch da, aber aufgehübscht mit postmodernem Glanz.
Greif bleibt vor einem Restaurant stehen. „Das Schiller’s hasse ich am meisten!“ Der heitere Cicerone hat sich in einen zornigen jungen Mann verwandelt. „Die Disney Version des Ratner’s! Das war ein jüdisch koscherer Laden, in dem die Nachbarschaft zu Mittag aß. Und jetzt? Ein Simulakrum!“
Die Simulakren, die Verwischungen von Echtem und Fingiertem, sollen bloß in der Theorie bleiben. Greif, der Poptheoretiker, unterscheidet durchaus zwischen den Sphären. Die Anführungszeichen, mit denen man jede Haltung, auch die reaktionäre oder naive, als künstlerisch legitimieren kann, lehnt er ab. „Sosehr ich Warhol schätze, ich denke, es wäre besser, er hätte nicht existiert. Man sollte hart arbeiten, bevor man eine Duchamp-Ehrenmedaille bekommt, die es einem erlaubt, Urinale zu signieren. Das Problem liegt bei den Leuten, die auf destruktive Weise polemisch sind. Ein in Formaldehyd eingelegter Hai macht nicht den Rest der Kunst überflüssig.“ Weiter in Richtung Orchard Street, ins Epizentrum der Boheme. Dort liegt Greifs Lieblingscafé. Das „88“ sieht aus wie ein Starbuck’s, das sich Noam Chomsky ausgedacht hat. Alles politisch korrekt und dabei gestylt bis in den letzten Winkel. An den Wänden schwarzweiße Fotoszenen aus New York, auf den Sitzbänken bedruckte Kissen im Landhausstil. Es gibt Zuccini-Strawberry-Cream-Cheese-Tarte und Espresso aus nachhaltigem Anbau. Ein Hipster-Laden? „Ja“, sagt Mark Greif und lacht wie jemand, der sich über die eigenen Scherze freut. „Ein Cappuccino, schöne Menschen und Marcuse lesen, so mache ich das hier.“
Wir klemmen uns an einen der winzigen Tische im Keller, neben uns Mittzwanziger mit Kopfhörern und Laptop. Totale Abschottung bei gleichzeitig maximaler Vernetzung: das Lebensideal einer Generation, die man als Post-Hipster bezeichnen könnte. Alles kennen, alles wissen, immer im Netz unterwegs auf der Suche nach Informationen, Trends, Ideen. Und angetrieben vom Verlangen, Ziele zu haben und nicht nur Studiengebühren abstottern und einem Arbeitsplatz mit Krankenversicherung hinterher hecheln. Occupy ist so eine Idee, auf die man sich hier einigen kann. Restriktionen für Banken, mehr Steuern für die Reichen, Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, Transparenz bei Wahlkampfspenden: vier Punkte, die allen einleuchten, auch den sogenannten Digital Natives. Gerade sie können nicht mehr davon ausgehen, dass ihr Collegeabschluss zum Anstellungsverhältnis führt. Wenn man sie so vor ihren Rechnern sitzen sieht, twitternd, chattend und mailend, dann wird es augenfällig: Occupy ist für sie die angemessene Demonstrationskultur. Im Zuccotti-Park zeigten sie der Welt, dass sie alle Kniffe der optischen Präsentation beherrschen, die man mit der Werbung verbindet. Social Media und allgegenwärtige Fotografie gehörten zum Alltag. „Die gegenseitige Aufzeichnung war ganz natürlich“, sagt Greif mit einer Mischung aus Vaterstolz und Faszination. „Deshalb konnte Occupy überhaupt mithalten in der gegenwärtigen Medienlandschaft. Jeder war der Regisseur des eigenen Images, es gab ein erstaunliches Maß an Stil.“
Gibt es sie also doch, die gute Postmoderne, die nicht alles gleichmacht unter dem Titel Ironie? Die an politische Traditionen anknüpfen kann oder vielleicht sogar neue begründen? Wir machen uns auf in Richtung Finanzdistrikt, laufen in Richtung Norden. Orchard Street, Canal Street, einen Steinwurf entfernt residierte der „Forverts“. Vor dem Gebäude der legendären jüdischen Tageszeitung kamen in den dreißiger Jahren Trotzkisten und Kommunisten als feindliche Brüder zusammen und hielten Reden auf Seifenkisten. „Und heute sind die Verrückten im Zuccotti-Park!“ Greif ist ein glücklicher Anarchist. Wir sitzen im Bus, fahren durch China Town, auch so ein Viertel, das sich gegen die Hipsterisierung stemmt. Bislang sind die Einwanderer-Gemeinschaften noch zu dicht - oder soll man sagen zu intakt? -, als dass weiße Vorortschickis hier ihre Kreativspielplätze einrichten könnten.
Teile der Park Row, der nördlichen Zufahrtsstraßen zur Wall Street, sind für Fußgänger immer noch gesperrt.
Wir befinden uns in der Traumazone, 9/11-Gebiet. Die Uniformdichte schnellt nach oben, schwer bewaffnete Checkpoints, patrouillierende Polizei. „Und ist es nicht toll, dass man zehn Jahre nach der Katastrophe hier wieder Unruhe stiften kann?“
Dann stehen wir am Zuccotti-Park, dem unscheinbaren schiefergrauen Platz, gleich neben Ground Zero, der es inzwischen zu Weltruhm gebracht hat. Es scheint hier kälter zu sein als im Rest der Stadt. „Die Anarchisten haben recht“, sagt Greif, der als Herausgeber der „Occupy Gazette“ zum Chronisten der Bewegung wurde. „Die Chaotik erlaubte viel mehr Teilhabe. Hier diskutierten weiße Wirtschaftsabsolventen und arbeitslose Einwanderer.“
Greif wird nach Deutschland fahren und in Literaturhäusern über den Hipster sprechen und erklären, warum er ein Auslaufmodell ist, wenn es ihm nur um schicke Kleidung geht und um das beste Sushi. Und dass er dennoch herzlich willkommen ist, bei Occupy mitzumachen. „Ich rechne auf den Frühling“, sagt Greif. „Dann werde ich wieder herkommen. Jeder, der hier ist, zählt.“
Mark Greif, geboren 1975, gilt als wichtigster Vertreter eines neuen Typus der Kulturtheorie und -kritik, die die alten Geltungsansprüche mit einer Öffnung gegenüber dem derzeit Populären, etwa dem Hip Hop, verbinden will. Greifs hauptsächliches Anliegen ist die Erschließung der Kunst durch gesellschaftspolitische Fragen. Wder der älteren Generation kann man Greif zurechnen noch der allerjüngsten - deshalb ist es nur folgerichtig, wenn die Werbung seines deutschen Verlages erklärt, eine thematische Kontinuität in seinem Werk sei die Frage nach dem Erwachsenwerden. Große Verdienste hat sich Mark Greif um die „Occupy“-Bewegung erworben.
![]() | ![]() | ![]() |