Pionier der Begriffsgeschichte

Die Sprache ist immer die letzte Zuflucht

Von Ernst Müller
 - 22:47

Wer hat die erste Monographie verfasst, die titelgebend die begriffsgeschichtliche Methode untersucht? Selbst Fachleute wissen kaum, dass dieses Privileg Lazar Gulkowitsch und seiner 1937 in Tartu (Estland) erschienenen „Grundlegung einer begriffsgeschichtlichen Methode in der Sprachwissenschaft“ zukommt. Gulkowitsch machte die Begriffsgeschichte zur universalistischen Metatheorie der Geistesgeschichte als Kulturgeschichte. Der ehrgeizige Versuch, im Kampffeld der dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts eine Begriffsgeschichte der jüdischen Geschichte zu entwerfen, kam aber auch zu Ergebnissen, die mit Begriffsgeschichte im heutigen Verständnis nur wenig gemein haben.

Gulkowitsch, 1899 in Weißrussland geboren, besuchte die Talmudschule in Minsk. In Königsberg studierte er Altes Testament, Philosophie und Medizin. Nach einer philosophischen Promotion zur Kabbala lehrte er seit 1924 an der Theologischen Fakultät Leipzig. Seine Stelle verdankte sich dem Freistaat Sachsen, der, besorgt um den Gegensatz zwischen zugewanderten, meist chassidischen Ostjuden und liberalen Juden, Untersuchungen zum Judentum förderte. 1925 habilitierte er sich für die Wissenschaft des späten Judentums. Als deutscher Staatsbürger und außerordentlicher Professor ist Gulkowitsch ein seltener Fall: In nur neun Jahren erlangte ein ostjüdischer Talmudschüler die beinahe höchsten Weihen einer deutschen Universität.

Die Tradition der Leipziger Schule

Gulkowitsch erforschte in der Tradition der Leipziger Religionswissenschaften die nachbiblische Religionsgeschichte philologisch. In Studien zur Bildung von Abstraktbegriffen in der hebräischen Sprachgeschichte entwickelte er die These, dass Veränderungen der Wort- und der Begriffsebene zusammenhängen und die Begrifflichkeit für Religionsgesetze, Moral und Literatur aus der Alltagssprache erwächst.

Nach dem Entzug der Lehrerlaubnis und der Ausbürgerung hatte Gulkowitsch das Glück, in Tartu einen – in Europa einzigartigen – Lehrstuhl für jüdische Studien zu übernehmen. Für ihn begannen produktive sechs Jahre, in denen er die meisten seiner Schriften veröffentlichte, fast alle in Deutsch: zur Begriffsgeschichte des Chassidismus oder zu Maimonides. Gulkowitsch wurde international durchaus wahrgenommen, es gibt Briefwechsel mit dem Ethnologen Franz Boas und mit Martin Buber. Er hielt Gastvorträge an der Columbia-Universität, in Uppsala und Cambridge. Der Einmarsch der Roten Armee im August 1940 beendete mit der estnischen Unabhängigkeit auch die Arbeit des Seminars. Ein Jahr später rückte die Wehrmacht ein, der Einundvierzigjährige wurde mit seiner Familie und zusammen mit etwa achthundert anderen Juden ermordet. Nach dem Krieg wurde Gulkowitsch vergessen.

Notwendige Konsequenz aus der jeweiligen Situation

Gulkowitsch übertrug begriffsgeschichtliche Ansätze der Philosophie auf die Geistesgeschichte des Judentums. Als Gegenstand der Begriffsgeschichte bestimmte er Sprachtypen und Nationalkulturen, denen er die Anlage zur organischen, intrinsischen Entwicklung zuschrieb. „Wir behaupten, dass es eine Geschichte außerhalb der Geschichte von Begriffen gar nicht gibt, dass alles historische Geschehen notwendige Konsequenz aus der jeweiligen Situation der Begriffsgeschichte ist.“ Sprach-, Geistes-, Kultur- und Begriffsgeschichte sind verschiedene Seiten eines Prozesses. Begriffe sind geschichts- und gemeinschaftsbildend sowie wirklichkeitskonstituierend. Eine so zentrale Position von Sprache und Begriffen vermutet man wohl erst in Gadamers „Wahrheit und Methode“.

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Die Begriffsgeschichte produzierte große Lexika. Ihre jüdischen Anreger sind oft noch verkannt.
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Was Gulkowitsch schreibt, klingt schon nach Gadamers „Wahrheit und Methode“.
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Zwischen mystischem und ethischem Judentum wollte Gulkowitsch durch Begriffsaufklärung vermitteln.

Mit seinem Ansatz, Wort, Begriff, Denken und Kultur als Parallelismen sowie Sprache nicht als Instrument, sondern als Energie zu verstehen, knüpfte Gulkowitsch an Wilhelm von Humboldt, den Romanisten Karl Vossler und den Philosophen Ernst Cassirer an. Er ging auch direkt auf den Strukturbegriff Ferdinand de Saussures zurück und hatte im Blick, dass jeder Begriff mit Gegen- und Nebenbegriffen verbunden ist. Die ineinander verwobenen Kraftzentren einer Epoche müssten herausgelöst und in ihrer Entwicklung dargestellt werden.

Kritik am progressiven Vorverständnis

Für Gulkowitsch – und damit hob er sich von der fortschrittsorientierten Religionsgeschichte ab – bringt die Begriffsentwicklung „nur immer neue Daseinsformen eines immer identischen So-Seins“. Während die Begriffsgeschichte Reinhart Kosellecks ihr Forschungsinteresse gerade aus Brüchen an Epochenschwellen zieht, beobachtete er die longue durée. Der latente Ahistorismus seiner Begriffsgeschichte ist jedoch für viele frühe Begriffsgeschichten charakteristisch. Die Philosophie wollte lange nur die verschütteten Begriffe der Antike freilegen, dem Historiker Otto Brunner, dessen Impuls Koselleck aufgriff, ging es darum, hinter die liberale staatsrechtliche Begrifflichkeit zu mittelalterlichen Grundbegriffen vorzustoßen, die er sich als identisch mit „völkischen“ Begriffen dachte.

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Ein interessantes Gegensatzpaar bei Gulkowitsch sind die Begriffe Latenz und Explikation. Beide bezeichnen Modi im Umgang mit Begriffen. Durch Explikation, Auslegung in Sätzen, ist der Begriff bestimmt. Das ihm entgegengesetzte Vorbegriffliche ist nur nachträglich und als „Spur“ fassbar. Latenz und Latenzzeiten, Begriffe, die wenig später Sigmund Freud in „Der Mann Moses“ zur psychoanalytischen Erklärung des Judentums heranzog, verwendete Gulkowitsch geistesgeschichtlich. Sie haben aber auch bei ihm mit dem überindividuellen Bewussten und Unbewussten zu tun. Latenzzeiten sind in weltlicher und kultureller Hinsicht zwar Verfallszeiten, in religiöser Hinsicht können sie aber Blütezeiten sein. Latenz markiert so etwas wie religiöse Unmittelbarkeit: „So erweisen sich die großen Zäsuren der Geschichte, der Untergang ganzer Kulturen, als Latenzzeiten der begrifflichen Explikation.“

Die mystische und die ethische Strömung im Judentum

Das Modell von Latenz und Explikation diente Gulkowitsch zur dialektischen Beschreibung des Verhältnisses zweier Strömungen im Judentum, der mystischen Richtung (Kabbala, Chassidismus) und der rational-ethischen. Ihr Verhältnis zur Begriffsgeschichte ist nicht symmetrisch, denn die Begriffe der Mystik sind nicht unhistorisch, die rationalistischen dynamischer. Gulkowitsch kennzeichnete das von ihm favorisierte mosaische Judentum zwar als rational und ethisch, sah aber die Gefahr, dass es zum Dogma erstarrt, wenn ihm nicht die Mystik entgegenwirkt. Sie hat Priorität in Bezug auf den „Begriff der Unbegrifflichkeit“ Gottes. Die aufschließende Kraft der Begriffsgeschichte wurde damit weniger auf den Kern der jüdischen Religion als auf die aus ihr entspringende Kultur gelenkt. Für das Diasporajudentum sollte Hebräisch die Sprache der religiösen Kultur, nicht jedoch die der Politik oder Wirtschaft sein.

Insgesamt nutzte Gulkowitsch die Begriffsgeschichte, um das Judentum in die Universalgeschichte einzubinden und die zeitgenössischen Pole in der Interpretation des Judentums sowie die jüdische Tradition und Moderne prozesshaft miteinander zu vermitteln. So sollte die gefährdete Einheit des geistigen Judentums bewahrt werden. Wenn Gulkowitsch die Geschichte der Begriffe in ihren Phasen der Latenz und Explikation wie ein Zurückziehen und Auseinanderfalten (explicare) denkt, sind Analogien zu mystischen Denkfiguren erkennbar.

Der Kontakt zu Leopold Silberstein

In Tartu arbeitete Gulkowitsch weithin isoliert. Umso interessanter sind seine Verbindungen zu Leopold Silberstein, einem aus Berlin stammenden, aufgrund rassistischer Verfolgung in die Tschechoslowakei exilierten Slavisten, der dort zum Prager Linguistischen Kreis (PLK), also zum Prager Strukturalismus, gehörte. Gulkowitsch lud ihn 1936 zu Vorträgen an die Universität Tartu ein, danach besetzte er dort ein Lektorat. Zwischen dem liberalen Silberstein und dem in jüdischer Tradition denkenden Gulkowitsch erwuchs ein enger Kontakt. Theoriegeschichtlich ist interessant, dass Silberstein Strukturalismus und Begriffsgeschichte, die sich bis in die sechziger Jahre kaum berührten, früh zusammenführte.

Nach seiner Tartu-Reise trug er am 18. Januar 1937 im PLK über Begriffsgeschichte, Soziologie des Wissens und Semantik vor. Wie die Prager Presse berichtete, betonte er anlässlich des gerade erschienenen Buches von Gulkowitsch, dass die Begriffsgeschichte der strukturell-funktionellen Grundhaltung der Prager Schule nahestehe. Tatsächlich entsprach die These von der Einheit von Wort und Begriff, die Silberstein auf die jüdische Mystik zurückführte, der von den Pragern vertretenen Ablehnung der Saussureschen These von der Willkürlichkeit der Zeichen. Für beide Seiten bildeten Synchronie und Diachronie eine dynamische Struktur. Silberstein rückte Gulkowitsch auch in die Nähe der Wissenssoziologie Karl Mannheims. Beide gingen von der Dynamik der Begriffe aus, aber Mannheim betone statt deren Eigengesetzlichkeit die Bedingtheit.

Die verlorene Spur

Lange erschien die in die großen Wörterbücher mündende Begriffsgeschichte als Tradition eher konservativer oder deutschnationaler Intellektueller. Doch abseits von ihr existiert eine andere, oft ins Exil vertriebene, nur latent wirkende Linie aus dem Judentum stammender Intellektueller. Das Spektrum reicht von Moritz Lazarus und Fritz Mauthner über Cassirer und Mannheim bis zu den Romanisten Leo Spitzer und Erich Auerbach, vom polnischen Bakteriologen und Wissenschaftshistoriker Ludwik Fleck und dem Begründer der Jerusalemer Geschichtswissenschaft Richard Koebner eben bis nach Tartu.

Warum aber interessieren sich jüdische Intellektuelle für Begriffsgeschichte? Ein Grund liegt sicher in der hebräischen Sprachgeschichte: ein Urtext, durch Sprache zusammengehaltene Diasporaexistenz. Das jüdische Volk hat laut Gulkowitsch gezeigt, wie sich eine Kultur ohne Staatswesen entwickelt. „Die Sprache ist immer die letzte Zuflucht einer von außen her bedrängten eigenständigen Kultur.“ Die Begriffs- als Explikationgeschichte erscheint bei ihm so, als sei die Auslegungsgeschichte des Talmuds die geschichtliche Logik des jüdischen Volkes. Oder, wie Silberstein in der „Jüdischen Revue“ über Gulkowitschs „judaistische Aufbauarbeit“ schrieb: „Erst die begriffsgeschichtliche Methode ermöglicht ein adäquates Verständnis der jüdischen Tradition und auf dieser Grundlage ihre wahrhaft lebendige Bewahrung und Weiterentwicklung.“

Quelle: F.A.Z.
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