Max Weber

Ohne Entsagung keine Forschung

Von Jürgen Kaube
 - 15:23
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Welche guten Gründe kann es für einen jungen Menschen geben, sich beruflich der Wissenschaft zuwenden zu wollen? Wer diese Frage beantworten möchte, könnte zunächst an die unterschiedlichen Arten von Wissenschaft denken. Die Motive, Meeresbiologin zu werden, Entzündungen zu bekämpfen oder Roboter zu bauen, unterscheiden sich von denen, Martials Epigramme zu studieren, den Zahlenraum, die Demokratie oder die Sterne. Der Beitrag zur Lösung von Menschheitsproblemen kann ebenso reizen wie Experimente, Rätsel oder fremde Welten.

Entsprechend zieht die Forschung kontemplative Charaktere ebenso an wie konstruktive Bastler, einsame Leser wie Freunde der Feldarbeit. Aufgeschlossenheit für Argumente schadet nicht, aber in Gestalt von „Paradigmen“ halten einzelne Fächer auch Trostmittel für diejenigen bereit, die nicht über alles diskutieren wollen. Die Wissenschaft bietet also ganz unterschiedliche Möglichkeiten, sich in ihr zu bewegen. Hinzu kommt, dass derzeit, je nach Zählung, etwa die Hälfte eines Jahrganges ein Hochschulstudium aufnimmt und damit auf die eine oder andere Art in Berührung mit der Wissenschaft kommt. Die Hochschulen ihrerseits tun viel dafür, um Begabungen in die Wissenschaft zu ziehen. Das gelingt ihnen umso leichter, je mehr sie den Eindruck erwecken können, dass in der Professur Elemente einer attraktiven Berufstätigkeit gebündelt sind: freie Themenwahl, überschaubare Präsenzpflichten, Verbeamtung, lange Sommerferien.

Als der Soziologe und Nationalökonom Max Weber am 7. November 1917 in einer Münchner Buchhandlung seinen berühmten Vortrag über „Wissenschaft als Beruf“ hielt, waren viele dieser Voraussetzungen gegeben. Allerdings gerade eben erst. Webers hochschulpolitische Texte, die nun in der Gesamtausgabe seiner Schriften erschienen sind, belegen die damaligen Kämpfe um Lehr- und Forschungsfreiheit, insbesondere was Juden und Sozialdemokraten sowie das Hineinregieren von Ministerien in die Hochschulen anging.

Außerdem sprach Weber zu einer äußerst exklusiven Elite. Die Zahl aller deutschen Studenten lag bei nicht einmal 90000 – heute studieren allein an den Universitäten Frankfurt und Bochum so viele. Zugleich galten die Universitäten, an denen damals kaum mehr als viertausend Professoren und Dozenten lehrten, seit dem Kaiserreich als weltweit vorbildliche Einrichtungen, die in der Physik wie in der Geschichte, in der Mathematik wie in den Philologien das Maß der Forschung darstellten. Das soziale Prestige von Professoren war beträchtlich.

Webers Vortrag setzte mit Bemerkungen zur beruflichen Lage der Gelehrten ein, die hier einen Wandel anzeigten. Wissenschaft ist Spezialistentum mit unsicheren Karriereaussichten und wenig Idealisierungschancen, so könnte man seine Bilanz zusammenfassen. Sie galt Weber ausnahmslos für alle Disziplinen. Auf letzte Fragen gebe die Wissenschaft nirgendwo eine Antwort, die „Entzauberung der Welt“, an der sie durch Erklären, Berechnen und Technisieren arbeite, sei wie aller Fortschritt ein gemischter Segen. Wenn die Frage nach der Richtung des Fortschritts sich nicht beantworten lasse, bleibe auch die nach dem Sinn des Erkenntnisgewinns offen. Die Chemie hat das Chloroform und das Senfgas erfunden, die Psychologie dient der Therapie wie der Propaganda. Wer der Wissenschaft ausschließlich Attribute wie „kritisch“, „aufklärerisch“ oder „nützlich“ beilegt, bilanziert also sehr einseitig.

Dass Webers Vortrag jetzt in einer Reihe nachgedruckt wird, die „Fröhliche Wissenschaft“ heißt, ist von großer Ironie; es dürfte einer der unfröhlichsten Texte zum Thema sein, der je verfasst wurde. Denn es informieren für Weber alle Antworten auf die Frage, was wir wissen und aufgrund von Wissen herstellen können, nicht darüber, was wir tun sollen, und also auch nicht, ob Wissenschaft als Lebensinhalt überhaupt sinnvoll ist. Einen Wissenschaftler, der es nicht mit jeder Faser seiner Existenz ist und nicht bereit wäre, Gesundheit, Glück und Seelenruhe der Erkenntnis zu opfern, kann sich Weber dabei gar nicht vorstellen.

Genauer: Er kann es schon, indem er einen Wandel der Forschung zu einem betriebsförmigen, organisierten Vorgehen konstatiert und mit Hinweisen auf amerikanische Universitäten versieht. Aber er mag sich Forscher, für die das Erkennen nur ein Job ist, den sie machen, einfach weil sie ihn können, nicht gern vorstellen. Denn was treibt sie an, ausgerechnet das – die Erarbeitung von bald wieder hinfälligen, trockenen Erkenntnissen über winzige Weltausschnitte – unbedingt können zu wollen? Wodurch sehen sie sich für die Entsagung entlohnt, die Weber mit aller Wissenschaft verbindet?

Für Weber selbst fielen solche Antriebe nicht in den Bereich des wissenschaftlich Erschließbaren. Das Streben nach Illusionslosigkeit und Klarheit, das er der Wissenschaft zuordnet, diente ihm erklärtermaßen vor allem dazu, den Bezirk dessen zu ermitteln, was nicht wahrheitsfähig ist, sondern entschieden werden muss: persönlich wie kollektiv. Torheit allein, heißt das, enthielt für ihn noch keinen Hinweis auf religiöse, politische, ästhetische oder erotische Willensbildung, um nur einige der wissenschaftsfernen Bezirke zu nennen, die ihre eigenen Ansprüche auf lebenswichtiges Entscheiden erheben. Der Sinn des methodischen Erkenntnisgewinns wäre danach, auch in diesen Kontexten Dummheit und Selbsttäuschung zu begrenzen.

Kritik seiner Zeitgenossen

Mit diesem Plädoyer befand sich Weber im Gegensatz zu vielen Intellektuellen seiner Tage. Im vorliegenden Band sind seinem Vortrag zeitgenössische Kommentare und ein Gespräch mit dem Philosophen Dieter Henrich beigegeben. Sie dokumentieren eine erhebliche Irritation darüber, dass Weber nichts mehr mit philosophischen Ansprüchen anzufangen wusste, die Einheit des Erkennbaren und moralisch Vertretbaren durch Begriffe wie „Metaphysik“ oder „Vernunft“ bezeichnen zu können.

Vor allem der Romanist Ernst Robert Curtius kritisierte Webers Verabschiedung von metaphysischen Sinnfragen aus dem wissenschaftlichen Berufsleben. Sie gelte, wie die Idee des Fortschritts, allenfalls für Naturwissenschaftler. Mommsen oder Ranke hingegen würden nie inaktuell wie Lavoisier oder Liebig: „Platon kann nicht überholt werden.“ Denn zumindest die philosophische und historische Erkenntnis sei an eine starke seelische Beteiligung der Forscher an ihren Gegenständen gebunden: „Für manche Gelehrte möchte man eine ‚Erlebnispflicht‘ einführen können.“

Sollte heißen: Wer unmusisch ist, kann die Künste nicht gut erforschen, politisch Indifferente nicht die Politik und „religiös Unmusikalische“ nicht die Religion. Der Antrieb zur Wissenschaft kommt, so verstanden, aus dem Enthusiasmus. Es ist bezeichnend, dass Curtius in diesem Zusammenhang daran erinnert, die Universität sei nicht nur eine Forschungs-, sondern auch eine Bildungseinrichtung. Wäre beides dasselbe und ginge aus der als Lehre vorgetragenen Forschung unmittelbar Bildung auch derjenigen Studierenden hervor, die nicht Wissenschaftler werden, bedürfte es dieser Erinnerung nicht.

Wenn also die Seminare mehr sein sollen als die Suche der Professoren nach ihren Nachfolgern, könnte es sich auch hochschulpolitisch lohnen, diesem Dissens zwischen Weber und seinen Kritikern nachzugehen. Nicht alles, was einhundert Jahre alt ist, ist darum nur noch Ideengeschichte.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
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