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Historiographie der Sklaverei

Wer hat für die Freiheit gearbeitet?

Von Andreas Eckert
 - 22:38

Im vergangenen Sommer gab die Presseabteilung des Weißen Hauses die Urlaubslektüre des damaligen Präsidenten Barack Obama bekannt. Auf der Bücherliste fand sich ein Roman, der auf besonders eindringliche Weise die Schrecken der Sklaverei in Nordamerika heraufbeschwört. Colson Whiteheads „The Underground Railroad“, in deutscher Übersetzung bei Hanser angekündigt und inzwischen mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, beginnt auf einer besonders sinistren Baumwollplantage in Georgia, die alle dort Schuftenden sofort verlassen möchten: „Jeder Sklave denkt daran, am Morgen, am Nachmittag und in der Nacht. Träumt davon. Jeder Traum ein Traum von der Flucht.“

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Die Protagonistin des Romans, Cora, fällt die Entscheidung, sich in den Norden abzusetzen. Zusammen mit Caesar, einem anderen Sklaven, besteigt sie einen Zug. Whitehead verwandelt die metaphorische historische „Untergrundeisenbahn“ – ein informelles Netzwerk von Abolitionisten, das in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts rund einhunderttausend Sklaven die Flucht aus den Südstaaten ermöglichte – in einen tatsächlichen Zug: einen heruntergekommenen Güterwagen, der von einer Dampflokomotive durch unterirdische Gänge gezogen wird und wo immer möglich Flüchtige aufliest.

Alternative Realitäten

Whiteheads Untergrundbahn nimmt Cora mit auf eine Reise durch alternative Realitäten der Vereinigten Staaten. Ihr eng auf den Fersen ist Ridgeway, ein erbarmungsloser Sklavenfänger, den Whitehead als die Verkörperung der Doktrin der „Manifest Destiny“, des göttlichen Auftrags zur Expansion, entwirft: „Hier war der wahrhaftige Große Geist, das göttliche Band, das alles menschliche Bestreben verknüpft – wenn du es behalten kannst, ist es deins. Dein Besitz, Sklave oder Kontinent. Der amerikanische Imperativ.“ In North Carolina, einem Staat, der sich in Whiteheads Fiktion entschieden hat, seine schwarze Bevölkerung komplett herauszuwerfen, muss Cora auf einem Dachboden eine Art Anne-Frank-Dasein führen. Tennessee, eine weitere Station, wird von biblischen Plagen heimgesucht, eine höllische, von Gelbfieber heimgesuchte Einöde.

Man kann nicht umhin, „The Underground Railroad“ als Allegorie auf die gegenwärtige „Rassenkrise“ in den Vereinigten Staaten zu lesen. Der Autor selbst verweist gegen Ende hingegen auf die Massaker an den Native Americans, wenn er eine Figur sagen lässt: „Amerika ist ebenfalls ein Trugbild, das größte von allen. Die weiße Rasse glaubt – sie glaubt aus tiefstem Herzen –, dass sie das Recht hat, sich das Land zu nehmen. Indianer zu töten. Krieg zu führen. Ihre Brüder zu versklaven. Falls es irgendwo Gerechtigkeit gibt in dieser Welt, dürfte diese Nation nicht existieren, denn sie beruht auf Mord, Diebstahl und Grausamkeit.“

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Verbesserung der Geschichte

Historische Bücher über die Sklaverei in Nordamerika und ihre Abschaffung türmen sich in den Bibliotheken zu Bergen. Auch in Literatur und Film ist das Thema allgegenwärtig. Doch signalisiert eine neue Welle phantastisch-historischer Sklaverei-Romane, von denen „The Underground Railroad“ ein besonders markantes Beispiel ist, nicht zuletzt ein profundes Unbehagen, ja eine tiefe Frustration mit dem Platz Schwarzer in der gegenwärtigen amerikanischen Politik und Gesellschaft.

Der aktuelle Rassismus und die massive Gewalt gegen Schwarze in den Vereinigten Staaten verschärfen das Dilemma, mit dem afroamerikanische Intellektuelle seit Generationen ringen: Gilt es, für die Integration der Schwarzen in die weiße Gesellschaft zu werben, um eines Tages hoffentlich gleichberechtigt zu sein? Oder lässt sich dem Rassismus der Weißen nur eine eigene Kultur kämpferischen Stolzes entgegenhalten? Und kann es für vergangenes Leid Entschädigungen geben? Für Furore sorgte ein vor drei Jahren im „Atlantic Monthly“ erschienener Essay von Ta-Nehisi Coates (in deutscher Fassung seinem gleichfalls von Hanser verlegten Buch „Zwischen mir und der Welt“ beigefügt), in dem der Journalist wortgewaltig eine alte Forderung der Bürgerrechtsbewegung aufgreift und nach Reparationen für die Sklaverei ruft.

Kapitalismus durch Sklavenarbeitskraft

Das zentrale Argument von Coates ist in der Geschichtswissenschaft inzwischen durchaus vertraut: Ohne die Ausbeutung und Unterdrückung der drei Jahrhunderte lang versklavten schwarzen Bevölkerung wäre der Aufstieg Nordamerikas zur führenden Wirtschaftsnation und zum Welthegemon kaum geglückt. Das System der Unfreiheit war dabei mit kapitalistischen Innovationen des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts im Bereich von Technologie, Management und Finanzwesen höchst kompatibel, wie jetzt die Beiträger eines von Sven Beckert und Seth Rockman herausgegebenen Bandes darlegen („Slavery’s Capitalism. A New History of American Economic Development“, University of Pennsylvania Press 2016).

Diese Sichtweise setzt sich erst zögerlich gegen die auch in der Historiographie lange dominante Perspektive der weißen Mittelklasse durch, gemäß der vor allem ihre protestantischen und liberalen Werte wie Individualismus, Freiheitswille, Streben nach sozialem Aufstieg, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit der Entfaltung des Landes zugrunde lagen. Das ist das Trugbild, gegen das Whitehead seinen Roman geschrieben hat. Aber ein Echo dieser Lesart der Geschichte bleibt in der Forschung über die Abschaffung der Sklaverei immer noch hörbar. Sie ist weiterhin stark eingebunden in eine lineare Fortschrittsgeschichte, in der jede Generation mehr Rechte für mehr Menschen erkämpfte.

Spiegeln sich die in Literatur und Publizistik gegenwärtigen Perspektiven und Strategien der Darstellung in neuen Zugängen der Geschichtswissenschaft? Man nehme Manisha Sinhas wahrhaft enzyklopädische Darstellung der Schicksale, Aktivitäten, Organisationen und ideologischen Auseinandersetzungen schwarzer Abolitionisten („The Slave’s Cause. A History of Abolition“, Yale University Press 2016). Methodisch und darstellerisch bleibt der Wälzer gängigen Konventionen verhaftet. Frische Akzente werden allein in neuen inhaltlichen Perspektiven sichtbar.

Lincoln tritt in den Hintergrund

Die Autorin sieht, das ist so neu nicht, die Abolitionsbewegung als Vorreiterin der Bürgerrechtsbewegung, die Abolitionisten als Pioniere bei der Entwicklung heutiger Vorstellungen von Menschenrechten. Aber ihr Buch bedeutet den bisher nachdrücklichsten Abschied von einem weitverbreiteten Erzählmuster, das die Abschaffung der Sklaverei zuvörderst als noblen Kampf aufgeklärter Weißer konzipierte. Helden wie Abraham Lincoln, die aufstanden, um ihre schwarzen Brüder zu verteidigen – mit diesem Bild kann Sinha ebenso wie die meisten afroamerikanischen Intellektuellen nichts mehr anfangen.

Mit zuweilen erschöpfender Liebe zum Detail unterteilt sie die Geschichte der Emanzipation in zwei größere Wellen. Die erste begann mit der Amerikanischen Revolution und endete in den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. In dieser Zeit etablierte sich die Ideologie der Gleichheit als wichtigster Impulsgeber des Abolitionismus. Mit Verweis auf die Unabhängigkeitserklärung und die Auffassung, dass vor Gott alle Menschen gleich seien, beschimpften die Opponenten der Sklaverei die Sklavenbesitzer als Heuchler und Verräter an amerikanischen und christlichen Werten. Und vermochten, wenn auch qualvoll langsam, die Sklaverei in den Nordstaaten zu beenden. Die wichtige Unterscheidung zwischen freien Staaten und Sklavenstaaten bildete sich heraus.

Die Schwarzen waren weiter

Der Anfang der zweiten Welle wird markiert etwa durch die Publikation von David Walkers berühmtem Pamphlet „Appeal to the Coloured Citizens of the World“ (1829) oder das Erscheinen der Zeitung „The Liberator“ (1831). Folgen wir Sinha, dann waren die schwarzen Abolitionisten ihren weißen Mitstreitern zumeist einen Schritt voraus. Sie verwandelten den Kampf gegen die Sklaverei in eine Bewegung gegen rassische Diskriminierung, eine Erniedrigung, mit der sie permanent konfrontiert waren. Der Zugang zu Kirchen, Schulen, Werkstätten und Friedhöfen, kurz: zu allen Institutionen, welche die Weißen als ihre eigenen beanspruchten, blieb ihnen verwehrt. „Lediglich die Gefängnistüren stehen unseren farbigen Brüdern offen“, beklagte der Publizist William Garrison.

Gründlich und passioniert zeichnet „The Slave’s Cause“ schwarze Menschen nicht allein als Opfer oder Aufständische, sondern als politische Wesen, die das Wahlrecht und andere Attribute der Bürgerschaft einforderten. Die Zuschreibung einer politischen schwarzen „agency“ verdient besondere Beachtung, denn Sinha bejaht damit emphatisch die von Historikern bisher selten gestellte Frage, ob (ehemalige) Sklaven dezidiert politische Vorstellungen zu entwickeln vermochten.

Wie viele Autoren macht sich auch Sinha keine Illusionen über die Konflikte innerhalb der Abolitionsbewegung und über die Fortdauer von Rassismus nach dem formellen Ende der Institution. Sie gibt keine Antwort darauf, welche Lehren für die heutige Situation gezogen werden können. Vorsichtig belässt sie es bei der eindringlichen Warnung davor, das Projekt der Beendigung von Sklaverei kleinzureden. Die Emanzipation von Sklaven in der westlichen Hemisphäre sei, hier ist sie sich mit dem Altmeister der Abolitionsforschung David Brion Davis einig, nichts Geringeres als eine der größten Errungenschaften in der Menschheitsgeschichte.

Schon W. E. B. Du Bois, der große Panafrikanist und Bürgerrechtler, war überzeugt, dass das fortdauernde Erbe des Kampfes gegen die Sklaverei „das Beste an der Geschichte Amerikas“ sei. „Die Ära Obamas“, ergänzt Manisha Sinha, „hatte wie die Ära Lincolns Kritiker und Bewunderer. Beide wären jedoch ohne die Abolitionsbewegung nicht möglich gewesen.“

Quelle: F.A.Z.
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