Linientreue Dissidenten

Kein Zwang und kein Drill

Von Mechthild Küpper
 - 09:51

Aus Nazi-Deutschland in die Sowjetunion geflohene und nach 1945 zurückgekehrte Historiker „spielten im historischen Fachdiskurs der DDR keine herausgehobene Rolle“, stellte Martin Sabrow jetzt in einem Vortrag in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften fest. Von vier Männern sprach der Direktor des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung: Leo Stern, Arnold Reisberg, Stefan Doernberg – und Wolfgang Ruge, dessen hundertster Geburtstag am 1. November den Anlass bot.

Sie waren junge Kommunisten oder Kinder von deutschen Kommunisten, die den stalinistischen Terror in der Sowjetunion erlebten und überlebten. Dennoch kam, als es für sie vorbei war, nur die DDR, nicht die Bundesrepublik in Betracht. Sie sahen sich nicht als Gruppe und wurden auch nicht als Gruppe wahrgenommen; ihre entsetzlichen Erfahrungen lassen sich laut Sabrow „in Habitus und Oeuvre“ nicht wiederfinden. Der Schriftsteller Eugen Ruge, der Sohn von Wolfgang Ruge, gab die Erinnerungen seines 2006 verstorbenen Vaters an die Jahre in der Sowjetunion 2012 unter dem Titel „Gelobtes Land“ als Buch heraus.

Die Mutter wollte es nicht hören

„Keine Bewegung in diesem Jahrhundert hat es ihren Mitgliedern so schwergemacht, dabei zu sein und zu bleiben wie die kommunistische“, soll Arnold Reisberg gesagt haben, der nach jahrelanger Verbannung und Zwangsarbeit in Sibirien erst 1959 ausreisen durfte. Wolfgang Ruge berichtet über seine Mutter, die ihn 1955 in Swerdlowsk besuchen konnte: Als er ihr sagen wollte, „was mir seit langem auf dem Herzen liegt: dass Stalin ein Verbrecher und Mörder sei“, habe sie sich „demonstrativ die Ohren“ zugehalten und erklärt, „dass sie derartige Aussprüche unter keinen Umständen hören wolle“.

Als „Teilnahme am sozialistischen Aufbau in der UdSSR“, so Sabrow, wurde die persönliche Erfahrung von Stalins Terror in den DDR-Kaderakten der Re-Emigranten chiffriert. Ruge teilte mit: „Mir wurde zwar, wie anderen auch, nicht verboten, über meine Erfahrungen zu reden, doch verstand sich das im Grund von selbst.“ Sein Vater, erzählt Eugen Ruge, habe im privaten Kreis offen über seine Erlebnisse im Lager gesprochen. Warum aber Männer, die solche Grausamkeiten erlitten hatten, freiwillig in die Moskauer Einflusszone zogen und dort bis zum Ende ihrer Tage loyale, von Geheimdienst und Partei misstrauisch beobachtete Staatsbürger der DDR blieben, gehört zu den großen Rätseln des Kommunismus. Der Lenin-Biograph Reisberg soll noch 1977 gesagt haben: „Ich war immer stolz darauf, ein treues Mitglied der Kommunistischen Partei, der kommunistischen Weltbewegung zu sein.“

Der Sektenvergleich führt nicht weiter

An dieser Stelle wird häufig die Ähnlichkeit des Kommunismus mit Religionen oder Sekten herausgestrichen. Sabrow zitierte Ruges gegen alle niederschmetternd schlechten persönlichen Erfahrungen mit dem Projekt Sozialismus behauptete Überzeugung, er wolle helfen, „den Sozialismus in der DDR zu errichten“. Damit ist man bei einer Lebensform, über die Menschen, die in Demokratien aufwuchsen, meist verständnislos staunen: Einen „linientreuen Dissidenten“ nannte sich der Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski in seinen Memoiren. Zum vierzigsten Geburtstag des Aufbau-Verlags lobte Kuczynski den Verlagsleiter Klaus Gysi mit folgender Anekdote: Er habe ihm, „als ich wieder einmal ,in Ungnade‘ war und er meine Bücher nicht mehr verkaufen konnte, hundert Exemplare von jedem“ geschickt.

Diese Lebensform als reine „Parteiarbeiter“-Haltung abzutun, so Sabrow, sei „nur aus der Perspektive einer falschen Gleichsetzung von Wissenschaftlichkeit in Ost und West“ möglich. Die hinter „Werk und öffentlichem Auftreten“ verborgenen „Handlungsstrategien, Verhaltensmuster und Positionsmarkierungen“ ergeben seiner Ansicht nach ein mit dem Schlagwort der Lebenslüge nicht abzufertigendes Bild. Sabrows nutzt die Wendung „performative Widerspenstigkeit“.

Provokatives Lob für Hans Rothfels

Wolfgang Ruge zeige in den Akten eine „auffällige Eigensinnigkeit“, ob es nun um die „unzulässige Verwendung eines Trotzki-Zitats“ oder die Verteidigung eines Kollegen ging, der „in Ungnade“ war. „Auch Leo Stern scheute keinen Konflikt, selbst mit den obersten Parteiinstanzen nicht“, selbst die Stasi habe die „Härte seines Auftretens“ beeindruckt. Das Verbot der Fraternisierung mit westlichen Kollegen missachtete Stern, wie in einem Bericht des ZK über einen Historikerkongress in Stockholm festgehalten wurde: Stern habe dort „mehrfach von Gemeinsamkeiten der Historiker der beiden deutschen Staaten“ gesprochen und Hans Rothfels gelobt, dessen Werke er mit „großem Interesse gelesen“ habe.

„Nicht willfähriges Vergessen begleitete die Ost-Remigranten auf ihrem Weg in die DDR, sondern die Bereitschaft zum Verzicht auf die eigenen Wiedergutmachungsansprüche“, sagte Sabrow. Verzichtet hätten sie nicht aus Feigheit, sondern aus der tiefen Überzeugung, „dass trotz aller Leiderfahrung die Zukunft des Projekts Sozialismus höher stehe als die Genugtuung für die Person“. Erst bei der Lektüre des Erfahrungsberichts seines Vaters hat der Sohn Eugen dem eigenen Bericht zufolge begriffen, „dass das Lächeln, das er aufzusetzen pflegte, wenn er in seinem Sessel saß und blasphemische Pointen abschoss, nichts anderes gewesen war als Abwehr“.

Quelle: F.A.Z.
Mechthild Küpper - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Mechthild Küpper
Politische Korrespondentin in Berlin.
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