Zum Tod von Georg Iggers

Emigrant, Pionier und Brückenbauer

Von Stefan Berger
 - 15:46

Als Georg Iggers 2015 Ehrengast auf einer Bochumer Tagung zum Thema „Engagierte Historiker“ war, durfte ich ihn zum Verhältnis seiner Geschichtsschreibung zu seinem lebenslangen politischen Aktivismus befragen. Zu meiner Überraschung vertrat er, in seiner bescheidenen und sanften Art, die den Ansatz unserer Tagung sabotierende These, dass beides wenig miteinander zu tun habe. Iggers, der seit 1965 an der State University of New York in Buffalo lehrte, hatte sich seit Mitte der sechziger Jahre, als er auf eigene Initiative Leo Stern in Halle besuchte, für einen Dialog zwischen kommunistischen und westlich-liberalen Historikern eingesetzt.

Er bekämpfte die Mentalität des Kalten Krieges, engagierte sich gegen den Vietnamkrieg und beriet Kriegsdienstverweigerer. In Arkansas wirkte er an der Beseitigung der Rassentrennung in den Schulen und Bibliotheken mit. Aber kalte und heiße Kriege, „race“ und Ethnizität waren nie Themen seiner wissenschaftlichen Arbeit. Mit seiner jungen Familie lebte er in schwarzen Stadtvierteln. Seit den achtziger Jahren suchte er den Kontakt zu chinesischen Historikern. In hohem Alter war er einer der ersten Historiker aus den Vereinigten Staaten, der Brücken nach Kuba schlug.

Sein Beharren auf der Trennung von politischer Parteinahme und wissenschaftlicher Forschung könnte man für ein Erbteil der geschichtswissenschaftlichen Tradition seines Heimatlandes halten – wäre Iggers nicht als Kritiker dieser Tradition berühmt geworden. 1968 kam sein Buch über „The German Conception of History“ heraus, drei Jahre später folgte die deutsche Übersetzung als Taschenbuch bei dtv.

Von Hamburg nach Buffalo

Die Kritik von Iggers am Historismus galt dem nationalistischen Gebrauch der Methode des individualisierenden Verstehens und damit dem unter deutschen Historikern bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg vorherrschenden Denkstil. Meiner eigenen Beschäftigung mit dem Thema Geschichtsschreibung und Nation wies dieses immer wieder aufgelegte Buch die Richtung, und das Gleiche gilt für viele Kollegen, auch wenn Iggers selbst in späteren Jahren durchaus nicht unkritisch gegenüber seinem klassischen Werk war. Bücher zur Zeitgeschichte des eigenen Fachs widmete er dem Durchbruch der Sozialgeschichte sowie produktiven Ansätzen von Historikern in der DDR. Gemeinsam mit Q. Edward Wang und Supriya Mukherjee schrieb er die erste Globalgeschichte der Geschichtsschreibung, die in diesem Jahr ihre aktualisierte Neuauflage erlebte.

Wie Leben und Werk bei Georg Iggers ineinandergriffen, das werden seine Nachfolger im Fach der Historiographiegeschichte darzustellen haben, für deren Herausbildung zur Subdisziplin er Standards gesetzt hat. Als Wissenschaftler wie als Zeitgenossen leitete ihn ein starker Gerechtigkeitssinn. Er wurde im Alter von elf Jahren als Jude aus Deutschland verstoßen und schuf sich als Flüchtling in Nordamerika eine neue Existenz. Diese Lebenserfahrung ließ ihn zu einem großen Humanisten werden.

In der Autobiographie, die er gemeinsam mit seiner Frau Wilma Iggers verfasst hat, schildert er den außerordentlichen Weg, der ihn aus seiner Heimatstadt Hamburg nach Richmond, Chicago, Acron, Little Rock, New Orleans und schließlich nach Buffalo geführt hat. Dort wurde sein Haus zum Treffpunkt ganzer Generationen deutsch-deutscher Historiker. In reifem Alter wurde ihm Göttingen zur zweiten Heimat; er lehrte auch in Potsdam und Leipzig. Sein Judentum war Iggers wichtig, und er suchte zeit seines Lebens eine jüdische Gemeinde, die seinem liberalen Weltbürgertum entsprochen hätte. Am vergangenen Sonntag ist Georg Iggers im Alter von 91 Jahren in Buffalo verstorben.

Quelle: FAZ.NET
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