Was „Babylon Berlin“ lehrt

So kommt der Untergang der Weimarer Republik auf den Schirm

Von Charlotte Jahnz
 - 22:31

Schon in einer der ersten Szenen von „Babylon Berlin“ merkt man, wie sehr sich die Macher bemüht haben, Anleihen in der Zeit zu finden, die sie behandeln. Eine Dampflokomotive, 1496 Kilometer von Berlin entfernt, ist zu sehen – mit einem solchen Zugfahrzeug beginnt auch Walter Ruttmanns „Berlin – Sinfonie der Großstadt“ von 1927.

Die Serie, die derzeit bei Sky Deutschland zu sehen ist und Ende 2018 auch in der ARD gezeigt werden wird, spielt im Berlin des Jahres 1929. In den bislang gezeigten Folgen entsteht eine Stadt, die einlöst, was die umfangreiche Werbekampagne verspricht. Die Hauptstadt der Sünde, beworben mit Plakaten, die „24/7 Opium Hour“ verheißen – von einem Tanzlokal ins nächste. Die Hauptfigur, der Kölner Kommissar Gereon Rath, ist als Sonderermittler bei der Sitte auf der Suche nach den Drahtziehern einer vermeintlichen Erpressung Konrad Adenauers und lernt so die Berliner Unterwelt kennen. Aber ist es auch das historische Berlin von 1929? Gibt es überhaupt ein einziges historisches Berlin von 1929?

In der Serie sieht man unterschiedliche Blickwinkel auf Berlin in diesem Jahr. Sie entsprechen den Perspektiven der Protagonisten. Vom Leben der Familie der Stenotypistin und Gelegenheitsprostituierten Charlotte Ritter in einer Mietskaserne bis zum Schloss des Industriellen Nyssen. Und hier werden auf historische Akkuratesse Bedachte die Stirn runzeln. Nyssens Schloss steht keineswegs im Berliner Umland: Es ist die Drachenburg bei Bonn. In den opulenten Landschaftsaufnahmen der Burg sieht man im Hintergrund gelegentlich den Petersberg, einen Erinnerungsort der Bundesrepublik.

Nicht nur Serien arbeiten mit Fiktionen

Das ist nun auch der leichteste Vorwurf, den man historischen Serien machen kann: Ihre Authentizität enthält immer Momente von Erfindung, Verschiebung und Collage. Wie authentisch das Material ist – diese Frage kann man an jede Beschäftigung mit der Vergangenheit stellen. Durch den Boom erzählerisch komplexer Serien, von denen viele in der Vergangenheit spielen, sind aber die Erwartungen auch an die historische Glaubwürdigkeit gestiegen. „Mad Men“ oder „Downton Abbey“ sind nur die bekanntesten Vertreter dieses Genres.

Für die Geschichtswissenschaft interessant ist vor allem das Geschichtsbild, das solche Serien vermitteln. Im Sommersemester 2017 hielten die Kirchenhistorikerin Barbara Müller und der Mediävist Christoph Dartmann an der Hamburger Universität ein Hauptseminar zu „Game of Thrones“ ab. Verbindungen zwischen Themen der Serie und wissenschaftlichen Erkenntnissen sollten Vielfalt und Dynamik des Mittelalters illustrieren

Im „Geschichtstalk im Super7000“ der Gerda Henkel Stiftung und der Pädagogischen Hochschule FHNW Basel war diese Serie ebenfalls Thema. Die Talkgäste ernteten auf Twitter prompt Kritik, weil sich die Runde nur mit der ersten Staffel beschäftigte, was für eine Einordnung der Serie unzureichend sei. Aber auch die Frage nach der Authentizität von fiktionalisierten Geschichtsdarstellungen begleitete die Runde und wird noch immer im begleitenden Blog unter gts7000.hypotheses.org diskutiert.

Adenauer verspricht Orientierung

Die historische Serie verpackt Geschichte in ein Format, das leicht zugänglich ist. Es erreicht auch Zuschauer, die sich nicht primär für den historischen Stoff interessieren. Gleichzeitig transportiert sie ein Bild der Vergangenheit und wird damit auch ein Teil der Erinnerungskultur. Die Erpressungsgeschichte um Konrad Adenauer verbindet das ferne Jahr 1929 mit der Bundesrepublik von heute, deren erster Bundeskanzler der damalige Kölner Oberbürgermeister war, und bietet so eine wenigstens dem Namen nach vertraute Figur für die Zuschauer.

Im Fall von „Babylon Berlin“ kommt die Serie zu einem Zeitpunkt, da immer wieder die Frage nach heutigen „Weimarer Verhältnissen“ gestellt wird. Tom Tykwer, einer der drei Regisseure der Serie, machte diese vermeintlichen Parallelen der Weimarer Republik zur politischen Gegenwart beim Filmfest in Rom noch einmal deutlich. 1929 habe sich niemand vorstellen können, wie radikal sich die Gesellschaft in nur dreieinhalb Jahren verändern sollte – auch heute wolle niemand glauben, dass Europa in fünf Jahren verschwunden sein könnte.

Serientrailer
„Babylon Berlin“
© obs, SKY

Wie viele Kommentatoren nennt Tykwer als Vorzeichen eines möglichen Untergangs der Demokratie den Brexit, den Wahlsieg Donald Trumps und die Wahlerfolge rechter Parteien. Zu der Frage, ob man heutige Verhältnisse mit der Weimarer Republik vergleichen kann, veröffentlichte diese Zeitung in diesem Jahr in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte eine Serie von Artikeln bekannter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Ein solches Zusammenspiel zwischen gesellschaftlichem Geschichtsinteresse und Geschichtswissenschaft findet auch Eingang in die Lehre. Unter dem Begriff „Public History“ wird diese Verbindung zwischen fachwissenschaftlichen Fragen und der breiten Rezeption von Geschichte an mehreren deutschen Universitäten gelehrt.

Der „Blutmai“ zum Beispiel

Ein Seminar zu „Babylon Berlin“ könnte ähnlich ablaufen wie das Seminar zu „Game of Thrones“ in Hamburg. Die Serie – wie auch die Buchreihe von Volker Kutscher – verwebt im Gegensatz zu „Game of Thrones“ historische Ereignisse mit der Fiktion. Der „Blutmai“ von 1929 ist ein Nebenschauplatz der Serie: Im Anschluss an die von der Berliner Polizei nicht genehmigten Maidemonstrationen der KPD tötete die Polizei 32 Personen.

Im Seminar könnte erörtert werden, wo die Serienhandlung sich mit den konkurrierenden Erzählungen überschneidet, die sich nach den Ereignissen sofort verbreiteten. Sowohl Polizei als auch Politik nutzten die Ereignisse für ihre Zwecke. In unmittelbarer Folge wurde der Rote Frontkämpferbund im Gebiet Preußen verboten. Die Kommunisten wiederum nutzten den Blutmai, um der SPD Verrat an der Arbeiterklasse vorzuwerfen.

Das Vorgehen der Polizei und deren Vertuschungsversuche finden in die Serie ebenso Eingang wie der von der KPD propagierte „Sozialfaschismus“ der SPD. Kommissar Rath und sein Kollege Bruno Wolter machen in vollem Bewusstsein Falschaussagen über den Tod von zwei Frauen bei den Demonstrationen. Auf der anderen Seite treten mit der Armenärztin Dr. Völker und dem jungen Kommunisten Fritz Protagonisten auf, die der SPD und dem Polizeiapparat vorwerfen, sie hätten die Situation mit voller Absicht eskalieren lassen. Die Polizei kommt in „Babylon Berlin“ in diesem Fall sehr schlecht weg. Zur Erinnerungsgeschichte der Ereignisse vom Mai 1929 gehören auch Forschungen von Historikern in der DDR.

Die „Kriegszitterer“ als emblematische Figuren

Mit Kriminalrat Ernst Gennat und dem sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Karl Zörgiebel treten in „Babylon Berlin“ auch historische Persönlichkeiten auf. Die Serie will ein breites Panorama der Zeit sein. Sie vereint das kriminelle Milieu Berlins, russische Exilanten und Feinde der Republik, zeigt individuelle Schicksale wie zwei Kriegszitterer, Witwen von Gefallenen des Weltkriegs und Anhänger der Freikörperkultur. Manches tickt sie nur an, anderes wird weiter ausgeführt.

Die Anknüpfungspunkte für ein Seminar sind vielfältig und nicht nur in der Geschichtswissenschaft zu suchen, denn auch filmhistorisch bezieht sich die Serie nicht nur im Drehbuch, sondern auch in ihrer Machart auf die Vergangenheit wie mit dem Ruttmann-Zitat. Interdisziplinär ließe sich beispielsweise zum Thema „Kriegszitterer“ auch die Medizin einbinden.

Aber statt die Serie nur auf ihre vermeintliche historische Authentizität zu überprüfen und ihre Erzählungen den wissenschaftlichen Fakten gegenüberzustellen, wäre eine weitere interessante Frage: Was wird eigentlich nicht dargestellt? Die Nationalsozialisten sind in der ersten Staffel der Serie kein Thema. Dabei erlangte die NSDAP 1929 reichsweit wieder Aufmerksamkeit, als sie zusammen mit der DNVP und dem Stahlhelm gegen den Young-Plan agitierte.

Leicht gesagt: verkehrte Politik

Die „große Politik“ taucht in der ersten Staffel von „Babylon Berlin“ nur am Rande am Zeitungskiosk auf, Außenminister Stresemann hat seinen Auftritt erst in der zweiten Staffel. Für eine Perspektive über Deutschland hinaus werden russische Spione, Exilanten und der sowjetische Botschafter gezeigt, gelegentlich fällt aber auch das Stichwort „Völkerbund“.

Das Berlin-Bild von „Babylon Berlin“ entspricht weitgehend dem schon im Titel aufgerufenen Klischee: Die Protagonisten schlafen kaum, das vielfältige Nachtleben schert sich nicht um den Paragraphen 175, mit Ausnahme von Gereon Rath scheinen die Kirchen kaum Einfluss auf die Protagonisten zu haben. Dass die Hauptstadt des Deutschen Reiches in diesem Reich vielleicht doch eher die Ausnahme als die Regel ist, wird nur am Rande an den zugezogenen Protagonisten wie Gereon Rath und Charlotte Ritters Freundin Greta Overbeck deutlich, die sich in diesem Babylon zunächst nur schwer zurechtfinden. Gerade dieser Aspekt der Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen könnte im Seminar gut mit dem Heute abgeglichen werden. So sind Diskussionen über sexuelle Identität und deren rechtliche Bewertung hochaktuell.

Wie weit möchte Tykwer die Vergleichslinien ziehen? Bieten die Szenen vom „Blutmai“ und die Reaktion des Polizeipräsidenten visuelle und gedankliche Anknüpfungspunkte an Bilder von heutigen Demonstrationen und wären solche Assoziationen überhaupt berechtigt? Sind die Ziele der Kommunisten von damals die gleichen wie die der Antiglobalisierungsgegner von heute?

Auch die andere Seite führt die Serie mit den alten Eliten des Militärs als Feinde der Republik ein. In einer konspirativen Feierstunde zu Ehren der Toten aus dem Regiment wird dann auch einhellig die ursprünglich kommunistische Losung „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“ ausgerufen. Babylonische Verwirrung der politischen Sprache oder gut erfundenes Zeichen für die Berührung der Extreme? Längst skandieren Demonstranten „Volksverräter“ wieder auf offener Straße. Was heute Querfront heißt, hat die Weimar-Forschung unter anderem am Berliner Straßenbahn-Streik von 1932 untersucht. Von ihm könnte eine spätere Staffel von „Babylon Berlin“ erzählen.

Quelle: F.A.Z.
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