Soziologie der Unzufriedenheit

Rechte Leute von links

Von Günter Platzdasch
 - 16:27

Die Nation zerfällt. Das deutsche Bürgertum kann nicht einmal mehr die Grenzen seines eigenen Vaterlandes schützen.“ Das beklagte kein Pegida-Redner, sondern das KPD-Zentralorgan „Rote Fahne“ am 1. April 1923. Eine Tagung des DFG-Kollegs Postwachstumsgesellschaften und der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung fragte jetzt in Jena nach der „Arbeiterbewegung von rechts“. Heimlicher Star der Tagung war nicht die Präsidentin der International Sociological Association, die am ersten Tag vom Women’s March gegen Trump erzählte, sondern eine studentische Hilfskraft am Soziologischen Institut der Universität Jena, die am letzten Konferenztag aus ihrer Masterarbeit vortrug.

Sophie Bose hat Hauptamtliche, Jugendvertreterinnen und Betriebsräte einer Verwaltungsstelle der IG Metall in Sachsen befragt. Die Worte eines stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden, welche die Studentin dort zu hören bekam, hatte ihr Professor Klaus Dörre bereits zur Kongresseröffnung zitiert: „Flüchtlinge müssten, also meiner Meinung nach, die müssten raus. Die nur hierher kommen und die Hand aufhalten, sich benehmen wie das Letzte und denken, können sich alles erlauben, raus. Ich hätte kein Problem damit, jetzt mal Buchenwald wieder aufzumachen, einen Stacheldraht ringsrum, die dort rein, wir dort draußen. Dann kommt sich keiner in die Quere.“ Dörre hat das von seiner Studentin Protokollierte alarmiert und zur Ausrichtung der Tagung motiviert.

Ramelow irritierte seine Genossen

Von Jacques Doriot über Oswald Mosley bis Benito Mussolini gab es faschistische Führer mit linken Wurzeln. Im vergangenen Jahr wechselte der Bergmann, Sozialdemokrat und Gewerkschafter Guido Reil öffentlichkeitswirksam zur AfD. Thüringens linker Ministerpräsident Bodo Ramelow erzählte auf der Tagung in Jena davon, wie er 2006 als Bundeswahlleiter seiner Partei Genossen irritierte, als er untersuchen ließ, wer mit einer Stimme PDS, mit der anderen NPD gewählt hatte.

Dass sich das Arbeiterbewusstsein nach rechts verschoben hat, kam erst über den Umweg Frankreich, mit der Übersetzung von Didier Eribons „Retour à Reims“ hierzulande an. Da reüssierte die als „Professorenpartei“ belächelte AfD längst bei Regionalwahlen unter Arbeitern und Arbeitslosen als stärkste Partei. Dass mit Robert Farle ein früherer DKP-Funktionär für die AfD in den Landtag von Sachsen-Anhalt einzog, erregte kaum Aufsehen. Im Verlag der „Marxistischen Blätter“ hatte Farle 1969 gemeinsam mit Peter Schöttler, bevor dieser zum Historiker nationalistischer Traditionen in der deutschen Geschichtswissenschaft wurde, den Band „Chinas Weg. Marxismus oder Maoismus“ publiziert.

Im drastischen Stil von Jörg Baberowski

In Österreich votierten 86 Prozent der Arbeiter bei der Bundespräsidentenwahl für den Kandidaten der FPÖ. Jörg Flecker (Wien) untersucht den ostösterreichischen Arbeitsmarkt. Ungarn und Slowaken verdienen dort zwar nur halb so viel wie Einheimische, jedoch doppelt so viel wie zuhause. „No borders funktioniert nicht“, gab Andreas Nölke (Frankfurt) mit Worten zu bedenken, die auch Jörg Baberowski hätte verwenden können: „Wenn man den Sozialstaat verteidigen will, sind Grenzen etwas Progressives.“

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Ein stellvertretender Betriebsratsvorsitzender sagt: „Flüchtlinge müssten raus.“
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Oswald Mosley, Léon Degrelle, die Brüder Strasser: Es gab schon einmal eine Arbeiterbewegung von rechts.
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Gewerkschaften sind offiziell „gegen rechts“, dürfen aber ihre Mitglieder nicht vor den Kopf stoßen.

Gewerkschaften stecken in der Zwickmühle zwischen Resolutionen „gegen rechts“ und dem Organisationsinteresse, als Gegenmacht breit in Betrieben vertreten zu sein. Paragraph 80 des Betriebsverfassungsgesetzes („Maßnahmen zur Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“) wird als Firewall eher in Großbetrieben angewandt, Klauseln zum Gewerkschaftsausschluss stehen nur auf dem Papier und könnten das zum rechten Weltbild gehörende Opfer-Selbstverständnis verfestigen.

Eine paradoxe Demokratiebewegung?

Für Peter Reif-Spierek von der Landeszentrale sind Gewerkschaften „die einzige zivilgesellschaftliche Organisation, die diese Gruppen überhaupt noch erreicht“. Bei der letzten Landtagswahl lag in den Villenvierteln der Landeshauptstadt Erfurt die Wahlbeteiligung bei 70, in den Arbeiterquartieren bei 25 Prozent. Er versteht die neuen Auftritte von rechts als „paradoxe Demokratiebewegung“, Wiedereintritt ins demokratische Procedere.

Schließen also AfD und Trump eine Repräsentationslücke? „Das Befreiende an Trump“ ist für Dörre, „dass die neoliberale Sachzwanglogik der Globalisierung da mit einem Tweet durchbrochen wird“. Sein Kollege Hartmut Rosa sekundierte: Trump verwirklicht Obamas Yes-we-can-Versprechen. Ebenso trete in Polen die PiS-Regierung auf, ergänzte Michal Sutowski (Warschau), die ihre Wahlversprechen umsetze: Mit der Gewerkschaft gegen den deregulierten Arbeitsmarkt, für Mindestlohn, niedrigeres Renteneintrittsalters und mehr Kindergeld. Gegen die EU wird die Kohleenergie beschützt.

Arlie Hochschild (Berkeley) schilderte per Video, wie es Monate vor der Präsidentenwahl in Louisiana den Leuten erging, die Trump als Retter herbeisehnten (zu ihrem Buch „Strangers in Their Own Land“ siehe die Kritik von Michael Hochgeschwender). Warum interessierte dort der „locker room talk“ Trumps kaum? „Frauen aus der Arbeiterklasse stimmten nach ihrer Klasse, nicht nach ihrem Geschlecht.“

Soziale Medien verändern das Klima

Hans-Jürgen Urban, ein habilitierter Soziologe in der Zentrale der IG Metall, kritisierte ein Defizit der Populismusforschung, die zwar Arbeitsmarktentwicklungen berücksichtige, jedoch „arbeitsweltvergessen“ sei. Es gebe in den Betrieben einen „Populismus ohne Öffentlichkeit“. Erkenntnisse hierüber berichtete Dieter Sauer (München) aus einer noch laufenden Studie in der Metall- und der Dienstleistungsbranche. Seit der Fluchtbewegung 2015 gebe es in den Betrieben eine „Klimaveränderung“ und Netzwerkbildung über soziale Medien, deren Potential die AfD noch gar nicht ausgeschöpft habe. Ständige Umstrukturierungen und Leistungsverdichtungen führten zu einer allgemeinen Verunsicherung, die unabhängig vom Auf und Ab bei Flüchtlingszahlen oder AfD-Wahlergebnissen ein Ventil suche: „Man müsse immer mehr strampeln, um das Niveau zu halten.“

Klaus Kraemer (Graz) entdeckte im „Testfall Steiermark“ noch ein anderes Unbehagen. Sein Foto von Leutschach an der Weinstraße zeigte eine Postkartenidylle, einen Ort ohne Migranten, ohne Arbeitslose, in dem es auch keine politische Repräsentationskrise, aber viele große Autos gibt. Hier erreichte Norbert Hofer sein Spitzenergebnis. Nicht nur sozialer Abstieg motiviert zu rechter Wahlpräferenz. Die Globalisierung habe den Wertekanon umgestaltet. Mehrsprachigkeit, interkulturelle Kompetenz, internationale Bildungskarrieren („Erasmus und Bologna“) sind angesagt – einfache berufliche Qualifikationen, Heimat und Provinz, Vergemeinschaftung in geschlossenen Kreisen werden verspottet. Die Öffnung „nationaler Containergesellschaften“ führe zu symbolischen Abwertungen – und zur Protestwahl.

Diversity muss nicht antikapitalistisch sein

Auch Sighard Neckel (Hamburg) kritisierte das „linke Selbstmissverständnis“, Diversity sei antikapitalistisch. Im Gegenteil sei die kulturelle Modernisierung mit der Abwertung anderer Lebensstile Voraussetzung weiterer Kapitalexpansion. Heinz Bude (Kassel) nannte den Widerspruch von guter Lage und schlechter Laune ein „Zufriedenheitsrätsel“. Sogar bei Geringverdienern gebe es einen Zufriedenheitszuwachs, aber gepaart mit der Ahnung, dass im Ganzen etwas nicht stimmt, mit dem Empfinden, in einer welthistorischen Übergangssituation zu leben, von der die Migranten künden – auch deswegen der Versuch, wenigstens den Boten der ungemütlichen Nachricht abzuwehren. „Das Schlimmste liegt hinter uns“, sei nach 1945 vorherrschende Stimmung gewesen. Heute gebe es ein „untergründigen Rumoren der Ängstlichkeit unter der Zufriedenheit“ und die Befürchtung, das Schlimmste stehe uns noch bevor und das ganze System stehe in Frage. „Heimatloser Antikapitalismus“ sei Nährboden für Rechtspopulismus.

Budes Empfehlung, statt auf Anti- auf Postkapitalismus zu setzen und die neoliberalen Chicago-Boys durch die MIT-Fellows Mario Draghi & Paul Krugman abzulösen, wird das Jenaer Soziologentriumvirat Dörre, Rosa und Stephan Lessenich, das in Kollektivpublikationen an der Abschaffung des Kapitalismus arbeitet, nicht überzeugt haben. „Wir sind am Anfang der Debatte“, resümierte Dörre; in jeder seiner Prüfungen sei es unproblematisch, Studierende mit Gender-Themen zu konfrontieren – „aber wir müssen die ihnen unbekannte Klassenfrage wieder stellen“.

Quelle: F.A.Z.
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