Zum Tod Jerry Fodors

Der Kopf hinter dem Code im Kopf

Von Philipp Hübl
 - 17:06

Wenn Sokrates Recht hatte, ist Gelassenheit eine Kerntugend der Philosophie. Bei dem amerikanischen Philosophen Jerry Fodor offenbarte sich die sokratische Gelassenheit alledings als eine besondere Mischung aus Zurückhaltung und Lässigkeit. Das wurde dem Autor dieser Zeilen in einem Seminar Fodors bewusst, das er im Jahr 2003 an der Rutgers Universität in New Jersey besuchte. Schon damals galt Fodor als einer der einflussreichsten Philosophen auf dem Feld der Philosophie des Geistes, was sich unter anderem daran zeigte, dass in seinen Lehrveranstaltungen etablierte Kollegen wie Barry Loewer oder Brian McLaughlin saßen und sich wie die Studenten brav für Fragen meldeten.

Einmal hatte Fodor seinen Gürtel vergessen, wodurch die Jeans gefährlich locker auf seinem durchaus stattlichen Bauch saß. Irgendwann passierte es: Bei einer Drehung rutsche ihm die Hose bis zu den Knien und der Professor stand mit seiner weißen Unterhose vor der Klasse. Jedem anderem wäre das wahnsinnig peinlich gewesen. Doch Fodor errötete nicht und unterbrauch auch nicht seinen Vortrag. Stattdessen zog er in aller Seelenruhe die Hose hoch und sprach weiter. Die Studenten starrten auf Ihre Notebooks. Niemand blickte auf, niemand lachte, niemand tuschelte. Die Szene war so surreal, dass man sich danach fragte, ob sie übhaupt stattgefunden hatte.

Arbeit an der Destruktion des Behaviorismus

Fodor war im Umgang entspannt und sanft, in seinen philosophischen Beiträgen hingegen scharfsinnig, provokant und oft auch polemisch. Berühmt machte ihn in den siebziger Jahren seine These von der „Sprache des Geistes“. Dieses „Mentalesisch“ sollte gleichsam der Code des Denkens sein, analog zur gesprochenen Sprache, mit einer Grammatik und Symbolen, genauer Begriffen. Nur so kann man Fodor zufolge erklären, wie Menschen Denkschritte systematisch vollziehen und ihre Handlungen planen. Denken als Symbolmanipulation aufzufassen passte zur damaligen Euphorie des Computer-Funktionalismus und zu Forschungsprogrammen in der Künstlichen Intelligenz, für die Fodor das philosophische Theoriegerüst lieferte.

Geboren 1935 in New York, studierte Fodor Philosophie an der Columbia Universität, machte seinen Doktor in Princeton und lehrte danach unter anderem am MIT, bevor er nach Rutgers ging. Hilary Putnam und Noam Chomsky waren seine Lehrer und später Kollegen. Zusammen trugen sie zum Untergang des Behaviorismus bei, der damals die amerikanische Psychologie dominierte - und zum Aufstieg des Kognitivismus, der bis heute so einflussreich geblieben ist, dass er sogar unseren Alltagssprachgebrauch prägt, etwa wenn wir vom Gedächtnis als „Wissensspeicher“ sprechen oder, dass wir „Informationen verarbeiten“.

Die Module des Geistes

Zu fast allen Themen der Philosophie des Geistes hat Fodor mit teils steilen Thesen wichtige Beiträge geliefert. Begriffe, also die mentale Gegenstücke zu Wörtern, hielt er zum Großteil für angeboren, die Begriffstheorien aus der Psychologie hingegen allesamt für falsch und Darwins Theorie der Selektion als Prinzip der Evolution für nicht haltbar. Viele von Fodors Thesen sind bis heute umstritten, aber nie einfach zu widerlegen. Andere sind inzwischen empirisch gut belegt, wie seine Modularitätsthese, die besagt, dass es in unserem Geist autonome Bereiche gibt, die für Funktionen wie Sprache, Motorik oder Wahrnehmung spezialisiert sind. Ursprünglich war das eine verschrieene Idee aus der vorwissenschaftlichen Phrenologie. Heute ist sie nicht zuletzt durch die Neurowissenschaften gut belegt.

Fodor hatte nicht nur einen feinen Humor, etwa wenn er meinte, die Prosa seiner englischen Kollegen müsse man erst einmal von „Oxfordisch“ ins „Englische“ übersetzen, oder wenn er von seiner intelligenten Katze erzählte und in seinen Texten fiktive Figuren wie die neunmalkluge Großmutter „Granny“ und die Tante „Auntie“ zu Wort kommen ließ. Fodor wusste auch auf jede kritische Frage eine Antwort, so dass man den Eindruck bekam, er hätte über alles schon einmal nachgedacht. In Deutschland blieb ihm die Anerkennung außerhalb der Fachkreise vermutlich nur deshalb verwehrt, weil sein Werk bisher nicht übersetzt wurde. Das wäre spätestens jetzt an der Zeit. Am Mittwoch ist Jerry Fodor, der eminente, sanftmütige, polemische Denker, gestorben.

Philipp Hübl ist Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart. Zuletzt erschien von ihm „Der Untergrund des Denkens. Eine Philosophie des Unbewussten“ (Rowohlt, 2015).

Quelle: FAZ.NET
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