Gerhart Baum in Frankfurt

Wo sind die Intellektuellen heute?

Von Jan Wiele
 - 10:31

In einem Kölner Kino stand Gerhart Baum im Sommer 1956 und diskutierte mit den Zuschauern. Es war nach einer Sonntagsmatinee, aber man gab keine der damals gängigen Heimatschmonzetten, sondern „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais, einen Film, der den Horror der Konzentrationslager vorführte und die Frage nach der deutschen Schuld stellte. Baum hatte als Vorsitzender der Jungdemokraten mit diesen das Kino angemietet, um etwas sichtbar zu machen, das viele Deutsche damals nicht sehen und viele Kinos nicht zeigen wollten - man wurde dafür als Nestbeschmutzer beschimpft: frühe bundesrepublikanische Wirklichkeit.

In einem Frankfurter Kino steht der achtzigjährige Gerhart Baum nun, im Sommer 2013, zwischen zwei Sitzreihen und spricht mit den Zuschauern, die an diesem Abend auch einige Ausschnitte aus dem Resnais-Film gesehen haben - aber diesmal waren sie Teil eines Films über das Leben und politische Wirken Gerhart Baums mit dem Titel „Wir wollten die Republik verändern - Der Liberale Gerhart Baum“.

Den Titel kann man als sachliche Beschreibung einer Berufung zur Politik verstehen; es schwingt aber auch etwas Resignation darin mit, als hätte es mit der Veränderung nicht so ganz geklappt. Was aus dem Liberalismus geworden ist, fragt denn auch eine Frau einen seiner Protagonisten nach dem Film. Und Baum räumt ein, dass er von den alten Idealen in der heutigen FDP nicht mehr allzu viel erkennen könne. Von der Frage der Frau lässt er sich aber auch schnell zu einem seiner großen Lebensthemen leiten: nämlich, wie es denn mit der Freiheit und dem Menschenrecht auf Privatsphäre überhaupt stehe in einer Zeit, da die Enthüllungen über die NSA dystopische Vorstellungen von der totalen Überwachung sehr real haben werden lassen. In diesem Feuilleton hat Baum dazu vor einigen Tagen geschrieben, es gehe beim Datenschutz um mehr als um Märkte - nämlich um die Menschenwürde.

Verteidiger der freiheitlichen Grundrechte

Baum selbst wirkt freilich keineswegs resigniert. Aufgeräumt steht er Rede und Antwort, spricht knapp und druckreif, dabei aber nicht kalt, sondern durchaus einfühlsam. Auch der Film über ihn beginnt mit einer Szene der Rührung: Er zeigt Baum in seiner Heimatstadt Dresden an einem 13. Februar, jenem Datum also, an dem 1945 in einer einzigen Bombennacht die Stadt komplett zerstört wurde. Baum, der damals zwölf Jahre alt war und dessen Vater von der Ostfront nicht zurückkehrte, hält in der Szene von 2010 zum 65. Jahrestag der Dresdner Katastrophe eine Gedenkrede vor den Dresdner Bürgern - aber er kommt auch bald darauf zu sprechen, dass man ein solches Datum nicht losgelöst von der Frage nach deutscher Schuld daran betrachten könne.

Baum sagt dies angesichts eines gleichzeitig stattfindenden Neonazi-Aufmarschs und erntet dafür Trötenlärm; er betont aber andererseits die Notwendigkeit, dass der Rechtsstaat auch Demonstrationen von Freiheitsfeinden zu erdulden habe - und wieder sieht man scharf umrissen zwei seiner Lebensthemen sehr lebendig werden: Er setzte sich früh und vehement für eine konfrontative Aufarbeitung des Nationalsozialismus ein, von dessen Repräsentanten er sich in seiner politischen Frühzeit noch allenthalben umgeben sah, und er verteidigte die freiheitlichen Grundrechte eines jeden auch in den schwierigsten Situationen seiner Karriere.

Eine Antwort von Thomas Mann

Natürlich kommt der Film dann auch auf diese zu sprechen, auf die RAF-Zeit also, in der Baum zunächst als Parlamentarischer Staatssekretär der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt und seit 1978 als Bundesinnenminister unter Helmut Schmidt amtierte. Die Regisseurin Bettina Ehrhardt hat für diesen Film neben Baum selbst dessen Freunde und viele Zeitzeugen interviewt; vor allem aber hat sie die Archive durchstöbert und aus den Funden eine bestechende Collage gemacht, die eine große Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik zeigt.

Man merkt es Baum noch heute an, dass die sogenannte Bonner Wende von 1982 für ihn auch eine sehr persönliche war, die das Gewissen eines linksliberalen Politikers angesichts des Wechsels seiner FDP als Koalitionspartner der SPD zu jenem der CDU auf die härteste Probe stellen musste und infolge derer vieles zerstört wurde. Deutlicher als in einer Szene des Berliner FDP-Parteitags im November 1982 kann man das Dilemma zwischen Idealismus und Realpolitik nicht zeigen, das sich in Baums Gesicht abspielt. Er entschied sich, in der FDP zu bleiben, während andere austraten. Auf diesem Parteitag flossen schließlich Tränen - nicht aus privater Rührung, sondern über gescheiterte Ideale wie jene der „Freiburger Thesen“ der Partei von 1971, die auf eine Reform des Kapitalismus und auf Umweltschutz zielten, lange bevor es die Grünen gab. Das wirkt angesichts der heutigen Leistungs-FDP unendlich fern, und auch sonst erweckt der Film oft den Eindruck einer politischen Kultur, die es so nicht mehr gibt.

Einmal fragt Baum vor dem Kinopublikum dann auch erbost: „Wo ist denn heute die intellektuelle Attraktivität der Parteien?“ Woher er selbst sein intellektuelles Profil bezogen hat, wird im Film etwa an einem Brief veranschaulicht, den der Schüler Gerhart Baum an den von ihm verehrten Thomas Mann schrieb - in Sorge, dass die Höllenfahrt des „Doktor Faustus“ noch nicht beendet sei und die Demokratie nicht gelingen könnte. Thomas Mann antwortete tatsächlich: „kurz, aber freundlich und zustimmend“, wie Baum in seinem Buch „Meine Wut ist jung“ vom vergangenen Jahr schreibt.

Unter seinen Politikerkollegen sei er auf literarisch interessierte eher selten gestoßen, sagt Baum später noch und erwähnt dabei, dass er sich 1972 als Staatssekretär im Zuge einer Amerika-Reise für den Erwerb des Mannschen Wohnhauses im kalifornischen Pacific Palisades eingesetzt habe - die damalige Regierung habe dies jedoch schnöde abgelehnt. Dann steigt der Bundesminister a.D. ins Taxi und ist weg - ein freier Mann und jetzt wieder ohne Personenschutz, aber für diesen noch immer im Einsatz.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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