Schriftsteller W.G. Sebald

Wandern in W.

Von Christian Geyer
© Picture-Alliance, F.A.Z.

Wenn er das wüsste! Wenn der 2001 bei einem Autounfall verstorbene Schriftsteller W.G. Sebald wüsste, wie geradewegs er von seinem Heimatdorf Wertach im Allgäu dingfest gemacht wird, wie vollkommen irritationsfrei das dortige Tourismusbüro beispielsweise mit dem elf Kilometer langen „Sebaldweg“ wirbt, obwohl Sebald in seinem Werk auf Wertach immer nur unter dem Kürzel W. eingegangen ist, obwohl er also seinen Heimatort noch nicht einmal beim Namen nannte, ne nominetur, dafür aber über W. jede Menge Beklemmendes, Unheimliches zu schreiben wusste.

Die Architekten des Sebaldweges hielten sich damit nicht auf. Um aus dem Sebaldweg einen Lehrpfad zu machen analog zum Imkerpfad oder zum Fischereilehrpfad oder zum Wildlehrpfad, klaubten sie aus Sebalds Werk solche Stellen heraus, die einen Lokalbezug rund um Wertach nahelegen. Diese Stellen gravierten sie dann in sechs Stelen entlang des Sebaldwegs, so dass die locations vor der Nase nun zugleich im Dichterwort verbürgt erscheinen.

So ist Sebald heute als Kommunikationsdirektor der Gemeinde präsent, als ein Reiseführer, der erklärt, was in und um Wertach herum Sache ist. Die Tourist-Info Wertach erläutert das zupackend-positivistische Verfahren wie folgt: „Auf sechs Stelen sind Textstücke aus dem letzten Kapitel des Werkes ,Schwindel. Gefühle.‘ zu lesen, die sich genau auf den jeweiligen topografischen Punkt beziehen, sozusagen am Originalschauplatz liegen.“ Man kann das „sozusagen“ hier gar nicht weit genug fassen, um die Rede vom Originalschauplatz nicht falsch zu verstehen. Denn Sebald ist gleichsam der Inbegriff der literarischen Freiheit im Mantel des Dokumentarischen, er hatte sich hinter den Anfangsbuchstaben von Winfried und Georg – seinen Vornamen, die er als teutonisch ablehnte – eine Dichterexistenz eingerichtet, die als Ich-Erzähler zwar biographische Daten Sebalds verarbeitete, dessen Bekannte traf, dessen Lieblingsbücher las und dessen Reisen unternahm – aber dabei doch stets Kunstfigur blieb, eben W.G. Sebald, der so wenig mit Winfried Georg Sebald zu verwechseln ist wie das Dorf W. mit Wertach. Tatsächlich ist bei Sebald überhaupt nichts dingfest zu machen im Sinne einer historischen, topographischen, biographischen „Wahrheit“; er reichert Erinnerung mit Erfindung an, montiert und collagiert Faktisches mit Postfaktischem, der dokumentarische Rang bleibt stets ungewiss.

Der Versuch, mit Sebald Originalschauplätze zu entziffern, sperrt den Dichter in seine Sätze ein, legt ihn auf eine Perspektive fest, die dieser wohl eine Zeitlang einzunehmen vermag mit aller Unbedingtheit, zu der er fähig ist – gleichsam versuchsweise, als glaube er, dass Wünschen helfe –, um dann jedoch diese Wünsche mit umso mehr Karacho und dabei erstaunlich leichthin scheitern zu lassen. Wie hier postum: am touristischen Kalkül des Orginalschauplatzes. Man muss klar sagen: Statt die Nerven zu bewahren und immer schön straight poetisch zu bleiben, lässt die örtliche Tourist-Info W. an Wertach scheitern, W.G. an Winfried Georg. Haben diese Erlebnismanager denn gar nichts von Sebald gelernt? Ach, Wertach, warum in die reality-show des Satzglaubens einsteigen, wo es in Sebalds Schatz „Austerlitz“ doch so wunderbar heißt: „So ein Satz, das ist etwas nur vorgeblich Sinnvolles, in Wahrheit allenfalls Behelfsmäßiges, eine Art Auswuchs unserer Ignoranz, mit dem wir, wie so manche Meerespflanzen und -tiere mit ihren Fangarmen, blindlings das Dunkel durchtasten, das uns umgibt.“ Warum, statt sich blindlings am Rätsel der literarischen Vexierspiele zu versuchen, lässt Wertach seinen berühmten Schriftsteller heute ab halb acht beim großen Brauchtumsabend im Gasthof Engel nicht als Kunstfigur auftreten und ihn sozusagen „Ich liebe euch doch alle“ rufen? W.G. Sebald hätte auch diese neueste Idee aus W. zu nehmen gewusst.

Quelle: F.A.Z.
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