Historiker Bernard Bailyn

Der Generalissimus der Revolutionsforscher

Von Patrick Bahners
 - 14:16

Nach dem Untergang des Deutschen Reiches schlug der dreiundachtzigjährige Historiker Friedrich Meinecke vor, das deutsche Bürgertum solle sich zum Zweck der Selbstbesinnung in lokalen Goethe-Gemeinden sammeln. Hyperkritischen Historikern der Geschichtswissenschaft belegen damit, dass auch die feinsinnigsten Repräsentanten des staatsfreundlichen Historismus hoffnungslos rückwärtsgewandt gewesen seien. Aber markierte Goethe 1945 unbedingt eine reaktionäre Option? Auch ein junger Historiker, der als Sieger aus dem Krieg zurückgekehrt war, sechzig Jahre nach Meinecke geboren, wollte seine Energie Goethe widmen. Bernard Bailyn reichte in Harvard, wo er 1953 Professor wurde, den Plan einer Goethe-Dissertation ein.

Hätte er diese Arbeit geschrieben und sich nicht stattdessen den Kaufleuten von Neuengland zugewandt, um Max Webers These vom Konnex von protestantischer Ethik und Kapitalismus zu überprüfen, hätte er Goethe wohl nicht als den Fürstenknecht porträtiert, als den ihn ein anderer amerikanischer Goethe-Forscher später entlarvte. Eher hätte sich der Freund Alexander von Humboldts als dessen Geistesverwandter erwiesen, als ein Kolumbus neuer geistiger Welten des präzise beschriebenen Fühlens und der realistischen Welterfassung.

„Du kannst mir den Buckel runterrutschen.“

Vielleicht wäre Bailyn der digitalen Germanistik zuvorgekommen und hätte die gesamte Sophien-Ausgabe nach Leitwörtern erschlossen. Denn schon als Student der englischen Literatur am Williams College in Massachusetts hatte er sich weniger für das Individuelle als für das Typische an literarischen Texten interessiert, in Vorwegnahme der makroliteraturwissenschaftlichen Expeditionen von Franco Moretti. Gemeinsam mit seiner Frau Lotte, der Tochter von Paul Lazarsfeld, dem aus Österreich emigrierten Pionier der empirischen Sozialforschung, entwickelte Bernard Bailyn unter Verwendung eines rudimentären Computers ein statistisches Instrumentarium zur Erfassung des Seehandels im kolonialen Massachusetts.

Sein einflussreichstes Buch, das den Lehrer von Historikern wie Pauline Maier und Gordon Wood zum Generalissimus der amerikanischen Revolutionshistorikertruppen auf Lebenszeit machte, ist ein Werk der politischen Ideengeschichte. Aber die radikale These von „The Ideological Origins of the American Revolution“, erschienen 1967, in einem Weltmoment vorrevolutionärer Stimmungen, hatte die Bewältigung einer Quellenmasse zur Voraussetzung, die eben als Masse, statistisch erfasst, ihre Evidenz entfaltete. Bailyn hatte die Flugschriften der Revolutionszeit gesammelt und festgestellt, dass dort berühmte Philosophen und abstrakte Argumente des Naturrechts viel seltener angeführt wurden als Episoden aus der englischen Verfassungsgeschichte, die als Warnung vor den tyrannischen Absichten der Regierung in London verstanden wurden.

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Dem machtkritischen Denken, das die Revolutionäre der Republik vererbten, schrieb Bailyn einen „paranoischen“ Zug zu – wenige Jahre vorher hatte sein New Yorker Kollege Richard Hofstadter zur Einordnung der McCarthy-Ära einen wiederkehrenden „paranoiden Stil“ der amerikanischen Politik auf den Begriff gemacht. Der verschwörungstheoretische Überschuss der Begründungen für die Unabhängigkeit trug bei zur Radikalität der Revolution, die Bailyn positiv bewertet: als Befreiungsschlag, der bewirkte, dass sich liberale Potentiale der kolonialen Gesellschaft ungehindert entfalten konnten. Es gab keine Aristokratie, und die Staatskirchen wurden nach und nach abgeschafft.

Ein Zug ins Große und Weite ist der Lebensarbeit von Bernard Bailyn eigen, der jahrzehntelang die großen Einwanderungswellen untersuchte und in Darstellungen für das große Lesepublikum zum Stoff erzählender Geschichte machte. Die „atlantische Geschichte“ kartographierte er als Großforschungsfeld. Deutsch hatte er im Krieg an der Clark University bei Hilde Weiß gelernt, einer Mitarbeiterin des Instituts für Sozialforschung, die den Titel „Drill Master in German“ trug. Ein Beispielsatz, den er bei Goethe nicht fand, prägte sich ihm besonders ein: „Du kannst mir den Buckel runterrutschen.“ Ungefähr das sagten die Amerikaner 1776 zu König Georg III. Am heutigen Samstag feiert Bailyn seinen fünfundneunzigsten Geburtstag.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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